Unternehmen: "Niemand kann gegen die Beschäftigten führen"
Aktionärsschützer Marc Tüngler vertritt die Kapitalseite in mehreren deutschen Aufsichtsräten. Mit der Mitbestimmung macht er dort positive Erfahrungen. Das Gespräch führten Kay Meiners und Fabienne Melzer
Herr Tüngler, was ist die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz? So eine Art Gewerkschaft für Aktionäre?
Die DSW ist eine Interessenvertretung für Anleger, so, wie die Gewerkschaft eine Lobby für Beschäftigte ist. Ich vergleiche uns immer mit dem ADAC. Nur schleppen wir nicht ab. Wir wollen, dass das Auto fährt. Wir versuchen, die Anleger selbstbewusst und autark zu machen, und wollen sie vor Fehlentwicklungen wie beim insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard schützen. Die Anleger waren in diesem Fall unkritisch. Wir möchten, dass sie stets kritisch bleiben.
Traditionell gelten die Kapitaleigner als die natürlichen Gegenspieler der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat. Wäre es für Sie nicht bequemer, wenn nur die Shareholder im Aufsichtsrat sitzen?
Wir wissen, dass das deutsche Mitbestimmungsmodell kein wirklicher Exportschlager ist. Aber wir haben vor 50 Jahren ein System geschaffen, in dem Beschäftigte und Kapitalgeber Themen gemeinsam in einem sehr frühen Stadium im Aufsichtsrat besprechen. Nicht konfrontativ, sondern lösungsorientiert. Dieses Modell hat sich bewährt. Natürlich gibt es immer wieder Reibungen und damit auch Konflikte. Aber die gibt es auch ohne Mitbestimmung im Aufsichtsrat, und sie müssen gelöst werden. In Frankreich löst man sie später, über massive Streiks, und in Deutschland früher.
Profitiert auch der Anlegerschutz von der Unternehmensmitbestimmung?
Wenn ein Management ständig Entscheidungen gegen die Beschäftigten trifft und durchsetzt, entsteht ein Ungleichgewicht. Vielleicht brauchen Entscheidungen in mitbestimmten Unternehmen länger, und vielleicht ist es auch mühsamer. Ich glaube aber, dass die Entscheidungen besser werden, wenn Beschäftigte von Anfang an mit am Tisch sitzen und gehört werden. Die Arbeitnehmerseite zeigt mir persönlich Perspektiven, die ich so nicht kennen kann, weil ich gar nicht den tiefen Blick in das Unternehmen habe. Die Qualifikationen und Kompetenzen der Arbeitnehmer sind wirklich ein Mehrwert.
Am Ende gibt es aber doch unterschiedliche Interessen zwischen Anteilseignern und Arbeitnehmervertretern.
Eben nicht. In den Aufsichtsräten, in denen ich sitze, laufen die Kapitalseite und die Arbeitnehmerseite in die gleiche Richtung. Beide wollen den Erfolg des Unternehmens, da der letztendlich auch gut für die Arbeitnehmer ist.
Das klingt sehr harmonisch. Aber denken wir an Konflikte: Schüttet man eine üppige Dividende aus, oder investiert man das Geld? Und wo investiert man – in Deutschland oder in China?
Ich sehe eher den Konsens: Es geht darum, Chancen in China zu nutzen und gleichzeitig Bedingungen zu schaffen, bei denen Arbeitsplätze auch hier in Deutschland gesichert oder sogar auf- statt abgebaut werden. Alles ist eine Frage der Balance.
Für die Anteilseigner ist es am Ende egal, wo das Geld verdient wird, für die Beschäftigten nicht.
Nehmen wir als Beispiel die BASF, die in Ludwigshafen rund eine Milliarde Euro Verlust macht. Die reflexartige Kritik lautet: Wieso wird dennoch so viel Dividende ausgeschüttet? Umgekehrt sagt aber keiner: Macht doch Ludwigshafen zu, dann habt ihr eine Milliarde weniger Verluste. Die ehrliche Frage ist doch eher: Würde man in Ludwigshafen Arbeitsplätze unmittelbar retten, wenn man die Dividende etwa um zehn Prozent kürzt? Die Antwort ist: Nein. Wenn es so einfach wäre, wäre ich bei Ihnen. Nachhaltig wäre das aber dennoch nicht.
Wird über solche Fragen offen im Aufsichtsrat gestritten?
Ich würde mir wünschen, dass es eine viel intensivere, offene Diskussion gibt, als das heute oftmals der Fall ist. Das nehme ich persönlich jedenfalls so wahr. Ich versuche immer, Kontakt mit meinen Aufsichtsratskollegen zu haben, unabhängig davon, ob sie von der Kapitalseite oder der Arbeitnehmerseite sind. Wenn Sie in tradierten Silos denken, dann bekommen Sie auch Siloentscheidungen.
Sie haben keine Probleme mit der Mitbestimmung, aber viele Unternehmen versuchen, sich ihr zu entziehen. Welche Motivation vermuten Sie?
Wer sich vor der Mitbestimmung scheut, der hat entweder schlechte Erfahrungen gemacht oder meint, dass er einen Vorteil hat – durch schnellere Entscheidungen und weniger Konflikte. Aber die Mitbestimmung oder die Stimme der Beschäftigten lässt sich ja nicht gänzlich wegorganisieren. Sie wirkt dann woanders. Dann treten die Konflikte später auf. Niemand kann ein Unternehmen gegen die eigenen Beschäftigten führen. Ich glaube, die Mitbestimmung ist es wert, bewusst adressiert zu werden.
Der Druck auf große Teile der Industrie ist massiv. Wir sehen die Gefahr, dass Aufsichtsratsvorsitzende dann vom Doppelstimmrecht Gebrauch machen, wie man es von Thyssenkrupp hört.
Definitiv braucht man schnelle Entscheidungen. Es sollte unser aller Anspruch sein, dass das auch mit der Mitbestimmung geht. Ich selbst habe noch nicht erlebt, dass es nicht auch möglich gewesen wäre, in einem mitbestimmten Aufsichtsrat schnelle Entscheidungen zu treffen. Ich verstehe, dass Sie das Doppelstimmrecht kritisieren. Dessen Nutzung sollte auch nicht der Normallfall sein, verteufeln sollten wir es aber auch nicht. Das Doppelstimmrecht ist ja bewusst als Lösung in festgefahrenen Konfliktsituationen gedacht. Und es wird nicht leichtfertig gezogen. Das System ist darauf angelegt, dass es diese Lösung gibt, wenn es sonst keine Lösung gibt.
Wie vermeidet man, dass es dazu kommt?
Man muss frühzeitig zum Telefon greifen, den Konflikt nicht scheuen, sondern diesen offen und ehrlich adressieren. Das gilt übrigens für die Kapital- wie auch für die Arbeitnehmerseite. Ich würde mir wünschen, dass wir noch viel mehr, viel intensiver in Austausch treten. Dazu gehört auch der Austausch außerhalb der Sitzungen – und dass man rechtzeitig ehrlich miteinander spricht.
Zur Person
Marc Tüngler, geboren 1968, ist Rechtsanwalt und seit 2012 Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) e. V., der ältesten und größten Aktionärsvereinigung in Deutschland. Sie vertritt etwa 30 000 Privatanleger, vom Family Office bis zum Belegschaftsaktionärsverein. Die durchschnittliche Anlagesumme der DSW-Mitglieder beträgt rund 250 000 Euro. Die DSW sieht ihre Aufgabe darin, Anleger vor Krisen in den Unternehmen zu schützen und dabei insbesondere präventiv zu handeln. Eine Anlageberatung ist ihr gesetzlich verboten. Tüngler hat aktuell drei Aufsichtsratsmandate beim Bauzulieferer Innotec TSS, beim Kommunikationsunternehmen Freenet und bei Rheinmetall.