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Interview: "Antidemokratische Rebellion"

Ausgabe 03/2020

Politologe Samuel Salzborn über Corona-Proteste, Verschwörungsglauben und Antisemitismus. Das Gespräch führte Joachim Tornau

Es scheint paradox: Je stärker die Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung wieder gelockert werden, desto mehr Menschen demonstrieren gegen die Einschränkungen. Was ist da los?

Die allerwenigsten von ihnen demonstrieren, weil sie wirklich wegen der Corona-Politik in Sorge sind. Vielmehr kanalisiert sich hier etwas, was in hermetisch abgeschlossenen Verschwörungszirkeln, vor allem in den sozialen Medien, schon viel länger vorhanden ist. Eine kleine Gruppe von Menschen, die aus unterschiedlichen politischen Milieus kommen, aber durch ein Verschwörungsweltbild verbunden sind, nimmt Corona zum Vorwand und bringt ihre antidemokratischen Ressentiments auf die Straße. 

Wie funktionieren Mythen, nach denen eine Impfdiktatur aufgebaut werden soll oder Microsoft-Gründer Bill Gates Teile der Menschheit ausrotten will?

Es geht immer um ein komplexes Phänomen wie das Virus. Weil man das nicht versteht, wird nach einer konkreten Projektionsfläche gesucht, nach Schuldigen. Die Wahrnehmung wird vollständig dem Weltbild angepasst; Verschwörungsgläubige genießen das Gefühl, scheinbar die Einzigen zu sein, die wissen, was passiert. Das zeigt unfreiwillig auch die Selbstetikettierung der Corona-Proteste als „Hygienedemonstrationen“: Die Protestierenden wollen eine Form von psychischer Hygiene für sich herstellen.

Welche Rolle spielt Antisemitismus dabei? 

Verschwörungsmythen sind schon in ihrer Struktur antisemitisch: Der Unwille, das Abstrakte zu verstehen und das Bedürfnis, es projizieren zu wollen, folgt exakt dem Muster des Antisemitismus. Bei den „Hygienedemonstrationen“ erleben wir aber auch ganz manifesten Antisemitismus. Wenn sich die Protestierenden Judensterne anheften oder die Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung mit dem Nationalsozialismus gleichsetzen, dann wollen sie sich in eine maximal große Katastrophe hineinfantasieren. Sie relativieren damit zugleich die Shoah und verharmlosen den Nationalsozialismus. Für mich artikuliert sich darin ein tiefes Bedürfnis der Schuldabwehr und der Täter-Opfer-Umkehr. Das ist nicht nur eine Provokation.

Sicherheitsbehörden warnen, dass die Proteste von Rechtsextremen gekapert werden könnten.

Es mag sein, dass bestimmte Organisationen versuchen, stärker Einfluss zu nehmen. Aber was das Weltbild angeht, muss da gar nichts groß gekapert werden: Wer diese aggressiven Verschwörungsfantasien vertritt, steckt bereits tief im Sumpf rechtsextremen Denkens. Sicher wird es auch Einzelne geben, die mit einem demokratischen Anliegen zu den Demonstrationen gegangen sind. Aber sie werden nicht mehr wiederkommen, wenn sie erlebt haben, was der Kern des Ganzen ist. Der Kern ist Gegenaufklärung, ist antidemokratische Rebellion.

Zur Person

Samuel Salzborn, 43, ist außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Gießen und Vertrauensdozent der Hans-Böckler-Stiftung. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Rechtsextremismus zählt zu seinen Forschungsschwerpunkten. Zuletzt erschien Anfang 2020 sein Buch „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“.

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