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Hans-Böckler-Siedlung Magazin Mitbestimmung

Stadtentwicklung: Mustersiedlung fürs Miteinander

Ausgabe 02/2026

Mit der Hans-Böckler-Siedlung hat Neumünster ein Quartier aufgewertet, ohne Menschen mit kleinem Geldbeutel zu verdrängen. Von Fabienne Melzer

In Neumünster scheint die Märzsonne fahl auf die Backsteinhäuser der Hans-Böckler-­Siedlung. Es ist kalt. Aber am Kantplatz sitzen die Menschen trotzdem in Winterjacken und Wollmützen auf Bierbänken beisammen. Der Nachbarschaftsverein Hilfspunkt lädt täglich zum Kaffee ein, Sommer wie Winter. Den Vorsitzenden Hans-Jürgen Steen wundert der Andrang nicht. „Kälte macht uns hier im Norden nichts aus“, sagt der 77-Jährige. Er selbst zog 2006 in die Siedlung im Westen der schleswig-holsteinischen Stadt. Sie wirkt aufgeräumt, die Fassaden renoviert, viel Grün zwischen den Häusern. In den Augen von Tobias Bergmann steht die Siedlung für ein Stück gelungene Stadtentwicklung. „Als Gesellschaft wollen wir diese Mischung“, sagt Neumünsters Oberbürgermeister. „Wir wollen schließlich nicht, dass in dem einen Stadtteil nur Reiche und in dem anderen nur Arme leben.“

Die Hans-Böckler-Siedlung hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Ihre Straßen heißen Danziger, Breslauer und Stettiner Straße. Sie erinnern an die Anfänge der Siedlung, für die der Namensgeber und erste DGB-Vorsitzende eine entscheidende Rolle spielte.

Nach dem Krieg war ein Drittel der Stadt zerstört, gleichzeitig kamen viele Geflüchtete aus dem Osten in Schleswig-Holstein an. Oberbürgermeister Bergmann steht seit 2021 an der Spitze der Stadt mit knapp 80 000 Einwohnern und kennt die Erzählungen von Zeitzeugen. Erst kürzlich berichtete ihm eine Nachbarin, dass sie im Stadthaus geboren wurde. „Die Wohnungsnot in Neumünster war damals dramatisch“, sagt Bergmann. „Wo immer auch nur ein Zimmer frei war, wurde eine Flüchtlingsfamilie untergebracht.“

Angesichts dieser Not bemühten sich der DGB und sein damaliger Vorsitzender Hans Böckler um Mittel aus dem Marshallplan. So wurde schließlich ein Programm zum Bau von 10 000 Flüchtlingswohnungen in Schleswig-Holstein beschlossen. Die ersten 800 entstanden in Neumünster. Zur Grundsteinlegung reiste Böckler 1950 selbst an. Bis in die 1960er Jahre entstanden rund 1800 Wohnungen auf dem Gelände eines ehemaligen Militärflughafens. Backsteinhäuser mit zwei oder vier Geschossen wuchsen in die Höhe und schafften Platz für Menschen, die bis dahin oft auf engstem Raum gelebt hatten.

Doch wie so viele Siedlungen, die in den ersten Jahren der jungen Republik aus dem Boden schossen, erlebte auch die Hans-Böckler-Siedlung einen Niedergang. Gebäude verfielen, die Ausstattung entsprach nicht mehr modernen Standards, und immer mehr Wohnungen standen leer. „Die Böckler-Siedlung war in den 1980er Jahren nicht mehr der Ort, an dem man leben wollte“, sagt Bergmann. Wer es sich leisten konnte, zog weg, der Stadtteil wurde zum Durchgangsviertel.

Hans-Jürgen Steen, ist Vorsitzender von Hilfspunkt. Der Verein tut viel für die Gemeinschaft in der Siedlung.
Hans-Jürgen Steen, ist Vorsitzender von Hilfspunkt. Der Verein tut viel für die Gemeinschaft in der Siedlung.

Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Die Stadt drehte die Entwicklung ins Positive. Bergmann, der von 1992 bis 1998 Volkswirtschaft in Dresden studierte und in dieser Zeit Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung war, sieht den Schlüssel zum Erfolg in der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Wobau. Im Gegensatz zu anderen Städten hatte Neumünster die städtische Wohnungsbaugesellschaft in den Nullerjahren nicht zu Geld gemacht. Zwar müsse auch die Wobau wirtschaftlich arbeiten, sie verfolge jedoch keine Gewinnmaximierung und sei nicht darauf aus, aus ihren Beständen den letzten Cent herauszuholen.

Sven Theis, Geschäftsführer der Wobau, wohnt selbst in der Hans-Böckler-Siedlung. Er schätzt das Grün, die Nähe zu Einkaufsmöglichkeiten und die Vielfalt in der Nachbarschaft. Eine gesunde Mischung nennt Theis die Bevölkerungsstruktur, wo sich nicht nur der Geschäftsführer der Wobau, sondern auch die Rentnerin mit kleinem Geldbeutel das Wohnen leisten kann.

TOBIAS BERGMANN, Oberbürgermeister von Neumünster, Rücken an Rücken mit der Büste von Hans Böckler
Tobias Bergmann, Oberbürgermeister von Neumünster, Rücken an Rücken mit der Büste von Hans Böckler

Im Sinne von Hans Böckler wurde die Siedlung nicht nur für, sondern mit den Menschen erneuert.“

Tobias Bergmann, Oberbürgermeister von Neumünster

Anfang der 2000er Jahre richtete die Stadt ein Quartiersmanagement für die Böckler-Siedlung ein, mit Mitteln vom Land wurden die Wohnungen saniert, Grünflächen aufgewertet und neu gebaut. „Wir wollten nicht einfach bauen um des Bauens willen“, sagt Theis. „Gerade als kommunales Wohnungsbau­unternehmen sollte man sich nicht nur bis zur Haustür Gedanken machen. Es geht darum, ein lebenswertes Quartier zu entwickeln.“

Deshalb analysierte die Wobau zunächst den Bedarf: Wo sollte sie Wohnungen für Familien schaffen, wo Spielplätze für kleinere und wo Plätze für ältere Kinder? Das Ganze gemeinsam mit den Bewohnern. „Ganz im Sinne von Hans Böckler wurde die Siedlung nicht nur für, sondern mit den Menschen erneuert“, sagt Bergmann.

Das gilt bis heute. Im Vorfeld jeder Sanierung führt die Wobau mit den Mieterinnen und Mietern Gespräche, denn ein Schreiben zur Sanierung löse bei vielen erst einmal Panik aus. „Im Gespräch ergibt sich dann manchmal, dass die Leute gerne ins Erdgeschoss umziehen würden, weil sie es nicht mehr so gut in den dritten Stock schaffen“, erzählt Theis. Die Menschen schätzen es, wenn sie innerhalb des Stadtteils umziehen können. Denn die meisten leben gerne hier. „Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist schon etwas Besonderes“, sagt Bürgermeister Bergmann.

Auch im Winter treffen sich die Menschen zum Kaffee beim Verein Hilfspunkt in der Hans-Böckler-Siedlung
Auch im Winter treffen sich die Menschen zum Kaffee beim Verein Hilfspunkt in der Hans-Böckler-Siedlung. Die Häuser wurden mit ­Unterstützung des DGBs nach dem Krieg für Geflüchtete aus dem Osten gebaut.

Dazu trägt auch der Hilfspunkt am Kantplatz seit 20 Jahren bei. „Die Idee war: Du flickst mein Fahrrad, dafür streiche ich deine Wand“, sagt der Vorsitzende Steen. Nachbarschaftshilfe organisiert der Verein noch immer. Bei Steen rufen Menschen an, wenn sie Hilfe beim Einkauf brauchen oder etwas repariert werden muss. Der Verein will Menschen zusammenzubringen. Anlässe dafür schafft er reichlich. Der Hilfspunkt lädt jedes Jahr zum Sommerfest, zum Ostereiersuchen, und zum Laternenumzug ein. Eine feste Institution ist der Klönschnack, bei dem Nachbarn unter den Arkaden am Kantplatz diskutieren.

Eins findet Bergmann an der Geschichte der Siedlung besonders wichtig: „Die Stadt hat das Viertel gedreht, ohne Menschen mit wenig Geld zu verdrängen, wie das etwa im Hamburger Schanzenviertel passiert ist.“ Selbst im Neubau betrage die Durchschnittsmiete rund 7,50 Euro pro Quadratmeter. Die Wohnungen seien wieder begehrt. „Der Leerstand liegt bei 0,1 Prozent. Wir könnten jede Wohnung mehrfach vermieten“, sagt Wobau-Geschäftsführer Theis.

Auch heute muss sich die Stadt weiter entwickeln. Wie es gehen kann, zeigt die Geschichte der Hans-Böckler-Siedlung. „Uns ist Integration gelungen. Dazu braucht es eine Vision wie die von Hans Böckler“, sagt Oberbürgermeister Bergmann.

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