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Brasilien: Außer Kontrolle

Ausgabe 04/2020

Der größte Staat Südamerikas ist nach den USA das am stärksten von der Pandemie betroffene Land. Die Beschäftigten deutscher Firmen verzweifeln an der Regierung und schützen ihr Leben selbst. Von Andreas Wenderoth

Jair Bolsonaro, der brasilianische Präsident, der Corona lange als „kleine Grippe“ verharmloste und Abstandsregeln bei seinen Auftritten bewusst missachtete, hat sich neben vier anderen Ministern seiner rechten Regierung längst selbst infiziert. Seit er die Infektion überlebt hat, behauptet er, eine Ansteckung mit dem Virus könne so gut wie nicht verhindert werden: „Wer in der Gesellschaft lebt, wird das Virus früher oder später bekommen. In dieser Hinsicht kann man den Tod nicht vermeiden.“ Eine Bemerkung, die in weiten Bevölkerungsteilen als wenig hilfreich empfunden wurde.

Das katastrophale Krisenmanagement des glühenden Trump-Verehrers hat das Land, das sich mit Ach und Krach aus der Rezession herausgearbeitet hatte, nun noch tiefer in ihr versinken lassen. Aus wirtschaftlichen Gründen wollte Bolsonaro lange keine Eindämmungsmaßnahmen ergreifen und delegierte die Verantwortung an die Gouverneure der Bundesstaaten. Die Folge: ein Flickenteppich an unkoordinierten Maßnahmen. Und fünf Millionen weggebrochene Arbeitsplätze allein im ersten Quartal. Besonders fatal: Da es fast keine Ausgangssperren gab, gab es schnell zwei Millionen Infizierte, die das marode Gesundheitssystem nicht auffangen kann.

Fast 300 Corona-Fälle bei Mercedes

Existenziell betroffen sind auch viele deutsche Unternehmen, die rund zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. Das Mercedes-Hauptwerk mit rund 8500 Angestellten liegt im Industriegürtel der Stadt Sao Paulo, genannt ABC, die Beschäftigten sind in der Metallergewerkschaft SMABC organisiert. Ihr Generaldirektor Moises Selerges zieht Bilanz: „In unserer Fabrik wurden mehr als 1400 Mitarbeiter getestet. Bis jetzt gab es bei uns 282 bestätigte Fälle, 153 davon sind inzwischen zum Glück wieder bei der Arbeit.“ Für die Regierung hat er nur Verachtung übrig: „Wir leben in einem Moment des Hungers, der Pest und des Krieges, müssen gleichzeitig eine wirtschaftliche, politische und eine institutionelle Krise ertragen: die ständige Bedrohung unserer Demokratie. Die Bundesregierung betreibt keine Gesundheitspolitik, und sie tut nichts, um Arbeitsplätze zu schaffen.“

Umso mehr Verantwortung liegt auf den Schultern der Gewerkschaft: „Unser Hauptziel ist es, die Gesundheit und das Leben der Arbeitnehmer zu schützen. Da der Bundesstaat Sao Paulo keine entsprechenden Anweisungen verfügte, wurde das Werk erst auf Druck der Gewerkschaft für 40 Tage vollständig geschlossen. Unser Motto war: Entweder Sie schließen – oder wir schließen Sie!“ Die administrativen Arbeiten wurden ins Homeoffice verfrachtet, Gehaltskürzungen konnten abgewendet werden, dafür gab es kollektiven Urlaub und ein Arbeitszeitkonto.

Die zweite Phase war das Ergebnis intensiver Verhandlungen Mitte Mai: Die Hälfte der Beschäftigten, aufgeteilt in zwei Schichten, konnte zurück ins Werk. Kein Arbeitnehmer erhält weniger als 90 Prozent seines Nettogehalts. Außerdem festgelegt: die tägliche Temperaturmessung am Werkstor, Abstandsregeln sowie ausreichend Masken und Desinfektionsmittel. Ob sich die allgemeine Lage im Land bis Dezember entspannen wird, ist fraglich. Nur bis dahin hat die Gewerkschaft dem Management eine Arbeitsplatzgarantie abtrotzen können. Brasilien braucht ein Wunder. Und einen neuen Präsidenten.

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