Gewerkschaft: "Bauen ist das beste Mittel gegen hohe Mieten"
Robert Feiger, Bundesvorsitzender der IG BAU, über gestiegene Kosten, die Wohnungskrise in den Großstädten und was jetzt hilft. Das Gespräch führten Marek Michaelis und Kay Meiners.
Allein in den letzten fünf Jahren sind die Preise für Neubauten um rund 30 Prozent gestiegen. Was macht das Bauen so teuer?
In den Ballungsräumen sind es vor allem die Grundstückspreise, die die Kosten in die Höhe treiben. An zweiter Stelle kommen die Kosten für die Gebäude selbst. Besonders der Ausbau ist teuer geworden – Sanitäranlagen, Heizung und Elektrotechnik. Klimaschutz und Barrierefreiheit erhöhen die Kosten weiter. Dazu kommen Gutachten, Genehmigungen, die Grunderwerbsteuer und so weiter.
Geht es nicht günstiger?
Wir haben oft deutlich über den gesetzlichen Standards gebaut. Das heißt, es wurde zu stark auf das Premiumsegment gesetzt, weniger auf bezahlbaren Wohnraum. Wir brauchen gute Qualität beim Feuerschutz oder beim Schallschutz. Aber nicht jede Wohnung braucht zwei Tiefgaragenstellplätze, alle 40 Zentimeter eine Steckdosenleiste und auch nicht an jeder Stelle eine Drei- oder Vierfachverglasung.
Wie kann man sparen?
Durch einfaches Bauen. Die sogenannte Gebäudeklasse E verzichtet auf alles, was nicht gesetzlich vorgeschrieben ist. So kann man mit guter Bauweise und gutem Klimaschutz die Baukosten um 35 Prozent senken.
Und was kann man bei den Bodenpreisen machen?
Wir müssen dafür sorgen, dass die Städte und Gemeinden ihre eigenen Grundstücke preiswert für den sozialen und geförderten Wohnungsbau zur Verfügung stellen. Bei privaten Grundstücken geht das nicht. Aber es gibt das Instrument der Konzeptvergabe: Eine Baugenehmigung wird nur erteilt, wenn auch Sozialwohnungen mit gebaut werden.
Seit dem Herbst gibt es den sogenannten Bauturbo mit dem Ziel, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Was hat das gebracht?
Vereinfachte Planungsverfahren und Bebauungspläne begrüßen wir. Aber das Problem liegt gerade woanders: bei den Zinsen. Durch die Inflation sind die Zinsen stark gestiegen. Viele Projekte, die auf Basis von niedrigeren Zinsen gerechnet wurden, sind in der Schublade gelandet. Viele schon genehmigte Wohnungsprojekte wurden bislang gar nicht umgesetzt.
Das verschärft die Lage weiter.
Ja. Deswegen muss die öffentliche Hand mehr in den sozialen Wohnungsbau investieren, weil mehr Wohnungen aus der Sozialbindung rausfallen als überhaupt nachkommen. Das Defizit wird immer größer. In Deutschland fehlen rund 1,4 Millionen bezahlbare Wohnungen.
Aus dem Sondervermögen stellt die Bundesregierung für das laufende Jahr 500 Millionen Euro zusätzliche Investitionshilfen für das Bauen bereit. Ist das nicht zu wenig?
Der Bundeskanzler wäre gut beraten, das Investitionsvolumen deutlich auszuweiten. Für die Volkswirtschaft ist bezahlbarer Wohnraum enorm wichtig. Wenn Azubis ihre Ausbildung nicht antreten können, weil sie am Ausbildungsort keine bezahlbare Wohnung finden, ist das auch für die Unternehmen ein Problem. Aber wir haben eben auch anderswo Nachholbedarf: beim Schienennetz, bei Autobahnen, Straßen, Brücken, Schulen, Kitas und anderem.
Gibt es genug Kapazitäten in der Bauwirtschaft?
Obwohl der Wohnungsbau erheblich ins Stocken geraten ist, hat die Bauwirtschaft ihr Personal gehalten. Auch technisch sind die Unternehmen umfassend ausgestattet. Es braucht allerdings klare, verlässliche Zusagen der Politik, dass langfristig gefördert wird. Dann kann die Bauwirtschaft sehr schnell ihre Kapazitäten sogar ausbauen.
Was kann für Mieter getan werden, die unter hohen Mieten leiden?
Bauen ist das beste Mittel gegen hohe Mieten. Daran führt kein Weg vorbei. Wenn es zu wenig bezahlbaren Wohnraum gibt, steigen die Preise.
Viele Investoren verdienen am Wertzuwachs ihres Baulandes. Warten sie deshalb vielleicht mit dem Bauen?
Wohnungsbauunternehmen gehen eher nicht so vor. Es kann aber sein, dass private Eigentümer darauf warten, dass die Preise für ihr Grundstück deutlich steigen. Da ist der Gesetzgeber gefordert. Man könnte es so regeln, dass es nach einer gewissen Zeit eine Baupflicht gibt.
Manche behaupten, wir haben genug Wohnraum, wir müssten ihn einfach besser verteilen.
Ältere Menschen leben oft allein in großen Wohnungen. Man kann aber nicht erwarten, dass sie umziehen, wenn sie keine kleinere Wohnung zu einem guten Preis finden. Wir regen schon seit Jahren an, dass Wohnungsbaugesellschaften den Tausch möglichst lokal organisieren. So könnten ältere Menschen in kleinere Wohnungen umziehen und in ihrem Quartier bleiben.
Robert Feiger ist Vorsitzender der Gewerkschaft IG BAU. Der gelernte
Industriekaufmann trat bereits 1982 in die Gewerkschaft ein. Seit 2013 steht er an der Spitze seiner Gewerkschaft.