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Alltag des Pickens und Packens beim Onlineversandhändler Amazon in Bad Hersfeld Magazin Mitbestimmung Magazin Mitbestimmung

Onlinehandel : Langer Atem

Ausgabe 04/2019

Bereits seit mehr als sechs Jahren kämpfen Amazon-Beschäftigte in Deutschland um einen Tarifvertrag, bislang vergeblich. Wirkungslos aber waren die Streiks nicht. Und die Zahl der Teilnehmer wächst und wächst. Von Joachim F. Tornau

Es wirkt, als sei da schon bei der Platzgestaltung ans Streiken gedacht worden. Und an Streikversammlungen, die eine Arena brauchen. Vor den Toren des jüngeren und größeren der beiden Versandzentren von Amazon im hessischen Bad Hersfeld erheben sich Sitzreihen in einem Halbrund aus Steinen und Beton. Dort, wohin sich den Sitzenden der Blick öffnet, hat sich Roland Geißler aufgebaut und tut, was er immer tut, wenn er hier steht: Er singt, die Melodie ausgeborgt bei „Go West“ von den Pet Shop Boys. „Steh auf! Und streike für dein Recht. Steh auf! Sonst geht’s dir immer schlecht.“

Kühl ist es an diesem Juli-Tag, doch das zur Tradition gewordene Streiklied verfehlt seine Wirkung nicht. Es wird geklatscht und geschunkelt. „Steh auf! Sei nie mehr der Lakai. Steh auf! Sondern der Samurai.“ Geißler, 64 Jahre alt, ist seit zwei Jahrzehnten einer der von ihm besungenen „Amazonier“, arbeitet für den US-amerikanischen Onlinehändler, seit der 1999 in Bad Hersfeld sein erstes deutsches Versandzentrum aufmachte. „Als die hierherkamen, wussten sie nichts“, sagt er. Oder sie wollten nichts wissen, von Betriebsräten nicht und schon gar nicht von Gewerkschaften. 

Dass sich das geändert hat, wenn auch lange noch nicht gründlich genug, dazu hat der Mann mit dem zerfurchten Gesicht seinen Beitrag geleistet: als ver.di-Vertrauensmann im Betrieb, als Teilnehmer an den Streiks, mit denen die Dienstleistungsgewerkschaft seit mehr als sechs Jahren um einen Tarifvertrag bei Amazon kämpft. Und auch mit seinem Streiklied, das er mittlerweile nicht mehr nur draußen vorträgt, an den derzeit rund 30 Streiktagen pro Jahr, sondern immer wieder auch drinnen, im Alltag des Pickens und Packens. Obwohl bei Amazon eigentlich schon ein kurzer Plausch mit den Kollegen oder ein etwas längerer Toilettengang als unbotmäßig gilt.

Führungskultur des Gängelns

„Die Belegschaft ist den Vorgesetzten gegenüber sehr viel selbstbewusster geworden“, meint Andreas Gangl, der sich ebenfalls seit Jahren als Vertrauensmann engagiert. Zwar herrsche immer noch eine Führungskultur des Gängelns, des Kontrollierens, der herablassenden Behandlung, sagt er und erzählt von Abmahnungen, die ausgesprochen worden seien, weil sich jemand wenige Sekunden zu spät eingestempelt habe. „Aber die Leute lassen sich das nicht mehr so bieten.“ Das ver.di-T-Shirt mit der mehrsprachigen Aufschrift „Gemeinsam stark bei Amazon“, das Gangl zum Streiken angezogen hat, tragen er und seine Kollegen deshalb auch ganz selbstverständlich bei der Arbeit. Die Chefs müssen das aushalten.

Es war in Bad Hersfeld, wo der Arbeitskampf bei Amazon am 9. April 2013 begann, mit einem ersten Warnstreik, angelehnt an den Unternehmenssprech als „Outdoor-Meeting“ bezeichnet. Einen Monat später gab es hier und in Leipzig die ersten Tagesstreiks. Doch Verhandlungen über einen Tarifvertrag und die geforderte Bezahlung nach dem Flächentarif für den Einzel- und Versandhandel lehnt das Unternehmen bis heute ab. Amazon will frei entscheiden, was es seinen Beschäftigten zahlt, und orientiert sich dabei an ortsüblichen Logistiklöhnen. Derzeit liegt der Bruttoeinstiegslohn in den Versandzentren nach Unternehmensangaben bei rund elf Euro pro Stunde – mehr als drei Euro weniger, als ein Kommissionierer oder Lagerarbeiter nach dem jüngst erhöhten Einzelhandelstarif bekommen müsste. Im Monat summiert sich diese Differenz auf weit über 500 Euro. 

„Attraktive Löhne“ nennt das der Internetgigant, von Bezahlung „nach Gutsherrenart“ spricht die Gewerkschaft. Und so, wie Amazon nicht müde wird, sich selbst als sozialen Arbeitgeber zu preisen, wird ver.di nicht müde, immer wieder zum Ausstand aufzurufen – besonders gerne dann, wenn das Bestellgeschäft am meisten brummt, in der Vorweihnachtszeit oder an Schnäppchentagen wie zuletzt an den zum „Prime Day“ ernannten Juli-Tagen. 

Das Unternehmen pflegt darauf mit demonstrativer Gelassenheit zu reagieren: Es streike eh nur ein Teil der Beschäftigten, alle Bestellungen würden pünktlich ausgeliefert und klein beizugeben komme sowieso nicht infrage. Einmal ließ sich ein Manager sogar mit dem provokanten Satz zitieren: „Wenn Glatteis ist, juckt uns das weit mehr, als wenn ver.di zum Arbeitskampf aufruft.“ Orhan Akman, Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel bei ver.di, kauft Amazon das nicht ab. „Wir mögen sie finanziell nicht immer treffen“, sagt er. „Aber es nervt sie, dass wir in der Öffentlichkeit die schlechten Arbeitsbedingungen und den tariflosen Zustand anprangern.“ Und dass die Kollegen beim Streiken so einen langen Atem haben.

Erste Erfolge zu verzeichnen

René Gaßmann arbeitet schon seit 2001 bei Amazon in Bad Hersfeld, die Streiks schaute er sich erst einmal nur von außen an, bis er vor vier Jahren erstmals auch selbst mitmachte. Zugleich wurde er ver.di-Mitglied, heute gehört er als einer der Vertrauensleute zu den Aktivposten im Arbeitskampf. Aufgeben? Kein Gedanke. „Wenn wir uns nicht wehren, wird es noch schlimmer werden“, sagt er. „Dadurch dass wir immer wieder rausgehen, halten wir den Druck aufrecht.“ Ein Druck, der zwar auch nach mehr als sechs Jahren noch nicht zum Ziel des Tarifvertrags geführt hat. Der aber, davon ist man bei der Gewerkschaft überzeugt, trotzdem bereits einiges bewirkt hat. Nicht nur, was das gewachsene Selbstbewusstsein der Beschäftigten angeht.

Jahrelang verweigerte Amazon jede Lohnerhöhung; seit die Streiks begannen, gab es sie jedes Jahr. Auch ein Weihnachtsgeld wurde eingeführt, mit 400 Euro zwar sehr bescheiden und erheblich unter dem Niveau des Einzelhandeltarifs, aber immerhin. „Freiwillig hätte Amazon das nicht gemacht“, ist ver.di-Handelsexperte Akman überzeugt. Und: An jedem Standort, sofern er nicht erst seit Kurzem besteht, konnten Betriebsräte eingerichtet werden. „Auch da haben wir einen zentralen Fortschritt und Verbesserungen erreicht, gegen den Willen des Unternehmens.“

In Leipzig wurde der Betriebsrat erst gerade neu gewählt, weil die letztjährige Wahl vom Arbeitgeber und einer nicht zugelassenen Liste angefochten worden war. „Es war dem Management nicht recht, dass die Mehrheit der Mandate an die ver.di-Liste gegangen war“, sagt Thomas Schneider vom ver.di-Bezirk Nordsachsen. Aber alle Versuche, für ein genehmeres Wahlverhalten zu sorgen, seien gescheitert: Auch die Neuwahl ging mit zehn von 17 Sitzen klar an die Gewerkschaft. „Das kommt nicht von ungefähr“, meint Schneider, das gute Ergebnis ist für ihn eine Folge des hartnäckigen Arbeitskampfs. „Die Kollegen haben gemerkt: Wenn man zusammensteht, kann man etwas erreichen.“ 

Natürlich haben die langjährigen Auseinandersetzungen auch Kraft gekostet, bei allen Beteiligten. Einen Arbeitskampf über so lange Zeit aufrechtzuerhalten ist für ver.di so ungewöhnlich wie herausfordernd – zumal man es auch noch mit einem der größten und mächtigsten Unternehmen der Welt zu tun hat. Doch all das ist für die Gewerkschaft kein Grund, den Kampf einzustellen, im Gegenteil. „Amazon wälzt durch sein aggressives Verhalten ganze Branchen um“, sagt Bundesfachgruppenleiter Akman. „Schon allein deshalb können wir nicht tatenlos zusehen.“

Die Proteste wachsen und werden global

Hauptziel bleiben Verhandlungen über einen Tarifvertrag. Die Gewerkschaft fordert aber auch, den Einzelhandelstarifvertrag endlich wieder für allgemeinverbindlich zu erklären. Denn dann müssten sich nach geltendem Recht auch alle Onlinehändler daran halten, auch Amazon. „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir einen Tarifvertrag bei Amazon durchsetzen werden“, sagt Akman. Nur, wie lange das noch dauern wird, da wagt er keine Prognose. 

Am Durchhaltevermögen der Beschäftigten mangelt es bislang nicht: Auch im sechsten Jahr gehen die Streikendenzahlen keineswegs zurück, sondern wachsen sogar. Am jüngsten „Prime Day“, als an sieben Standorten gestreikt wurde, legten allein in Leipzig und Bad Hersfeld rund 1000 Beschäftigte die Arbeit nieder – obwohl Amazon eigens einen Anwesenheitsbonus ausgelobt hatte. Aus den wenigen Dutzend Gewerkschaftsmitgliedern, die es in den Versandzentren gab, bevor ver.di 2011 eine Organizing-Kampagne startete, sind Tausende geworden, und nach wie vor werden bei fast jedem Ausstand Neueintritte registriert. Mechthild Middeke, im ver.di-Bezirk Nordhessen für Amazon in Bad Hersfeld zuständig, staunt manchmal selbst über den anhaltenden Kampfgeist: „Wenn wir eine Zeit lang nicht gestreikt haben“, erzählt sie, „bekomme ich Mails mit der Frage: Wann ist es endlich wieder so weit?“ 

Was einst als lokaler Kampf einzelner Standorte begonnen hat, ist schnell eine deutschlandweite, dann eine europaweite Auseinandersetzung geworden – und wird nun auch global. Von „einem der wichtigsten Arbeitskämpfe der jüngeren Geschichte“ sprach Christy Hoffman, Generalsekretärin des internationalen Gewerkschaftsbündnisses UNI Global Union, als sich Amazon-Gewerkschafter aus 16 Ländern im April in Berlin zu Austausch und Vernetzung trafen. Kollegen in Spanien, Italien oder Polen haben erklärt, ausdrücklich dem deutschen Vorbild nacheifern zu wollen. Diese Wirkung zu erleben, sagt der Leipziger ver.di-Sekretär Thomas Schneider, habe den Amazon-Aktivisten noch einmal neue Energie gegeben. „Da sieht man in manchen Augen, die nicht mehr gestrahlt haben, wieder das Feuer angehen.“

Über Amazon und den Streik

Amazon beschäftigt in Deutschland derzeit rund 13 000 Menschen in zwölf großen Versandzentren. Ein weiteres Versandzentrum in Mönchengladbach soll im Spätsommer eröffnet werden. Hinzu kommen neben der Deutschlandzentrale in München eine schnell wachsende Zahl kleinerer Sortier- und Paketverteilzentren sowie Standorte für Kundenservice oder Softwareentwicklung.


In Leipzig werden die Streiks bei Amazon schon seit 2013 von einem „Solibündnis“ unterstützt, das Studierende der Universität ins Leben riefen. Unter anderem wurde gemeinsam ein Argumentationshandbuch entwickelt, das den Beschäftigten dabei helfen soll, Argumente von Amazon im Arbeitskampf zu entkräften.

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