Forschung: „Belastbare Daten für progressive Entwürfe“
Im Juni beging das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung seinen 80. Geburtstag. Im Gespräch erklärt die Wissenschaftliche Direktorin Bettina Kohlrausch, warum Demokratie ein Thema der Arbeitsforschung ist und die Klassenfrage ein Dauerbrenner. Das Gespräch führte Jeannette Goddar
Frau Kohlrausch, 80 Jahre WSI: Warum braucht es das Institut heute mehr denn je?
Bettina Kohlrausch: Weil wir Wissenschaft brauchen, um progressive Wirtschafts- und Gesellschaftsentwürfe zu entwickeln, gerade in Zeiten multipler Krisen. Die Arbeitswelt verändert sich tiefgreifend. Soziale Sicherheiten und demokratische Gewissheiten geraten unter Druck. Wir untersuchen auf Grundlage von Daten, was das für die Beschäftigten bedeutet. Ganz im Sinne Hans Böcklers betreiben wir arbeitnehmerorientierte Forschung und liefern Fakten für eine faire Arbeitswelt. Das bedeutet nicht, Forschung politisch passend zu machen, sondern Fragen zu stellen, die oft übersehen werden. Während der Pandemie gehörten wir beispielsweise zu den Ersten, die die besonderen Belastungen von Frauen in den Blick genommen haben.
Worin besteht der Mehrwert der Gewerkschaftsnähe, die man ja auch als Spannungsfeld zur wissenschaftlichen Unabhängigkeit betrachten könnte?
Es ist zweifellos ein Spannungsfeld, aber eines, mit dem wir sehr transparent umgehen. In den Sozialwissenschaften herrscht längst Konsens darüber, dass Forschung nie völlig neutral ist. Wir legen unseren Standpunkt offen, arbeiten aber strikt nach höchsten wissenschaftlichen Standards. Der große Mehrwert unserer Nähe zu den Gewerkschaften liegt darin, dass unterschiedliche Perspektiven zusammenfließen. Es ist ausgesprochen wertvoll, unsere Daten gemeinsam mit Menschen zu diskutieren, die die betriebliche Praxis aus erster Hand kennen.
Wo liegt der größte Hebel des WSI: öffentliche Debatten zu prägen, Politik zu beeinflussen oder Gewerkschaften strategisches Wissen zu liefern?
Entscheidend ist das Zusammenspiel. Unser Ziel ist es, gesellschaftliche Diskurse zu prägen. Um bei dem Beispiel der Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen zu bleiben: Mit den Erkenntnissen aus unserer 2020 eingeführten Erwerbspersonenbefragung stoßen wir nicht nur politische Debatten zur Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit und bezahlter Arbeit an, wir liefern auch anderen Forschenden neue Datengrundlagen. Genauso wichtig ist die Beratung der Gewerkschaften: Gemeinsam erörtern wir, welche politischen und tariflichen Konsequenzen sich aus unseren Befunden ziehen lassen.
Es mangelt inzwischen nicht mehr an Diagnosen zu Ungleichheit, Tarifflucht oder Sorgearbeit. Warum verändert sich politisch so wenig?
Natürlich können wir die gesellschaftliche Stimmung nicht im Alleingang drehen. Gerade bei Themen wie der Gleichstellung erleben wir derzeit einen massiven Backlash, auch die soziale Ungleichheit wächst seit den Nullerjahren kontinuierlich. Progressive Kräfte sind stark in die Defensive geraten und auch Parteien der Mitte lassen sich politische Debatten von extremen Rechten aufdrängen. Dabei wissen wir aus der Forschung, dass es die extreme Rechte eher stärkt als schwächt. Ich muss oft an einen Ausspruchdenken, der Einstein zugeschrieben wird, wenn Parteien immer wieder versuchen, rechte Positionen zu übernehmen, obwohl Studien längst belegen, dass das nicht verfängt: „Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Deshalb investieren wir heute viel mehr in die Wissenschaftskommunikation. Wenn die direkten Kanäle in die Politik verstopft sind, müssen wir die gesellschaftlichen Debatten direkt erreichen.
Innerhalb der Hans-Böckler-Stiftung arbeitet das WSI eng mit dem Hugo Sinzheimer Institut (HSI) und dem Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zusammen. Wie zahlt sich diese Zusammenarbeit aus?
Ein gutes Beispiel ist unsere gemeinsame Forschung zur Fleischindustrie. Als Arbeitgeber erfolglos gegen das 2021 eingeführte Arbeitsschutzkontrollgesetz klagten, bezog sich das Bundesverfassungsgericht ausdrücklich auf unsere Ergebnisse. Das HSI hatte die arbeitsrechtlichen Regeln analysiert, wir die sozialwissenschaftliche Empirie geliefert und gezeigt, wie die Arbeitsbedingungen tatsächlich aussehen. Diese Verzahnung macht unsere Forschung so schlagkräftig.
Gewerkschaften treten als demokratische Kraft überzeugender auf als die Politik.“
Seit einigen Jahren forscht das WSI intensiv zu Demokratie und politischen Stimmungen, etwa zu den Wählerpotenzialen von AfD und BSW. Warum gehört das zum Profil eines arbeitswissenschaftlichen Instituts?
Es ist fast schon zum Gemeinplatz geworden, die AfD als die „neue Arbeiterpartei“ zu bezeichnen. Ganz so simpel ist es nicht. Richtig ist allerdings, dass sich der Erfolg antidemokratischer Parteien auch aus Erfahrungen speist, die Menschen in ihrem Arbeitsalltag machen. Genau dort entstehen antidemokratische Einstellungen – oder aber demokratische Haltungen werden gestärkt. Die Idee der Wirtschaftsdemokratie gehört seit jeher zum Selbstverständnis der Gewerkschaften: Menschen müssen ihre Rechte als demokratische Subjekte wahrnehmen können. Wer im Arbeitsalltag dauerhaft fremdbestimmt ist und kaum Gestaltungsspielräume erfährt, dem fällt das ungleich schwerer.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Gewerkschaften?
Bei den Betriebsratswahlen konnten wir etwas Hochinteressantes beobachten: Selbst in Regionen, in denen die AfD bei politischen Wahlen sehr erfolgreich abschneidet, haben die Beschäftigten überwiegend die Listen der DGB-Gewerkschaften gewählt. Das zeigt, dass Gewerkschaften als demokratische Kraft derzeit überzeugender auftreten als die Politik. Darin liegt eine enorme Stärke, aber auch eine große Verantwortung. Gewerkschaften können Brücken bauen, ohne rechten Positionen hinterherzulaufen.
Das erste WSI Herbstforum 1993 fragte nach der Aktualität von Marx und Keynes. Im November stehen„Klassenfragen: Struktur, Bewusstsein, Mobilisierung“ auf dem Programm. Erleben wir eine Renaissance des Klassenbegriffs?
Ja, ganz offensichtlich. Im Kern geht es um das alte Thema des Arbeiterbewusstseins: Wie mobilisiert man Beschäftigte? Rechte Kräfte tun das derzeit überaus erfolgreich. Die eigentliche Frage lautet heute: Wer sind eigentlich „die Arbeiter“? Die Krankenpflegerin? Die migrantische Reinigungskraft? Der Clickworker? Der akademische Angestellte mit repetitiven Aufgaben? Viele in dieser sehr heterogenen Gruppe würden sich gar nicht als Arbeiter bezeichnen. Entscheidend ist deshalb die Frage, was sie eint. Ich glaube, ein zentrales verbindendes Element ist Erschöpfung, oft gepaart mit dem Gefühl, im Arbeitsalltag immer weniger Kontrolle zu haben. Wie sich das politisch progressiv mobilisieren lässt, gehört zu den spannendsten Fragen unserer Zeit. Um darauf Antworten zu finden, habe ich überhaupt kein Problem damit, auch mal wieder in den guten alten Marx zu schauen.
Welche Fragen werden das WSI im kommenden Jahrzehnt besonders beschäftigen?
Die größte Herausforderung wird sein, die tiefgreifenden Verschiebungen der ökonomischen Rahmenbedingungen zu begreifen. Wenn sich diese fundamental verändern, etwa durch die enorme Marktmacht großer Technologieunternehmen, reden wir über weit mehr als nur Digitalisierung. Es entsteht eine neue politische Ökonomie, ein neues Zusammenspiel von Markt, staatlicher Regulierung und gesellschaftlichen Institutionen. Zu erforschen, was diese Umbrüche für die Regulierung von Arbeitsmärkten und vor allem für arbeitende Menschen und ihre soziale Integration bedeuten, wird eine unserer zentralen Aufgaben sein.
80 Jahre WSI
In Berlin fand im vergangenen Juni der Festakt zum Jubiläum des Instituts statt. Zu Beginn spannte WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch den Bogen zu den Anfängen des Instituts. Für Hans Böckler als sein Initiator sei klar gewesen, dass Interessenvertretung allein nicht ausreiche, um Gesellschaft zu gestalten. Dafür brauche es Wissen. Deswegen knüpften Böckler und der Ko-Gründer Viktor Agartz an die Tradition der Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Wissenschaft an.
Die Anfänge des Instituts waren bescheiden. Als 1948 die erste Ausgabe der WSI-Mitteilungen erschien, zeigte sie vor allem Preise, Löhne und Versorgungsdaten der Besatzungszonen. Doch schon 1954 kam das WSI-Tarifarchiv hinzu. Bis heute ist es die zentrale Dokumentationsstelle für Tarifpolitik in Deutschland. Seit 1997 spürt die regelmäßige Betriebsrätebefragung der Realität in deutschen Betrieben nach. Und seit 2020 begleitet das WSI politische und gesellschaftliche Debatten mit aktuellen Daten zu Arbeits- und Lebensbedingungen aus der Erwerbspersonenbefragung. Geschlechtergerechtigkeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt gehören ebenfalls zu den Schwerpunkten, seit 2025 auch ein eigener Forschungsbereich „Arbeit und Demokratie“.