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Schwarz-Weiß-Porträts von Prof. Christian Hagist, WHU (links) und Sylvia Bühler, Verdi-Vorstand Magazin Mitbestimmung

Pro & Contra: Brauchen wir eine Gebühr für den Arztbesuch?

Ausgabe 01/2026

Ja, findet Wirtschaftsprofessor Christian Hagist. Eine Arztgebühr stärke nicht nur die Eigenverantwortung der Versicherten, sondern könne auch helfen, ärztliche Ressourcen effizienter zu nutzen. Sylvia Bühler Verdi-Bundesvorstand lehnt dagegen Arztgebühren als sozial ungerecht ab. Wer krank ist, müsse weiter ohne Angst vor Extra-Kosten zum Arzt gehen können.

JA.

Deutschland zählt bei den Arztkontakten zu den europäischen Spitzenreitern. Die Folge: überfüllte Wartezimmer, überlastete Praxen, immer weniger Zeit für komplexe medizinische Fälle. Wer das ändern will, muss Anreize neu setzen – und dazu gehört auch eine sozial abgefederte Kontaktgebühr.

Eine Pauschale von 15 Euro pro Arztbesuch ist kein Strafzoll auf Krankheit, sondern ein Signal zur bewussteren Inanspruchnahme medizinischer Leistungen. Sie stärkt die Eigenverantwortung der Versicherten und kann dabei helfen, ärztliche Ressourcen effizienter einzusetzen. Zudem wird ein Beitrag zur Stabilisierung der Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung geleistet. Eine maßvolle Gebühr könnte kurzfristig bis zu 18 Milliarden Euro Entlastung pro Jahr bringen.

Auch sozialpolitisch ist eine Kontaktgebühr tragfähig. Chronisch Kranke und einkommensschwache Gruppen sind durch die gesetzliche Belastungsgrenze finanziell abgesichert. Die Einführung wäre zudem kein deutscher Sonderweg: In fast allen europäischen Ländern gibt es ähnliche Modelle.

Natürlich ist eine Kontaktgebühr kein Selbstzweck. Sie muss eingebettet sein in eine umfassende Reform, die Transparenz, Wettbewerb und Digitalisierung im Gesundheitssystem fördert. Wer dann innovative Versorgungsmodelle wählt, könnte von Gebühren befreit werden. Das wäre ein echter Anreiz für strukturierten Wandel.

CHRISTIAN HAGIST ist Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik und Akademischer Direktor des Centrums für Intergenerative Finanzwissenschaft (CIF) an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar.


NEIN.

Die Praxisgebühr ist schon einmal gescheitert und wird nicht besser, wenn man dem Kind einen neuen Namen gibt. Eine solche Gebühr trägt nicht zu einer besseren Steuerung der Patientinnen und Patienten bei, würde aber die soziale Schieflage in der Versorgung weiter verschärfen. Deshalb lehnen wir diese ungerechte Maßnahme entschieden ab. Wer krank ist, muss zum Arzt oder zur Ärztin gehen können – ohne Angst vor zusätzlichen Kosten. Chancen für eine bedarfsorientierte Steuerung liegen in einem starken Primärarztsystem, also in einer ersten verbindlichen Anlaufstelle, bevor ein Facharztbesuch erfolgt. Dafür braucht es aber vor allem in den ländlichen Regionen dringend tragfähige Konzepte, denn damit man Hausärztinnen und Hausärzten diese wichtige Rolle übertragen kann, muss es sie in ausreichender Zahl flächendeckend geben.

Zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung muss man diese in einem ersten Schritt von versicherungsfremden Leistungen befreien. Die Beiträge von Bürgergeldempfängerinnen und -empfängern sind vollständig aus Steuermitteln zu bezahlen, nicht über die Beiträge der gesetzlich Versicherten. Eine Reduzierung der Mehrwertsteuer für Arzneimittel auf sieben Prozent würde die Krankenversicherung darüber hinaus um weitere sechs bis sieben Milliarden Euro pro Jahr entlasten. Die Vorschläge liegen längst auf dem Tisch. Ziel muss eine bezahlbare und hochwertige Gesundheitsversorgung für alle Bürgerinnen und Bürger sein.

SYLVIA BÜHLER ist Mitglied im Verdi-Bundesvorstand. Sie leitet den Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Bildung und Wissenschaft.


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