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Von MICHAELA NAMUTH: Brotloser Alltag: Was Künstler verdienen

Ausgabe 01/2017

Thema Auf der Bühne sein Geld zu verdienen ist ein hartes Geschäft. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung beleuchtet die Arbeitsbedingungen von Künstlern in Deutschland heute – mit beschämenden Ergebnissen.

Von MICHAELA NAMUTH

Der Filmregisseur Thomas S. setzt sich dreimal die Woche an den Mittagstisch der Caritas, aber das weiß in seinem Bekanntenkreis niemand. Die Schauspielerin Maria H. erhält für eine Vorführung an einer städtischen Bühne in Deutschland 220 Euro, dafür muss sie mehrere Tage gratis an den Proben teilnehmen. Der Pianist Michael F. leidet unter Arthrose an den Händen, weil er jahrelang in unterkühlten, feuchten Räumen geübt hat. Alle drei rechnen damit, dass sie im Alter arm sein werden, wenn sich an ihrer Lage nichts ändert.

So sieht Künstleralltag im reichen Deutschland aus. Eine triste Realität, die sich anscheinend seit den Zeiten von Mozart und Schubert, die beide in Armut starben, kaum geändert hat. Diese Realität wird jetzt in einer Studie beleuchtet. Angeregt wurde sie durch die Künstlerinitiative „art but fair“, ursprünglich ein Facebook-Projekt des Musical-Produzenten Johannes Maria Schatz. Aus seinem digitalen Kummerkasten über Gagen und Berufsprobleme ist eine Diskussionsplattform und ein Netzwerk entstanden, das auch in Österreich und in der Schweiz aktiv ist. Es engagieren sich hauptsächlich Kunstschaffende der Theaterbranche, aber auch Musiker, Filmemacher und Autoren, die gemeinsam „ein faires und würdevolles Arbeiten“ fordern, wie es auf der Internetseite heißt.

Die jetzt vorliegende Studie wurde vom art-but-fair-Mitstreiter Maximilian Norz verfasst und von der Hans-Böckler-Stiftung sowie der Kulturpolitischen Gesellschaft gefördert. Die Basis der Forschungsarbeit ist eine Onlinebefragung von 2635 Erwerbstätigen aus den Bereichen Musik und darstellende Kunst – Sänger, Musiker, Schauspieler und Tänzer, aber auch Komponisten, Dramaturgen, Autoren, Filmregisseure, Kostüm- und Bühnenbildner sowie Lehrende und Ausbilder. Es wurden auch 22 Interviews mit Experten aus der Branche geführt – dazu gehörten Kunstschaffende, aber auch Konsumenten, sprich Publikum, sowie Vertreter von Kultur- und Bildungsinstitutionen, Veranstaltern, Künstlervermittlungen, politischen Organisationen, Verbänden und Medien.

Prekäre Existenzen

Viele sind von der Misere betroffen. Immerhin waren bei der Künstlersozialkasse 2014 51 000 freischaffende Musiker und 24 000 darstellende Künstler, vor allem Schauspieler und Tänzer, gemeldet. Letztere verdienten durchschnittlich knapp 15 000 Euro und die Musiker 13 000 Euro brutto im Jahr. Von den Befragten halten 79 Prozent ihre Gagen für unangemessen. Das Nettoeinkommen liegt bei 40 Prozent unter 10 000 Euro im Jahr. Kaum einer der Befragten schätzt seine finanzielle Lage als gut ein.

Rund vier von fünf Künstlern, die an der Befragung teilgenommen haben, geben an, zu gering vergütet zu werden, mangels ausreichender Rentenversicherung von Altersarmut bedroht und einer unsicheren Beschäftigungssituation ausgesetzt zu sein. Rund 80 Prozent empfinden ihre Beschäftigungslage als prekär. Allein 63 Prozent der freien Tanz- und Theaterschaffenden müssen vier oder mehr Monate im Jahr ohne Aufträge überbrücken. Dadurch verringert sich die Planbarkeit – nicht nur der Arbeit, sondern auch des Lebens.

Unbezahlte, aber geforderte Leistungen sowie die Unvereinbarkeit von Familie und künstlerischem Berufsleben sind Missstände, die 60 bis 70 Prozent der Befragten anprangern.

Ein Drittel hat Erfahrungen mit Vertragsbrüchen, Machtmissbrauch und Willkür. Ein Viertel beklagt das Fehlen jeglicher Form von Mitbestimmung. Frauen haben mit deutlich schlechteren Bedingungen zu kämpfen als Männer. Deutlich wird auch, dass sich die Arbeitsbedingungen der Ensembles an den großen staatlichen und städtischen Bühnen davon durchaus unterscheiden: Zeitweise angestellte Künstler sind von den meisten Missständen am stärksten betroffen, gefolgt von selbstständigen. Die besten Arbeitsbedingungen haben dauerhaft angestellte Künstler.

Angesichts der meist individuellen Vertragsabschlüsse in der Branche sind Vorschläge zur Verbesserung der Zustände keine leichte Sache. Die Mitstreiter und Mitstreiterinnen von art but fair haben eine Form der Selbstverpflichtung zur Einhaltung von fairen Arbeitsbedingungen vorgeschlagen, an die sich Arbeitgeber, Verbände und Institutionen halten sollten. Auch die Kunstschaffenden selbst sollten sich zum fairen Umgang untereinander verpflichten.

Die Studie von Norz brachte allerdings zutage, dass sich nur 13 Prozent der Künstlerinnen und Künstler einen Vorteil von einer freiwilligen Selbstverpflichtung versprechen. Deshalb will art but fair die Initiative verwerfen. „Wir werden das Projekt einstampfen“, so Johannes Maria Schatz, Gründer der Vereinigung.

Kultur-TÜV

Wesentlich effizienter sei es, so ein Ergebnis der Studie, auf eine Art Kultur-TÜV zu setzen: ein Gütesiegel für Fairness in der Arbeitswelt, vergeben von einem unabhängigen Institut. Es soll für Institutionen und Veranstalter gelten und über Medienkampagnen auch die Konsumenten – sprich Zuschauer und Zuhörer, die Kultur mitfinanzieren – einbeziehen. Entscheidend sei dabei der Einfluss der Politik: eine öffentliche Kulturförderung, die bei Institutionen und Projekten Mindeststandards einfordert, die faire Arbeitsbedingungen garantieren. Parallel dazu sei die kollektive Interessenvertretung am ehesten geeignet, um Ohnmachtsgefühle und dauernde Selbstausbeutung zu bekämpfen, so der Autor. Dadurch würde auch die Verhandlungsmacht bei den individualisierten und oft willkürlichen Vertragsabschlüssen gestärkt.

Doch dass Künstler nicht leicht zu organisieren sind, wissen die Gewerkschaften längst. Die meisten haben nur befristete Verträge und müssen sich als Selbstständige auf dem sogenannten freien Markt behaupten. Aber der Druck auf den Einzelnen wird immer stärker – und damit auch das Bedürfnis, gemeinsam bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Und dies, so das Fazit der Studie, sollte zu erstreben und vielleicht auch zu erreichen sein. Dafür spricht eines der wichtigsten Umfrageergebnisse: Nicht nur 94 Prozent der Künstler, sondern auch 92 Prozent der Nicht-Künstler – die aus Verwaltungen, Kulturinstitutionen, Agenturen, Universitäten oder Rundfunkanstalten kommen – befürworten, „dass öffentliche Kulturförderung an die Einhaltung fairer Arbeitsbedingungen geknüpft sein sollte“. Damit geben sie ein Signal an die Politik. Denn Opernsänger und Balletttänzer, die auf der Straße für gute Gaben der Passanten auftreten, sind kein Gütesiegel für eine Gesellschaft.

Fotos: plainpicture/Michel Monteaux; Carl Spitzweg; „TSG Hall 2 Empty Stage 2“ von Christopher Durant, Lizenz: CC BY 2.0

 

WEITERE INFORMATIONEN

Maximilian Norz: Faire Arbeitsbedingungen in den darstellenden Künsten und der Musik?! (pdf-Download); Studie der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 319, 2016

Informationen zur Künstlerinitiative „art but fair“: Website und Facebook-Seite

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