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Cosima Ingenschay ist Aufsichtsrätin bei der Deutschen Bahn Magazin Mitbestimmung

Wir bestimmen mit: Die Strategin

Ausgabe 02/2026

Cosima Ingenschay ist Aufsichtsrätin bei der Deutschen Bahn. Bei der Sanierung des Konzerns kämpft sie um jeden Arbeitsplatz. Von Marek Michaelis

Mehrere Stunden saß Cosima Ingenschay kürzlich zwischen Berlin und Fulda im Zug fest. Dabei kann sie sich Verspätungen gerade nicht leisten. Denn sie und ihre Kollegen haben eine Mammutaufgabe zu bewältigen: Die Logistiktochter der Bahn, DB Cargo, kündigte kürzlich an, fast die Hälfte der Stellen in Deutschland streichen zu wollen. Daher ist Ingenschay aktuell viel mit der Bahn unterwegs – von einer Betriebsversammlung zur nächsten.

Seit Jahren engagiert sich Ingenschay für die  notorisch defizitäre Bahn-Tochter. Eine Sanierung sei nötig, sagt sie, aber: „Gegen die Beschäftigten wird es nicht funktionieren.“  Als Aufsichtsrätin bei DB Cargo und der Deutschen Bahn will sie um jeden Arbeitsplatz kämpfen.

Was Stellenabbau für Beschäftigte und ihre Familien bedeutet, hat Ingenschay aus nächster Nähe in ihrer Kindheit beobachtet. Mitten im Strukturwandel der 1980er Jahre wuchs die heute 47-Jährige im Ruhrgebietsstädtchen Hattingen auf. Fast alle Väter ihrer Mitschüler verloren ihre Jobs auf der Hütte. „Die Gewerkschaften haben den Strukturwandel gestaltet, das war für mich ganz normal“, sagt Ingenschay. Sozialpläne sicherten damals viele Familien ab.

Mit 13 tritt Cosima Ingenschay den Jusos bei und wird später stellvertretende Landesvorsitzende in Nordrhein-Westfalen. In ihrem Studium beschäftigt sie sich mit der Arbeitswelt im Verkehr. Ihre Kontakte in der Partei und im DGB führen sie schließlich ins politische Berlin – erst als wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Bundestag, dann ins EVG-Verbindungsbüro. Schnell fühlt sie sich im politischen Betrieb wohl. Für die EVG organisiert sie Kontakte ins Parlament, bald sitzt sie im Aufsichtsrat bei der damaligen DB-Netz. Seit 2019 ist sie im geschäftsführenden Vorstand der EVG, mittlerweile als stellvertretende Vorsitzende. Sie gehe immer sehr strategisch vor, sagt Ingenschay. Dies und ihre politische Erfahrung helfe ihr beim Staatskonzern. „Hier muss man auch wissen, wie Politik funktioniert“, sagt sie. „Wir haben im Aufsichtsrat erlebt, dass sich Bundesvertreter die größten Sorgen um den Bahnhof in ihrem Wahlkreis machen.“

Als Gewerkschaftsvertreterin hält sie ihren Kopf hin. Das gehöre einfach dazu: „Verantwortung ist nun mal Verantwortung. Es gibt immer Leute, denen ein Kompromiss nicht gefällt. Das muss ich aushalten. Am Ende gibt es Lösungen nur am Verhandlungstisch.“  In Tarifrunden steht sie als Verhandlungsführerin für Transparenz gegenüber den eigenen Leuten und der Öffentlichkeit. 2023 etwa wollte die Bahn in den untersten Lohngruppen, die vom gesetzlichen Mindestlohn profitierten, diesen Lohn nicht als tarifliche Untergrenze für die Gehaltsverhandlungen akzeptieren.  Die EVG machte dies öffentlich und rief mehrmals zum Streik auf.

„Das ist ein tolles Erlebnis, so eine Solidarität und Gemeinschaft zu erfahren, wenn Zehntausende mitstreiken.“ Dabei kann die EVG auf immer mehr Kolleginnen und Kollegen setzen. Ingenschay stimmt das optimistisch: „Wir sind unfassbar durchsetzungsfähig als Gewerkschaft.“

 Zielstrebigkeit  zeichnet sie auch im Umgang mit dem Arbeitgeber aus. Im Oktober 2025 schrieb Ingenschay einen Brief an die neue  Bahnchefin Evelyn Palla. Ihr Appell: Mit Sigrid Nikutta als Chefin von DB Cargo gehe es nicht weiter. Ingenschay warf ihr Kopflosigkeit vor. Tatsächlich musste Nikutta noch im Herbst gehen. Die Sanierung von DB Cargo hat seither an Fahrt aufgenommen. Ein erstes Sanierungskonzept steht. „Wir sehen Licht am Ende des Tunnels“, sagt Ingenschay.

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