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LESERBRIEF zu Ausgabe 12/2011: Die Politiker zocken

Ausgabe 01+02/2012

Lesermeinung von Gerd Pflugstaedt, ehemaliger Betriebsrat und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der TÜV Nord AG, Essen zu "Finanzmarktregulierung"

Mit Interesse habe ich die Artikel zu den Finanzmärkten gelesen. Dabei kommt mir ein Zusammenhang zu kurz: Seit Jahrzehnten geben Staaten mehr Geld aus, als sie über Steuern einnehmen. Als Gläubiger muss ich meine Zweifel haben, ob ich am Ende der Laufzeit der Staatsanleihe mein Geld zurückbekomme. So wird der Kauf einer solchen Anleihe ein Stück weit spekulativ. Weniger spekulativ wäre der Kauf, wenn besagter Staat seine Schulden nicht weiter in die Höhe triebe, sondern sie im Mittel eher abbaute oder wenigstens gleich hielte. Bei solchem Staatsverhalten hätte ich ein hohes Maß an Gewissheit, dass ich das geliehene Geld wiedersehe.

Welches Interesse hat also „die Politik“, den Banken bzw. den Gläubigern auf die Zehen zu treten, von denen sie Jahr um Jahr mehr Kredite als im Vorjahr verlangt? Warum sollten nicht auch Politiker zocken, dass „der nächste Aufschwung“ den Schuldenabbau möglich machen wird? In diesem Staatsverhalten liegt eine der wesentlichen Ursachen der heutigen Vertrauenskrise. Geld ist nichts weiter als Vertrauen darin, dass ich auch noch übermorgen die von mir gewünschte Ware oder Dienstleistung für den Fetzen Papier erhalte, auf den ein Betrag in Euro oder anderer Währung gedruckt ist. Dieses Vertrauen geht leider zunehmend verloren. Thierry Philipponnat hat ja recht mit seiner Aussage, dass die Grundlagen der Finanzwirtschaft sehr einfach zu verstehen seien. Seiner Schlussfolgerung, dass „die Politik den Unterschied zwischen Investition und Spekulation immer noch nicht begriffen hat“, kann ich mich nicht anschließen. Auch „die Politik“ will lieber „hebeln“ (= zocken), um sich dem Zwang des stärkeren Eindämmens der Neuverschuldung noch eine Weile entziehen zu können. Sie weiß genau, was sie da treibt. Der Steuerbürger kann ihr nicht entkommen.

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