Rätselhaftes Fundstück: Streik um Lohnfortzahlung
Im Herbst 1956 legen Metallarbeiter in Schleswig-Holstein die Arbeit nieder. Sie fordern die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für Arbeiter, nicht nur für Angestellte. Der Konflikt endet mit einem historischen Durchbruch. Von Guntram Doelfs
Als Hein Wadle vor das Mikrofon tritt, lauschen alle gebannt. Der standhaft kämpferische Betriebsrat bei den Kieler Howaldtswerken, einer Werft im Bundesbesitz, ist hoch anerkannt bei den Arbeitern. Während des Krieges, als die Werft von der Kriegsmarine betrieben wurde, war der überzeugte Kommunist im Untergrund aktiv gegen das NS-Regime. Im Herbst 1956 hat der Vertrauensmann der IG Metall, der sich auch nach dem Krieg in der KPD engagiert hat, die parteipolitische Heimat verloren. Erst vor wenigen Wochen wurde die kommunistische Partei, die in der Belegschaft noch immer etliche Unterstützer hat, verboten. Den Kampf führt Wadle gegen den eigenen Arbeitgeber.
Der Schiffbau ist ein gefährlicher Job. Immer wieder werden Arbeiter bei Unglücken verletzt oder kommen gar ums Leben. Ein Unfall kann schnell zu einem existenziellen Problem für die ganze Familie werden. Während für Angestellte 1956 die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall schon lange gilt, erleiden Werftarbeiter im Krankheitsfall herbe Einbußen. Metaller verdienen durchschnittlich monatlich 350 DM, erhalten aber nur 175 DM Krankengeld bei vier Wochen Ausfall. Während der ersten drei Krankheitstage, den Karenztagen, wird gar nichts gezahlt.
Die Stimmung ist am Siedepunkt, als Hein Wadle spricht. „Warum erhalten Angestellte im Krankheitsfall weiterhin ihren Lohn und wir Arbeiter nicht? Weil wir wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden“, ruft er der Menge zu. Die Menschen jubeln. Am 24. Oktober 1956 treten die Belegschaften in der Werft und bei anderen Metallbetrieben in Schleswig-Holstein in den Ausstand. Innerhalb weniger Tage streiken mehr als 30 000 Metallarbeiter und fordern die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für Arbeiter. Mit 114 Tagen wird es der längste großflächige Arbeitskampf in der Geschichte der Bundesrepublik.
Der Streik trifft auch auf erbitterten Widerstand der Arbeitgeber. Werftchef Adolph Westphal sieht den wirtschaftlichen Aufschwung seiner Werft gefährdet, zu den Kunden zählt auch der griechische Reeder Aristoteles Onassis, der an der Förde Tanker bauen lässt. Westphal versucht, die Streikenden einzuschüchtern, und droht mit Kündigungen. Zudem lässt er seine guten Beziehungen zu Politik und lokaler Wirtschaft spielen. Selbst Lokalzeitungen ziehen über die „Blaumacher“ von der Werft her.
Gegen den Druck von außen hilft aber die Solidarität untereinander. In den Streiklokalen wird Zuversicht getankt, es gibt Gemeinschaftsveranstaltungen, eigene Streikzeitungen informieren über den Arbeitskampf. Dank Streikgeld und Mietzuschuss der IG Metall kommen die Streikenden über den Winter. Sechs Schlichtungsversuche scheitern. Schließlich schaltet sich Bundeskanzler Konrad Adenauer ein, mit ihm kommt Bewegung in die Gespräche. Immerhin sind die Arbeitgeber nun zu kleinen Zugeständnissen bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall bereit, dennoch lehnen die Beschäftigten ab, der Streik geht weiter.
Erst am 9. Februar 1957 stimmen die Metaller einem weiter verbesserten Angebot zu. Der Abschluss ist ein Durchbruch. Im Juli des desselben Jahres verabschiedet der Bundestag das „Gesetz zur Verbesserung der wirtschaftlichen Sicherung der Arbeiter im Krankheitsfalle“, seit 1970 gibt es bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall die volle Gleichberechtigung zwischen den Berufsgruppen. Für Hein Wadle hat sein Engagement ein Nachspiel. 1960 wird er fristlos von den Howaldtswerken entlassen, weil er ohne Rückendeckung der Gewerkschaft zu einem einstündigen Warnstreik in der Werft aufgerufen hat. Mit dem Aufruf zum wilden Streik, so die Richter, habe Wadle den Arbeitsfrieden gebrochen.
Rätselfragen
1. Welches Gericht sprach das Parteiverbot für die KPD aus?
2. Der Arbeitskampf von 1956 prägte auch einen jungen Lübecker. Dieser wurde später Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und auch Bundesvorsitzender der SPD. Welcher Politiker ist gemeint?
3. Im Jahr 1968 fusionierten die Howaldtswerke Hamburg und Kiel mit der Hamburger Deutsche Werft AG zur Howaldtswerke-Deutsche Werft AG (HDW). HDW ging in einer Konzernholding auf, der Name Howaldtswerke verschwand. Zu welchem Konzern gehört die Kieler Werft heute?
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Auflösung der Rätselfragen 04/2026
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