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Altstipendiat: Der Hoffnungsträger

Ausgabe 12/2014

Andreas Bausewein ist Erfurter Oberbürgermeister und als SPD-Landesvorsitzender in Thüringen Macher einer rot-rot-grünen Landesregierung.

Von Gunnar Hinck 

Ein flüchtiges Zufallsgespräch auf den Fluren des Erfurter Rathauses: Andreas Bausewein, der Hausherr, wird von einem Bekannten gefragt, wie das eigentlich so ist hinter den Kulissen, in den Sitzungen. Ob er nicht manchmal lauter werde, um seinen Zielen Nachdruck zu verleihen. Bausewein: „Einmal im Jahr werde ich laut.“ Der Bekannte: „Und bist du schon lauter geworden in diesem Jahr?“ Antwort: „Ja, ich bin damit schon durch.“

Der Erfurter Oberbürgermeister ist die Ruhe selbst. Der knapp über 1,90 Meter große, breitschultrige Mann schreitet ohne Zeichen von Hektik durch sein Rathaus, er spricht mit tiefer, bedächtiger Stimme. Dabei blickt jetzt, im November, die halbe Republik auf die rot-rot-grüne Annäherung und somit natürlich auch auf den neuen SPD-Landesvorsitzenden Andreas Bausewein. Er wirkt, als habe er nie etwas anderes gemacht als eine Stadt zu regieren und gleichzeitig seine angeschlagene Partei in ein nicht risikoloses politisches Experiment zu führen. 

Der Berufsweg des 1973 Geborenen war wenig vorhersehbar und ähnelt damit denjenigen vieler aus seiner Generation, die in der DDR aufwuchsen. Sein Politikerleben ist nicht das Ergebnis einer zielstrebigen Karriereplanung. Bis zum Alter von 16 habe er nur „das Nötigste“ in der Schule getan, erzählt er. Dann legte er den Schalter um – aber es war zu spät, um Abitur machen zu können. Die Auswahl für die Erweiterte Oberschule, die weiterführende Schule der DDR, war schon gefallen. Zwei Monate vor dem Mauerfall begann er eine Lehre als Elektroinstallateur, und als er die Lehre beendete, gab es die DDR nicht mehr. 

Er machte das Fachabitur, besuchte die Fachhochschule und studierte Sozialpädagogik. Beworben hatte sich Andreas Bausewein damals, Mitte der 90er Jahre, alternativ auch für BWL. „Es war keine tiefgründige Entscheidung“, sagt er heute zu seiner Studienwahl. Ausschlaggebend für das soziale Fach war letztlich sein Zivildienst beim ASB gewesen. Durch einen Vertrauensdozenten an der Fachhochschule kam er in Kontakt zur Hans-Böckler-Stiftung. Schließlich wurde er Stipendiat. Die Stiftung unterstützte ihn auch während seines Aufbaustudiums der Pädagogik an der Universität Erfurt.

Die Förderung ermöglichte ihm, dass er sich auf sein Studium konzentrieren konnte: „1100 D-Mark monatlich war gerade im Osten richtig viel Geld.“ Bausewein wollte danach noch promovieren – doch ließ den Plan fallen, nicht zuletzt auf sanften Druck seiner Lebensgefährtin und heutigen Frau: „Jetzt reicht es aber“, befand sie. Das Paar hatte bereits zwei Kinder. Er nahm eine Stelle als Sozialpädagoge in einer Justizvollzugsanstalt an.

Seine alleinerziehende Mutter, eine Industrienäherin, hätte ihm das Studium nicht finanzieren können. Doch habe sie ihn immer unterstützt, auch wenn ihr die Hochschulwelt fremd war, sagt er. Seinen Vater hat Andreas Bausewein erst mit 20 Jahren kennengelernt. Er erzählt es sachlich: „Ich kannte es nicht anders. Ich möchte keinen Tag meiner Kindheit missen.“ Fügt aber an: „Ich habe drei Kinder, die sind vermutlich froh, dass sie mich haben.“

Von seiner Mutter hat er den Blick für die weniger Privilegierten mitbekommen. Seit seiner Lehre ist er Gewerkschaftsmitglied – und blieb, als die Gewerkschaften in Ostdeutschland in den frühen 90er Jahren einen starken Aderlass verkraften mussten. „Das war heftig damals“, erinnert sich Bausewein. Er blieb aus Überzeugung, weil „Arbeitnehmer ohne starke Gewerkschaften nicht viel erwarten können“. 

Dass er noch zu DDR-Zeiten in die SPD eintrat, war für ihn ein logischer Schritt. Er sieht sich als Linker – aber als „pragmatischer Linker“, wie er sagt: „Der Sozialismus ist in der Theorie eine feine Sache, aber in der Praxis blendet er den Faktor Mensch aus. Deswegen wird er nie funktionieren.“ Für ihn ist entscheidend, „was am Ende an praktischen Verbesserungen herauskommt. Dafür wird man gewählt, und nicht für lange theoretische Abhandlungen.“ Aus den Sätzen spricht die langjährige Erfahrung als Kommunalpolitiker. Seit 2006 ist er Oberbürgermeister von Erfurt.

Seine politische Karriere deutet er bemerkenswert nüchtern. Zum Amt sei er wie „die Jungfrau zum Kinde“ gekommen. Damals war der langjährige CDU-Oberbürgermeister nicht mehr angetreten und dessen Partei zerstritten. Die SPD schickte den jungen Landtagsabgeordneten Bausewein ins Rennen und glaubte nicht recht an einen Erfolg. Bausewein schaffte es mit rund 500 Stimmen Vorsprung vor der damaligen PDS-Kandidatin in die Stichwahl – und gewann schließlich. „Wenn ich damals nicht Oberbürgermeister geworden wäre, wäre ich heute kein Berufspolitiker mehr“, ist sich Bausewein sicher. Er wäre dann wohl in seinen alten Beruf als Sozialarbeiter zurückgekehrt: „Irgendetwas hätte ich schon gefunden.“

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