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: Kreativ durch die Krise

Ausgabe 06/2009

MITBESTIMMUNG Je mehr sich die Arbeitgeber aus dem Thema "Qualifizierung in Kurzarbeit" heraushalten, umso wichtiger ist es für Belegschaften und Betriebsräte, in die Rolle des Akteurs hineinzuwachsen.

Von STEFAN SCHEYTT, Journalist bei Tübingen/Foto: Theodor Barth

Vor der Firma Bosch in Reutlingen stehen die "Shortworkers", fünf junge Männer, klatschend, singend und ihre Gitarren schlagend. Für den Fotografen haben sie sich vor dem Werkstor jener Firma aufgebaut, die das Sinnbild schlechthin für Stabilität ist - aber seit ein paar Monaten auch dafür, dass selbst Ikonen der deutschen Wirtschaft Tausende von Mitarbeitern in Kurzarbeit schicken, weil die Aufträge weggebrochen sind.

Die Gründung der Band "Shortworkers" ist kein geschmackloser Gag wie jenes "Kurzarbeiter-Bier" einer Brauerei im Schwarzwald, die ihr Produkt nach dem Protest der IG-Metall-Verwaltungsstelle wieder vom Markt nahm. Die "Shortworkers" sind echt - drei der vier festen Bandmitglieder waren oder sind vom Zwangsurlaub betroffen. Einer von ihnen ist Andreas Jurkovic, 24 Jahre alt, schwäbelnder Kroate, Hobbygitarrist und Facharbeiter in der Mikrochipherstellung bei Bosch. Er sagt: "Es gibt Leute, die reden nur noch von Krise und davon, wie schlimm es noch werden kann. Ich denke dann: ‚Mensch, dröhn mir nicht die Ohren zu, tu doch was und jammer nicht permanent.‘"

Andreas Jurkovic weiß, wie gut es ihm immer noch geht im Vergleich zu anderen, die nicht Single sind und nicht auf der Lohnliste des Weltmarktführers Bosch stehen. "Ich könnte Kurzarbeit jahrelang aushalten, es darf nur keine Kündigung kommen", sagt Jurkovic. Deshalb singen die "Shortworkers" auch keinen anklagenden Kurzarbeiter-Blues auf Schwäbisch. Es geht ihnen darum, ihre unfreiwillige Freizeit sinnvoll zu nutzen und der Krise singend und Musik machend ein anderes Gesicht zu geben: eines, das sagt, dass man die Situation nicht nur erdulden und erleiden muss, dass man beim "Überwintern" in Kurzarbeit nicht auch noch den Kopf auf null herunterfahren muss, sondern aktiv bleiben kann, dass der aufrechte und kreative Umgang mit der Krise möglich ist. Auch in den Fabrikhallen.

BILLIGHEIMER? - OHNE UNS!_ Das ist nicht ganz neu im Land der Mitbestimmung. Wie bei der Möbelfirma Loddenkemper im westfälischen Oelde, wo Kurzarbeit "überhaupt kein Thema mehr ist", wie Betriebsratschef Eckhard Redlich stolz berichtet. Im Gegenteil, viele der 500 Mitarbeiter füllen ihre Arbeitszeitkonten schon wieder kräftig auf - "ist doch verrückt", sagt Redlich. Das kommt daher, dass sich die Mitarbeiter 2006 massiv einmischten. Damals herrschte Absatzflaute bei Loddenkemper, die Firmenleitung forderte von der Belegschaft Zugeständnisse beim Lohn. Außerdem kündigte sie an, mit Billigmöbeln die Auslastung verbessern zu wollen. "Loddenkemper steht für das mittlere Preissegment, wir hatten deshalb Sorge, künftig als ‚Billigheimer‘ zu gelten", sagt Redlich. Den Betriebsrat überzeugte das Konzept keineswegs, er "widersprach vehement".

Und fand dann mit der Geschäftsleitung jenen Weg, der zu den wachsenden Arbeitszeitkonten von heute führte: Die Lizenz-Produktion von Wohnmöbeln in Tschechien und Polen wurde nach Oelde verlegt. "Das erschien uns entwicklungsfähig, weil wir die Chance sahen, neben unserem angestammten Geschäft mit Schlafzimmern ein zweites Standbein im gleichen Preissegment aufzubauen." Dafür machten die Arbeitnehmervertreter Zugeständnisse beim Lohn und unterschrieben eine Betriebsvereinbarung zur Beschäftigungssicherung bis Ende 2010, in der außerdem ein Projekt über "altersgerechtes Arbeiten" vereinbart ist. Die Entwicklung von Loddenkemper hat der Belegschaft Recht gegeben: "Das ist eine richtige Erfolgsgeschichte geworden", sagt Betriebsrat Redlich, "Wohnzimmermöbel machen heute schon ein Drittel unserer Produktion aus. Ohne diesen Schritt wären wir heute sicher nicht mehr mit 500 Mitarbeitern am Markt."

Ähnliches berichtet Carmen Lühr, Betriebsratsvorsitzende des Pumpenherstellers Sterling SIHI in Itzehoe. Nach zwei Entlassungswellen schlugen die Belegschaftsvertreter und die IG Metall der Geschäftsleitung Ende 2005 ein Innovationsprogramm für Kosteneinsparungen und Prozessoptimierung vor. Die Teilnahme der Mitarbeiter war so stark, dass das gesteckte finanzielle Ziel schon nach zwei, und nicht wie geplant nach drei Jahren erreicht wurde und sich das Unternehmen von den roten in die schwarzen Zahlen hievte. "Statt Entlassungen hatten wir drei Jahre später 30 offene Stellen und eine Ausbildungsquote von über 13 Prozent. Durch die Reaktion auf unsere Firmenkrise haben wir uns quasi ein Polster erarbeitet, von dem wir jetzt in der weltweiten Krise zehren", sagt Carmen Lühr. Zugewachsen ist der Belegschaft vor allem Erfahrungswissen, das jetzt von unschätzbarem Wert sein kann. Inzwischen, so Carmen Lühr, habe der Arbeitgeber großes Interesse signalisiert, das Ende 2008 ausgelaufene "fit-Projekt" fortzusetzen.

VON DER FABRIK IN DEN SERVICE_ Proaktive Betriebsräte zeichnet auch den Hamburger Schiffsausrüster SAM Electronics aus. "Unsere Aufträge beschäftigen uns noch gut, aber ab dem ersten Quartal 2010 dürfte es kritisch werden", sagt der Betriebsratsvorsitzende Eric Merks. Also bereitet sich die Belegschaft schon jetzt darauf vor: durch den Aufbau von Zeitkonten, die später abgebaut werden; durch vorsorgliche Maßnahmen zur Reduzierung der Arbeitszeit und durch die Umwandlung von 40-Stunden- in 35-Stunden-Verträge; durch die Planung von zehn weiteren Betriebsruhetagen im kommenden Jahr.

Die ungewöhnlichste Maßnahme dürfte jedoch die geplante Qualifizierung von 20 Produktionsmitarbeitern zu Service-Technikern sein. Die Logik: Geht der Schiffsneubau zurück, verkauft die Firma weniger Radaranlagen, Schaltschränke oder Wellengeneratoren; dafür werden die bereits gebauten Schiffe länger betrieben und benötigen entsprechend mehr Wartung. "Service findet immer statt, und mit Service kann man Geld verdienen", sagt Betriebsrat Merks. Außerdem könnten Servicearbeiten, die bislang an Fremdfirmen vergeben wurden, in Zukunft selbst erledigt werden; der Service könnte sogar auf Anlagen anderer Hersteller ausgedehnt werden. "Wir sind dabei, die Mitarbeiter zu finden, die für diese Qualifizierung infrage kommen und bereit sind", sagt Merks und wirbt für den Positionswechsel: "Der Service hat eine deutlich bessere Entgeltbasis und bietet die Chance, die Welt kennen zu lernen."

Ihre Flexibilität hat die Belegschaft schon öfter gezeigt in ihrer wechselvollen Geschichte, in der sie erst zu AEG, dann zur Bremer Vulkan Werft gehörte, später auch Finanzinvestoren und heute dem US-Rüstungskonzern L3 Communications. "Bei allen diesen Übergängen hat es immer Einsparungen durch Personalabbau gegeben, und wir haben stets dagegen argumentiert, dass das große Sparpotenzial in der Verbesserung der Prozesse liegt." Inzwischen habe das Unternehmen die kritische Untergrenze beim Personal erreicht, "wenn es noch weiter geht, verliert die Firma Know-how, das sie später nicht mehr zurückholen kann", sagt Betriebsrat Merks. "Zu intelligenten, innovativen Anpassungsmaßnahmen sind wir auch diesmal bereit, aber nur, solange es keinen weiteren Aderlass beim Personal gibt. Dem Arbeitgeber muss klar sein, dass wir die Krise nur gemeinsam durchstehen."

QUALIFIZIERUNG IN KURZARBEIT_ Loddenkemper, Sterling, SAM Electronics - solche Beispiele erzählen von mitdenkenden Belegschaften, die in schwierigen Zeiten in die Rolle des Akteurs und Gestalters hineinwachsen, anstatt die Krise nur irgendwie überwintern zu wollen. Dagegen muss man die Idee der Qualifizierung während Kurzarbeit - gemessen an den hohen Erwartungen - als Flop bezeichnen. "Es gibt Hinweise aus der BA, dass weniger als fünf Prozent der Kurzarbeiter Weiterbildung machen", weiß Hartmut Seifert, ehemaliger Leiter des WSI - und das, obwohl noch nie so viel Zeit dafür zur Verfügung stand und sie für die Arbeitgeber noch nie so billig war wie jetzt.

Durchaus gibt es auch positive Beispiele wie jenes beim Pumpenhersteller Sterling, wo ein Lenkungsteam aus drei Betriebsräten und drei Arbeitgeber-Vertretern wöchentlich über die individuellen Weiterbildungsmaßnahmen von fast 100 Kurzarbeitern (von insgesamt 350 Mitarbeitern) beratschlagt und dabei mehr als 1200 Qualifizierungsbausteine ermittelt und nach Priorität sortiert hat. Doch das ist die große Ausnahme. "Für viele Betriebe ist Weiterbildung während der Kurzarbeit eine Black Box - sie wissen nicht, was sie ihren Mitarbeitern überhaupt anbieten sollen, weil sie ihren eigenen Weiterbildungsbedarf gar nicht kennen", sagt Winfried Heidemann, Weiterbildungsexperte der Hans-Böckler-Stiftung. "Nur ganz große Unternehmen, in deren Personalabteilungen man systematisch Bildungsmanagement betreibt, können ein so komplexes Thema wie Weiterbildung während Kurzarbeit in der Praxis organisieren." Schon allein zu wissen, welche Rechtsvorschriften gelten und welche verschiedenen Fördertöpfe es gibt, überfordere viele kleine und mittlere Firmen.

So spricht einiges für Winfried Heidemanns bittere These, wonach "die meisten Unternehmen nur dann weiterbilden, wenn es für ihren aktuellen Erstellungsprozess wirklich notwendig ist. Denn die Unternehmen können sich die fehlende Qualifizierung relativ einfach am Arbeitsmarkt besorgen." Umso wichtiger sei es deshalb für Arbeitnehmer und Betriebsräte, auf individuelle Weiterbildung zu drängen. Man sollte die Chance gerade jetzt nutzen, findet Heidemann, "etwas dafür tun, die persönliche Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten."


 

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