Altstipendiatin: Karriere in Connecticut
Die Studentin Karolin Machtans saß schon fast in Lübeck am Lehrerpult, als ihr Professor sie doch noch von einer Promotion überzeugte. Mittlerweile hat sie ihren Traumjob an einem College in den USA gefunden. Von Andreas Schulte
Als die Weichen für ihren Lehrerjob schon gestellt schienen, wurde Karolin Machtans Professor an der Uni Hamburg plötzlich nachdrücklich: „Dir ist schon klar, dass du eine Doktorarbeit schreiben musst?“, sagte er zu ihr. Das überraschte die Germanistikstudentin. Sie hatte sich doch mit der sicheren Pädagogenlaufbahn bereits arrangiert.
Aber ihr Professor wollte ihr akademisches Talent nicht der Schule überlassen. Zu gut waren die Leistungen der Lübeckerin, zu vielversprechend ihre Arbeiten – die sie zum Teil in Israel verfasst hatte, einfach, weil sie sich dort gerne aufhielt.
Die Entscheidung für die Doktorarbeit und gegen die Schule ist ein Sieg der Leidenschaft über das Bedürfnis an Sicherheit. „Ich habe die Doktorarbeit ausschließlich aus Interesse an der Sache geschrieben“, sagt Machtans.
Das Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung sieht Auslandsaufenthalte vor. Einen Großteil der Arbeit schreibt sie in den USA unter besten Forschungsbedingungen in Pennsylvania und in Stanford. Die Promotion ist ein geschickt zusammengesetztes Puzzle aus Germanistik, Geschichte, Politik- und Literaturwissenschaft. Unter anderem behandelt Machtans darin Fragen wie: Wie schreiben Überlebende des Holocaust zum einen autobiografisch, zum anderen wissenschaftlich über ihre Erlebnisse? Wie gehen autobiografische Erinnerungen in den wissenschaftlichen Diskurs ein?
Wie selbstverständlich lernt sie im akademischen Umfeld in den USA einige Helden ihrer wissenschaftlichen Arbeit kennen, zum Beispiel den Shoa-Überlebenden Saul Friedländer. Der Historiker spielt eine zentrale Rolle in ihrer Promotion. „Am Ende dieser Zeit hatte ich das Portfolio für eine wissenschaftliche Karriere in den USA und viele wertvolle private Kontakte“, sagt sie.
Doch nicht in den USA, sondern in England folgt, was sie als die vielleicht schönste Zeit in ihrem beruflichen Leben bezeichnet. Mithilfe des Deutschen Akademischen Austauschdiensts landet sie im englischen Cambridge. Dort lehrt sie deutsche Literatur, Film, Kultur und Sprache. Die Kurse sind klein, das Umfeld ist familiär. „Wenn ich dort heute am Pförtner vorbeigehe, fühlt sich das wie gestern an.“ Die Stelle ist auf vier Jahre befristet. An ihrem Ende hat Machtans viele Optionen. „Wenn du einmal in Cambridge warst, stehen dir alle Türen offen“, sagt Machtans.
Sie geht durch eine Tür nach Kalifornien. Doch an der Hochschule in San Luis Obisbo wird sie auf Dauer nicht glücklich. Die Uni liegt weit ab vom Schuss. Der Kontrast zu Cambridge ist krass. Statt fünf Studierenden sitzen ihr gleich 30 in den Kursen gegenüber. Auch mit dem kulturellen Umfeld hadert sie. „Ich sehnte mich nach etwas mehr europäischer Kultur und bekam bald Heimweh“, erzählt sie. Schon nach zwei Jahren bewirbt sie sich am Connecticut College an der Ostküste.
„Die Stelle wirkte wie für mich ausgeschrieben. Ich dachte, die meinen mich.“ Bis heute lehrt sie dort und bezeichnet die Anstellung als Traumjob. Zwei Drittel des Jahres verbringt sie im Nordosten der USA, vier Monate in Lübeck, wo ihre Familie, ihre Freunde und ihre Pferde leben.
Ihre Themen für Lehre und Forschung ähneln denen von vor gut 20 Jahren: Holocaust, Migration, Flucht. Wenn sie vom College erzählt, schwärmt sie. „Jede Stunde bringt Spaß.“ Bei Konflikten und Stress, auch privat, suche sie die Nähe des Campus. „In der Freizeit lese ich die gleichen Bücher, die ich auch für die Arbeit am College lese.“ Von Arbeit im Sinne von Belastung zu sprechen, kommt ihr ohnehin nicht in den Sinn. „Ich habe nicht das Gefühl, während meiner akademischen Laufbahn auch nur einen Tag gearbeitet zu haben“, sagt sie. Würde sie so wohl auch als Gymnasiallehrerin denken?