Zalando: Rendite über alles
Trotz sprudelnder Gewinne will der Onlinehändler seinen Standort in Erfurt schließen. Die Empörung in Thüringen ist groß, auch weil das Logistikzentrum vom Land subventioniert wurde. Von Joachim F. Tornau
Der Tiefschlag kam aus dem Nichts. Zu Jahresbeginn lud der Vorstand des Online-Kleiderkaufhauses Zalando die Beschäftigten seines Erfurter Logistikzentrums zu einer Informationsveranstaltung. „Neujahrsgrüße“ lautete die Überschrift. „Es hat sich zuerst niemand etwas Böses gedacht“, sagt der Erfurter Verdi-Sekretär Matthias Adorf. „Die schlimmste Befürchtung war, dass die Nachtschichten eingestellt werden könnten.“ Doch was Co-CEO David Schröder dann verkündete, war das komplette Aus: Ende September soll der Erfurter Standort dichtgemacht werden. Alle 2700 Beschäftigten müssten sich einen neuen Job suchen. Mehr als ein Sechstel seiner Gesamtbelegschaft will Zalando damit auf die Straße setzen, trotz bestens laufender Geschäfte.
Im Jahr 2024 erwirtschaftete das DAX-Unternehmen einen Gewinn vor Zinsen und Steuern von 511 Millionen Euro, ein Plus von 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch in den ersten drei Quartalen 2025 – neuere Zahlen gibt es noch nicht – sprudelten die Gewinne weiter. Künftig soll allein die Übernahme des Konkurrenten About You, die 2025 abgeschlossen wurde, den Gewinn um 100 Millionen Euro wachsen lassen. Erreichen will man das vor allem durch die Nutzung von „Synergien“ in der Logistik – das erklärte Zalando-CEO Schröder in einem Interview mit der FAZ –, also durch Maßnahmen wie die Schließung des Standorts in Erfurt. Dafür soll ein neues, moderneres Lager in Gießen im Laufe des Jahres den Betrieb aufnehmen.
Diese Strategie darf man wohl „Gewinnmaximierung auf dem Rücken der Beschäftigten“ nennen. „Uns war es wichtig, die Kolleginnen und Kollegen möglichst frühzeitig zu informieren“, sagt Schröder in dem Interview. Sogar von „Transparenz“ spricht er: Zalando habe nach der Übernahme von About You nie verhehlt, dass es „in der Logistik größere Veränderungen geben muss“. Das sieht Verdi-Sekretär Adorf ganz anders. „Ich habe im vergangenen Jahr alle Betriebsversammlungen besucht“, sagt er. „Es hieß immer: Erfurt ist die Nummer eins der Zalando-Standorte, es gibt ein klares Bekenntnis des Konzerns zu Erfurt, es besteht kein Grund zur Sorge.“ Erst im Herbst habe Zalando sämtliche Beschäftigten neu eingekleidet, noch kurz vor Weihnachten sei aufwendig das riesige Firmenlogo an der Halle erneuert worden.
Es hat sich zuerst niemand etwas Böses gedacht.“
Es scheint, als habe Zalando die Belegschaft vor dem Weihnachtsgeschäft in Sicherheit wiegen wollen. „Es war eine oscarreife Vorstellung“, sagt Adorf. Dass warme Worte und Wahrheit für das einstige Start-up nicht immer dasselbe sind, unterstreicht der Umgang mit dem Betriebsrat. Die Mitbestimmung sei „das Fundament unserer Unternehmenskultur und ein Schlüssel unseres Erfolgs“, schreibt Zalando auf seiner Website. Doch den Erfurter Betriebsrat informierte das Unternehmen über seine Entscheidung laut Adorf erst kurz vor der „Neujahrsgrüße“-Veranstaltung, am gleichen Tag wie die Presse. Laut Betriebsverfassungsgesetz muss der Arbeitgeber den Betriebsrat „rechtzeitig und umfassend“ über Schließungspläne unterrichten und diese Pläne gemeinsam beraten.
Das Unternehmen möchte jetzt möglichst schnell über Sozialplan und Interessenausgleich verhandeln, um die Massenentlassungen aussprechen zu können. Der Betriebsrat aber will sich nicht drängen lassen und fordert, Alternativen zur Schließung zu prüfen. „Das Einholen aller Informationen, die wir für zukünftige Verhandlungen benötigen, ist aktuell unser Fokus“, erklärt Betriebsrätin Jana Clausen mit Blick auf die ausgebliebene Unterrichtung durch den Arbeitgeber. Das kann dauern. Und die Zeit sitzt Zalando im Nacken: Nach Angaben von Gewerkschafter Adorf ist ein Großteil der Beschäftigten schon derart lange dabei, dass die gesetzliche Kündigungsfrist fünf Monate beträgt.
Erfurt war wichtig für Zalandos Aufstieg
Das Logistikzentrum in Erfurt spielte für den Erfolg von Zalando einst eine zentrale Rolle. Im Jahr 2012 eröffnet, war es das erste große Lager des aufstrebenden Online-Modehauses. Die Ansiedlung in der thüringischen Landeshauptstadt ließ sich Zalando einst mit Subventionen in Höhe von 22,4 Millionen Euro vom Land vergolden. Umso größer war der Aufschrei, den die überraschend angekündigte Schließung in der Landespolitik auslöste. Der Erfurter SPD-Chef André Grenzdörffer warf Zalando „Subventions-Hopping“ vor. Andreas Bühl, CDU-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag, sprach von „Fördermittel-Tourismus“.
Ganz so einfach ist es aber offenbar nicht. Das Unternehmen blieb länger in Erfurt, als bei der Subventionsbewilligung gefordert. Um die Bedingungen zu erfüllen, hätte es gereicht, bis 2019 zu bleiben und 500 Menschen einen Job zu geben. Für das neue Lager in Gießen sind laut hessischem Wirtschaftsministerium überhaupt keine Subventionen geflossen. Dennoch ist die Wut groß. Eine Handhabe, um Gelder zurückzufordern oder gar den Wegzug zu verhindern, hat das Land Thüringen nicht. Man kann nur noch daraus lernen.
„Das muss politische Folgen für zukünftige Förderkriterien haben“, fordert Michael Rudolph, der Vorsitzende des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen. Denn auch wenn sich Thüringens Wirtschaftsministerin Colette Boos-John (CDU) empört zeigt über das Verhalten von Zalando und zusammen mit Arbeitsministerin Katharina Schenk (SPD) „volle politische Unterstützung“ für die Beschäftigten versprochen hat, ihr Ministerium verfolgt eine Förderpolitik, die sich immer wieder um Arbeitnehmerinteressen wenig schert. Seit Ende vergangenen Jahres sind Unternehmen mit mehr als 20 Prozent Leiharbeitsquote nicht mehr von der Landesförderung ausgeschlossen. Ebenso gestrichen wurde die Regelung, dass tarifgebundene Unternehmen einen höheren Zuschuss bekommen können. Und nur wenige Tage, nachdem Zalando das Aus für Erfurt verkündet hatte, beschloss die CDU-Landtagsfraktion auf ihrer Klausurtagung: Die Vergabe staatlicher Fördermittel soll nicht länger von der Schaffung oder dem Erhalt von Arbeitsplätzen abhängig sein. „Das“, sagt der DGB-Vorsitzende Rudolph, „schlägt dem Fass den Boden aus.“
Der Onlinehändler Zalando, der Kleidung, Schuhe, Accessoires und Kosmetik verkauft, wurde 2008 gegründet und hat trotz derzeit rund 15000 Beschäftigten keinen paritätisch mitbestimmten Aufsichtsrat. Um Drittelbeteiligung festzuschreiben, wandelte sich das Unternehmen 2014 in eine Europäische Aktiengesellschaft (SE) um. Die Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat ist zudem ausschließlich mit Führungskräften besetzt.