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TORSTEN WESTPHAL Seit November 2019 ist der 53-Jahrige Vorsitzender der Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft. Der Sohn eines Eisenbahners kommt aus Rostock, machte von 1982 bis 1984 eine Ausbildung zum Fahrzeugschlosser bei der Deutschen Reichsbahn. Seit 1992 arbeitet er bei der Gewerkschaft. Magazin Mitbestimmung

Interview: "Beschäftigte fühlen sich oft als Blitzableiter"

Ausgabe 01/2020

Seit November ist Torsten Westphal neuer Vorsitzender der Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft. Ein Gespräch über unzufriedene Fahrgäste, fehlende Investitionen und darüber, warum die Arbeit trotzdem Spaß machen kann. Das Gespräch führte Fabienne Melzer

Wer sich auf einer Party als Eisenbahner outet, hört Bahngeschichten nicht unter einer Stunde. Erleben Sie das auch?

Da geht es mir nicht anders als den Kolleginnen und Kollegen der Bahn. Jeder hat eine Geschichte mit der Bahn erlebt, und in aller Regel werden nicht die guten Erfahrungen erzählt, sondern was nicht funktioniert hat. 

Wie fühlen Sie sich dabei?

Ich fühle mich nicht wohl und die Kolleginnen und Kollegen genauso wenig. Jede Geschichte, die aufzeigt, was bei der Bahn nicht funktioniert, kratzt an der Ehre der Eisenbahnerinnen und Eisenbahner. Sie wollen einen guten Job machen, aber dazu müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. Derzeit fühlen sie sich oft als Blitzableiter für politische und unternehmerische Fehlentscheidungen. Der Vorstand steht ja selten auf dem Bahnsteig oder fährt Zug. Der Frust entlädt sich an unseren Kolleginnen und Kollegen.

Warum hat die EVG eine Initiative gegen zunehmende Gewalt gestartet?

Wir erleben insgesamt eine stärkere Verrohung der Gesellschaft, nicht nur im Bahn- und Bahnbusverkehr. Das spüren auch unsere Kolleginnen und Kollegen. Niemand muss sich anspucken, beleidigen oder gar schlagen lassen. Die Eisenbahnen tun da etwas, könnten aber mehr machen. Mit unserer Aktion „Ruf Robin“ helfen wir Kolleginnen und Kollegen bei Bus und Bahn, die Opfer von Gewalt geworden sind. Doch in erster Linie brauchen wir mehr Prävention. 

Was heißt das?

Die Länder als Auftraggeber im Schienenpersonennahverkehr sind verantwortlich für die Sicherheit der Beschäftigten und der Reisenden. Wenn ich Prävention und Sicherheitspersonal erwarte, muss ich sie bei der Ausschreibung auch bestellen. Das wurde häufig nicht gemacht, ändert sich durch unsere Initiativen aber gerade. Außerdem erwarten wir, dass nur sehr gut qualifiziertes Sicherheitspersonal eingesetzt wird. Leider kommen immer noch Subunternehmen zum Einsatz, die ihren Auftrag an Sub-Subunternehmen und diese an Sub-Sub-Subunternehmen vergeben. Da stellt sich die Frage: Welche Qualität kauft man da ein? Wir fordern, Sicherheit im eigenen Konzern zu betreiben. Dann hat man die Hand drauf, welche Ausbildungs- und Qualitätsstandard gelten. In einer trilateralen Vereinbarung konnten wir festschreiben, dass die Deutsche Bahn den Einsatz eigener Mitarbeiter aus dem Bereich DB Sicherheit deutlich erhöht. Sie sind entsprechend geschult und wissen, wie man in brenzligen Situationen richtig reagiert. 

Kommt mit der Diskussion ums Klima das Zeitalter der Schiene?

So gut wie zurzeit waren die Chancen, die Eisenbahn nach vorn zu bringen, noch nie. Das hängt zum einen mit der Klimadebatte zusammen, wir dürfen zum anderen aber auch nicht vergessen, was auf den Straßen los ist. Wir stehen da an manchen Tagen vor dem Verkehrskollaps. Das sehen auch die Menschen. Denn obwohl es im Regional- und Fernverkehr Mängel gibt und jeder Geschichten kennt, was nicht funktioniert, fahren immer mehr Menschen mit der Bahn. Verkehrs- und umweltpolitisch hat die Eisenbahn große Potenziale. Hier ist in erster Linie die Politik gefragt, die Weichen richtig zu stellen.

Die Fahrgastzahlen sollen weiter steigen. Kann das unter den derzeitigen Bedingungen gutgehen?

Verkehrs- und umweltpolitisch ist das Ziel, die Fahrgastzahlen bis 2030 zu verdoppeln, richtig. Jetzt müssen die dafür notwendigen politischen Entscheidungen folgen. Mit der kürzlich unterschriebenen Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung hat die DB AG in der Instandhaltung Planungssicherheit für die nächsten zehn Jahre. Das ist ein echter Fortschritt, obwohl das Geld noch nicht reicht, um alle Mängel zu beheben. Wichtig ist uns aber auch der Aus- und Neubau. Hier müssen ebenfalls langfristige Finanzierungs- und Bauzusagen getroffen werden. Das haben wir eingefordert. Zudem gibt es im Haushalt immer noch ein Ungleichgewicht zugunsten der Straße. In 2020 investiert der Bund rund zehn Milliarden in Asphalt und nur knapp sieben Milliarden in die Schiene. Wenn die Verkehrswende gelingen soll, muss sich das ändern. 

Wird an den richtigen Stellen investiert?

Für die Infrastruktur gibt es in den nächsten Jahren mehr Geld, dennoch reicht es nicht, um alle Mängel zu beheben. Wenn das Geld nicht reicht, ist die Frage: Wo sind die richtigen Stellen? Im Augenblick wird erst mal in Knotenpunkte und Korridore investiert. Es muss aber ebenso massiv in die Fahrzeuge investiert werden. Die Bahn rechnet damit, dass sie für die doppelte Fahrgastzahl 200 neue ICEs braucht. Das ist eine enorme Herausforderung für die Bahn, aber auch für die Fahrzeugindustrie. Die Kapazitäten in der Fahrzeugindustrie sind ausgelastet. Auch muss sie in die Entwicklung der nächsten ICE-Generationen einsteigen. Voraussetzung dafür sind jedoch verbindliche Zusagen über Bestellungen. Hier muss langfristig gedacht und geplant werden. Und die Bahnen müssen – was sie auch tun – mehr Personal einstellen. Die Beschäftigten sind das Rückgrat der Bahnunternehmen. Sie sind es, die dafür Sorge tragen, dass die Räder rollen.

Fehlende Investitionen, genervte Fahrgäste – ist der Job bei der Bahn überhaupt attraktiv?

Ein Arbeitsplatz bei der Bahn kann sehr attraktiv sein. Es ist ein verantwortungsvoller und interessanter Job. Richtig ist aber auch: Die Berufe in unserer Branche müssen attraktiver werden. Die Bahnen stehen im Wettstreit mit anderen Branchen. Die Bezahlung ist sicher ein Aspekt, aber die Beschäftigten erwarten auch Zeitsouveränität, und sie wollen ihre Arbeit mitgestalten. Im Augenblick brauchen alle Eisenbahnverkehrsunternehmen mehr Personal. Die Beschäftigten schultern im Moment auch die Arbeit derer, die fehlen. Dafür kann man ihnen nur Anerkennung und Respekt zollen. Sie machen einen tollen Job.

Den Wunsch nach mehr Zeitsouveränität hat die EVG im Tarifvertrag aufgegriffen. Wie funktioniert das Wahlmodell? 

Unsere Tarifverträge ermöglichen es den Beschäftigten, selber zu entscheiden, ob sie 2,6 Prozent der vereinbarten Lohnerhöhung in Form von Geld, sechs Tagen mehr Urlaub oder einer Arbeitszeitverkürzung haben wollen. Dieses Wahlmodell haben wir in zwei aufeinanderfolgenden Tarifrunden vereinbart, sodass, wer mag, sich für insgesamt zwölf Tage mehr Urlaub entscheiden kann. Viele tun das, was zeigt, wie hoch die Belastungen sind. Unser EVG-Wahlmodell setzen wir derzeit in unserem gesamten Organisationsgebiet um, wenn nötig auch mit einem mehrwöchigen unbefristeten Arbeitskampf, wie jüngst bei Keolis/eurobahn in Nordrhein-Westfalen. Auch beim Thema Digitalisierung ist die EVG ganz vorne mit dabei. Wir waren die Ersten, die mit dem Tarifvertrag „Arbeit 4.0“ verbindliche Vereinbarungen zum Umgang mit der zunehmenden Digitalisierung festgeschrieben haben. Damit haben wir unseren Betriebsräten Werkzeuge in die Hand gegeben, die Herausforderungen der Zukunft im Sinne der Beschäftigten zu gestalten.

Welche Werkzeuge sind das?

Wir haben beispielsweise festgeschrieben, dass der Arbeitgeber frühzeitig auf Betroffene zugehen muss, deren Arbeit sich durch Digitalisierung verändert. Die Kolleginnen und Kollegen müssen dann weiterqualifiziert werden, damit niemand seinen Arbeitsplatz verliert. Diesen Tarifvertrag werden wir nun evaluieren. Ein Ergebnis ist aber schon deutlich: Wir haben einen klareren Blick darauf, wie groß die Veränderungen durch Digitalisierung sein werden und wie sie sich auswirken.

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie im Wettbewerb auf der Schiene?

Im Schienenpersonennahverkehr hat man politisch den Wettbewerb gewollt. Hier sind die Länder in der Verantwortung. Wettbewerb kann sinnvoll sein, wenn es um die beste Idee und um Innovation geht. Diesen Wettbewerb gibt es derzeit nicht wirklich. Stattdessen wird er vornehmlich über Personalkosten geführt – auf dem Rücken der Kolleginnen und Kollegen. Nicht das beste Angebot, sondern der niedrigste Preis steht im Vordergrund. Diese Billigpolitik gehört aufs Abstellgleis. Wer Verkehre vergibt, hat über die Ausschreibung dafür zu sorgen, dass Kolleginnen und Kollegen – unter Beibehaltung ihrer bisherigen Einkommens- und Arbeitsbedingungen – ein Übernahmeangebot vom neuen Betreiber erhalten. Und dass in dem Unternehmen auch ausgebildet wird. 

  • Torsten Westphal: Seit November 2019 ist der 53-Jährige Vorsitzender der Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft. (Foto: Stephan Pramme)
    Torsten Westphal: Seit November 2019 ist der 53-Jährige Vorsitzender der Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft. (Foto: Stephan Pramme)

Zur Person

Seit November 2019 ist der 53-jährige Torsten Westphal Vorsitzender der Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft. Der Sohn eines Eisenbahners kommt aus Rostock, machte von 1982 bis 1984 eine Ausbildung zum Fahrzeugschlosser bei der Deutschen Reichsbahn. Seit 1992 arbeitet er bei der Gewerkschaft.

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