Wir bestimmen mit: Bankexperte mit Mission
Kevin Voß sitzt im Aufsichtsrat der Commerzbank. Er hat gelernt hinzuschauen. Als junger Mann weckte ein fragwürdiger Kredit seine Zweifel an der Bankenbranche. Von Martin Kaluza
Für Kevin Voß ist die Arbeit im Aufsichtsrat der Commerzbank zurzeit eine Gratwanderung. Mitte Juli hat die italienische Großbank Unicredit ihre Anteile auf 47,6 Prozent aufgestockt, eine feindliche Übernahme steht im Raum. „Das beste Mittel gegen eine Übernahme ist, wenn die Commerzbank selbst möglichst stark ist. Dazu zählt allerdings auch, dass man mitunter Stellenstreichungen mittragen muss“, sagt Voß, Gewerkschaftssekretär in der Verdi-Bundesverwaltung und seit Januar 2025 Mitglied des Aufsichtsrats der Commerzbank. „Es ist ein fieses Spannungsfeld.“
Welchen Spielraum gibt es in einer solchen Situation, um die Interessen der Belegschaft zu vertreten? „Man kann den Stellenabbau so gestalten, dass er niemanden unfreiwillig erwischt. Indem man etwa auf die Demografie im Unternehmen schaut und versucht, ohne Entlassungen auszukommen, etwa durch Vorruhestandsregelungen.“ Dabei muss die zusätzliche Arbeit für die verbliebenen Beschäftigten beherrschbar bleiben.
Aufgewachsen ist Kevin Voß im sächsischen Plauen in einem gewerkschaftsnahen Haushalt. „Mein Vater war Betriebsrat und Mitglied der Gewerkschaft Textil-Bekleidung, meine Eltern haben beide in der Branche gearbeitet.“
2001 zog er nach München, wurde selbst Gewerkschaftsmitglied und absolvierte bei der Postbank eine Lehre als Bankkaufmann. Doch nach der Ausbildung hielt es ihn nicht lange in dieser Branche. Sein Schlüsselerlebnis: „Ich arbeitete in der Baufinanzierung. Ein junges Paar hatte einen Kredit für ein überteuertes Haus beantragt. Ich wusste: Wenn etwas dazwischenkommt, sind die beiden völlig überschuldet. Ich fand den Kredit unverantwortlich. Da habe ich gemerkt: Das ist nicht meine Welt.“
Also nahm er ein Studium auf, Politikwissenschaften, ganz ohne Berufsziel im Kopf. Er machte ein Praktikum bei der arbeitsmarktpolitischen Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, fand es aber nicht sehr befriedigend, an Anträgen mitzuarbeiten, die zu 99 Prozent abgelehnt wurden. Seine Diplomarbeit schrieb er über Beteiligungsorientierung in neuen Arbeitsformen.
Noch während des Studiums kam Kevin Voß zu Verdi, zunächst mit einem 400-Euro-Job in der Geschäftsstelle in München. Die Aufgaben waren spannend und hatten mit Menschen zu tun: Tarifsekretariat, Auswertung von Urabstimmungen, Unterstützung von Streiks. Eigentlich das, was man auch als Gewerkschaftssekretär so macht. Als 2010 genau so eine Stelle frei wurde, erhielt er sie. Sein Credo: „Mein Bild von Gewerkschaft ist immer, Menschen eine Stufe weiterzubringen und für Verbesserungen zu befähigen.“
Sein erstes Aufsichtsratsmandat trat er 2018 bei einem IT-Unternehmen an. Es folgten weitere Mandate bei zwei Banken. Mittlerweile konzentriert er sich auf die Commerzbank.
Im Fall einer Übernahme der Bank stehen 7 000 Stellen auf dem Spiel. Zudem wird befürchtet, dass Unicredit, um den Profit der Aktionäre zu maximieren, Mitbestimmungsstrukturen zerschlagen will. „Wir werden die Interessen unserer Stakeholder, der Beschäftigten, vertreten – also Kündigungsschutz, Standortsicherung und Mitbestimmung“, sagt Voß. „Wenn es nötig ist, auch über die Bundesregierung, denn die ist der zweitgrößte Aktionär.“