Ausgezeichnet: Blaupause für Gute Arbeit
Der Betriebsrat des Energieunternehmens Eon nutzte die Fusion mit Innogy, um die Arbeitsplätze für alle attraktiver zu machen. Jetzt gibt es dort mehr Fairness und mehr Wahlmöglichkeiten.
Es war eine der größten Umstrukturierungen der europäischen Energiebranche: Zwischen 2018 und 2020 wickelten die zwei Energieriesen Eon und RWE, eigentlich Konkurrenten, ein kompliziertes Tauschgeschäft ab. Das Ziel:Eon sollte sich auf die Netze und den Vertrieb konzentrieren, RWE auf die Stromerzeugung aus regenerativen Energien. Bei dem Tauschgeschäft wechselten auch Zehntausende Beschäftigte ihren Arbeitgeber: Eon behielt rund 40 000 Mitarbeiter und erhielt durch die Übernahme der RWE-Tochter Innogy rund 36 500 hinzu.
Für den Eon-Betriebsrat war diese Verschmelzung von zwei nahezu gleich großen Belegschaften in diesen Dimensionen eine Riesenaufgabe, aber auch eine Riesenchance: Die Umstrukturierung wurde genutzt, um die tariflichen und betrieblichen Regeln zu vereinheitlichen und auf eine neue Grundlage zu stellen. Die Integration von Innogy wurde so zur Nagelprobe für die Gestaltung moderner Beschäftigung.
Beachtliches Arbeitstempo
Der klassische Weg dorthin wären langwierige Verhandlungen gewesen. Daher wählten Axel Winterwerber, Vorsitzender des Konzernbetriebsrats (KBR), und seine Mitstreiter eine andere Strategie: „Wir wollten nicht nur einzelne Streitpunkte verhandeln, sondern gemeinsam einen Rahmen schaffen, der moderne Arbeitsbedingungen für die Zukunft sichert.“ So setzten die Sozialpartner auf „ko-kreative Sprints“, eine Arbeits- und Managementmethode, die das Prinzip der Mitgestaltung auf Augenhöhe in den Mittelpunkt stellt und oft zu schnellen Ergebnissen führt.
Der Prozess startete mit einer Beschäftigtenbefragung im Sommer 2023. Tausende Kolleginnen und Kollegen erklärten, was ihnen bei der Arbeit am wichtigsten war: mehr Flexibilität bei Arbeitszeit und -ort, gerechtere Entgeltstrukturen und zeitgemäßere Nebenleistungen jenseits der Klassiker wie etwa Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. Diese Themen wurden dann in Projektgruppen, paritätisch besetzt mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern und begleitet von den Gewerkschaften, bearbeitet.
„Das war für alle Beteiligten Neuland“, erzählt Axel Winterwerber, „aber es hat gezeigt, dass Mitbestimmung auch in einem partnerschaftlichen, kreativen Prozess sehr produktiv sein kann.“ Schon nach einigen intensiven Runden lagen binnen weniger Monate Entwürfe für Rahmenvereinbarungen auf dem Tisch. „Durch die neue Arbeitsweise gelang es, in weniger als einem Jahr erste Ergebnisse vorzulegen“, sagt der KBR-Vorsitzende Winterwerber.
Im März 2025 legten die Bundestarifkommission und der Konzernbetriebsrat schließlich ein umfassendes Paket vor. Es enthält 25 konkrete Zusagen des Unternehmens an die Belegschaft, sogenannte Mitarbeiterversprechen. Sie reichen von flexibleren Arbeitszeiten über neue Entgeltregeln bis zu zusätzlichen Nebenleistungen. Eon will damit verbindlich dokumentieren, welche Verbesserungen für alle Beschäftigten gelten, und so Vertrauen schaffen.
Wichtige Themen waren Arbeitszeit und Urlaub: Künftig haben die Beschäftigten deutlich mehr Spielraum, etwa durch neue Modelle für die Wochenarbeitszeit oder durch zusätzliche freie Tage. Besonders hebt der Konzernbetriebsrat die „Familienstartzeit“ hervor: Viele Beschäftigte hatten sich in der Befragung eine bezahlte „Vaterzeit“ gewünscht, also vier Wochen Freistellung nach der Geburt eines Kindes bei fortlaufender Bezahlung. Bisher war ein solcher Anspruch nur für Mütter vorgesehen. Seit diesem Jahr können nun Mütter und Väter diese Familienstartzeit nutzen. Sie gilt auch für gleichgeschlechtliche Paare.
Auch die Entgeltstrukturen wurden neu gedacht. Künftig zählt stärker, was Beschäftigte individuell leisten, welche Kompetenzen sie aufbauen und wie sie zum Erfolg im Team und im Konzern beitragen. Starre Systeme werden dadurch abgelöst. Durch die Modernisierung sollen Beschäftigte längerfristig bessere Entwicklungsperspektiven haben – ein wichtiger Baustein für die Sicherung von Arbeitsplätzen.
Mehr Wahlmöglichkeiten
Bei den Nebenleistungen setzt Eon auf mehr Wahlmöglichkeiten als bislang. Künftig können die Beschäftigten stärker selbst entscheiden, welche Angebote zu ihrer Lebenssituation passen: Notebook- oder Autoleasing über den Betrieb, zusätzliche freie Tage oder neue Formen der finanziellen Unterstützung. Dabei werden regionale Unterschiede berücksichtigt, sodass die Angebote vor Ort angepasst werden können. Ziel ist ein Baukastensystem, das Nebenleistungen für unterschiedliche Bedürfnisse bereithält.
Der Weg, den Eon gegangen ist, könnte eine Signalwirkung über das eigene Unternehmen hinaus haben. Das Projekt hat nicht nur die Arbeitsbedingungen attraktiver gemacht, sondern auch den Konzern besser für die Zukunft aufgestellt. Dafür gab es im vergangenen Jahr den Deutschen Betriebsrätepreis des Bund Verlages in Bronze.
Die Resonanz in der Belegschaft ist ermutigend. Viele Beschäftigte schätzen die neuen Spielräume und die konkrete Unterstützung in verschiedenen Lebensphasen. Winterwerber kann sich jedenfalls vorstellen, die Erfahrungen mit anderen Betriebsräten zu teilen: „Es ist wichtig, gute Beispiele weiterzugeben. Am Ende profitieren alle davon.“