Altstipendiaten der Stiftung: Der christliche Influencer
Pfarrer Justus Geilhufe nutzt nicht nur die Kanzel für seine Botschaften, auch im Internet versammelt er inzwischen eine stattliche Gemeinde. Von Fabienne Melzer
Kaum eine große Tageszeitung hat ihn noch nicht interviewt. Auch die heute-show besuchte Pfarrer Justus Geilhufe schon in seiner Kirche in Großschirma, einem kleinen Ort mit rund 5000 Einwohnern zwischen Dresden und Chemnitz. Geilhufe ist nicht nur Pfarrer, er ist auch Influencer mit rund 31 000 Followern auf Instagram. Im Internet feiert er Ost-Dolce-Vita oder kickt zur Fußball-WM mit dem Ball vorm Altar. Er bietet AfD-Kandidaten Paroli und sagt Ostdeutschen, dass sie keinen Grund zum Jammern haben.
Kein Wunder also, dass es Medien von der Zeit über die FAZ bis zu Spiegel-online nach Großschirma zieht. Dabei ist sich der 36-Jährige durchaus bewusst, dass es eine Gratwanderung ist: „Ich will natürlich nicht Wessis das Futter für ihren Ost-Hass liefern. Ich will an Fakten erinnern.“ Fakt sei, dass es den Menschen im Osten heute tausendmal besser gehe als zu DDR-Zeiten und gleichzeitig viele sagen: Wir sind belogen und betrogen worden, und es war noch nie so schlimm wie jetzt.
Diesen Widerspruch kann Justus Geilhufe nicht unwidersprochen stehen lassen. Mitten in der Wende, im Sommer 1990, wurde er als Nachzügler in die Familie eines Pfarrers in Dresden geboren. „Meine Eltern waren dem Herrgott auf Knien dankbar, dass diese DDR vorbei war“, sagt Geilhufe. Als Pfarrersfrau konnte seine Mutter in der DDR nicht Lehrerin werden, und er selbst hätte kein Abitur machen können. Erst das Ende der DDR ermöglichte ihm das Abitur und ein Studium in Jena, Princeton, München und Leipzig. Für ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung hatten ihn Mitstudierende in Leipzig vorgeschlagen. „Natürlich war ich bei der Stiftung ein totaler Exot“, sagt Geilhufe. „Aber wenn es in meinem Studium einen Ort gab, wo freies Denken und freier Austausch möglich war, dann war es die Stiftung.“ Darin sieht er die wichtigste Parallele zur Kirche, aus der er kommt. „Die unterdrückte DDR-Kirche war ebenso ein Ort, der sich über freies Denken definierte, im Gegensatz zu FDJ und SED.“
Aufgewachsen ist Justus Geilhufe in den 1990er Jahren, den sogenannten Baseballschlägerjahren. Eine Zeit, in der Gewalt gegen Minderheiten und Andersdenkende alltäglich war. Das bekam auch der Pfarrerssohn zu spüren. Auf der Straße wurden er und sein älterer Bruder von rechten Jugendlichen verprügelt, doch zu Hause erlebten sie eine liebevolle Gemeinschaft.
Sein Leben in Großschirma ähnele in gewisser Weise dieser Zeit. Mit seiner Frau und inzwischen drei Kindern lebt er im 500 Jahre alten Pfarrhaus gleich neben der Kirche – ein idyllischer Ort. „Unsere Gemeinde ist ein behüteter Ort, und drumherum kommt die AfD auf 43 Prozent.“ Das Wahlprogramm der Partei nennt Geilhufe einen Frontalangriff auf die Kirche. „Sie wollen, dass in Großschirma keine Kirchenglocken mehr läuten“, sagt Geilhufe. „Erst dann haben sie den ländlichen Raum ganz für sich.“
Denn die AfD sei nur dort erfolgreich, wo zivilgesellschaftliche Strukturen auch durch sie weggebrochen sind. „Wahlentscheidend ist, dass jemand bei den Leuten an die Tür klopft“, sagt Geilhufe. „Wenn das nicht passiert, entscheidet das Internet. Die AfD gewinnt auch, weil sie TikTok verstanden hat.“ Um die Macht der AfD im ländlichen Raum zu brechen, müssten sich ihn alle anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen wieder zurückerobern und im Internet gleich mehrere Gänge hochschalten.
Damit in Großschirma auch in den nächsten Jahren nicht nur die AfD an die Türen klopft, bleibt Justus Geilhufe Pfarrer in der evangelischen Gemeinde und bespielt weiter das Internet. Es sei gar nicht so schwer, Menschen online zu erreichen. In der ostdeutschen Provinz sei es vielleicht eine einsame Geschichte. „Aber als Pfarrer sieht man einsame Geschichten als seine Aufgabe“, sagt Geilhufe und denkt dabei auch an seinen Vater. „Er war auch einsam, als er 1972 in der DDR Pfarrer wurde.“