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Es ist messbar, wie sich Betriebsräte und Aufsichtsräte auf Unternehmen auswirken Magazin Mitbestimmung

Wissenschaft: 4:1 für die Mitbestimmung

Ausgabe 03/2026

Es ist messbar, wie sich Betriebsräte und Aufsichtsräte auf Unternehmen auswirken. Die Forschung zeigt: Wo sie sind, schneiden Firmen in vielen Vergleichen besser ab. Von Joachim F. Tornau

Wenn es im Unternehmen kriselt, trumpft die Mitbestimmung groß auf. Das weiß kaum jemand besser als Marc Steffen Rapp. Denn der Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Marburg hat die Strategien von Unternehmen während der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 erforscht. „In solchen Situationen kann die Mitbestimmung ihre Stärke ausspielen“, sagt der Ökonom. Ein von der Hans-Böckler-Stiftung gefördertes Forschungsprojekt, das Rapp zusammen mit seinem Göttinger Kollegen Michael Wolff betrieb, konnte belegen: Mitbestimmte Unternehmen kamen nicht nur besser durch die Krise, sie erholten sich danach auch schneller.

Ein ähnliches Bild zeichnet sich in einem laufenden Forschungsprojekt zur Digitalisierung ab. Rapp sagt: „Auch hier scheinen Unternehmen mit Mitbestimmung im Aufsichtsrat auf weniger Probleme zu stoßen und grundsätzlich schneller und agiler zu agieren.“ Der Wissenschaftler erklärt das mit der Funktionsweise der Unternehmensmitbestimmung als dreistufigen „Informations- und Verhandlungsmechanismus“: Die Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter liefern dem Aufsichtsrat zusätzliche Informationen über das Unternehmen. Sie reden mit, wenn das Gremium mit dem Vorstand die beste Lösung diskutiert. Und sie tragen schließlich dazu bei, dass die Belegschaft die getroffenen Entscheidungen mitträgt. Weniger Konfronta­tion, mehr Kooperation also.

Rapps überwiegend positive Ergebnisse stehen exemplarisch für den Forschungsstand zur Mitbestimmung. Um zu schauen, wie verbreitet und belastbar Forschungsresultate zur Mitbestimmung sind, hat das Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung die gesamte Literatur zur ökonomischen Performance in einem Forschungsüberblick zusammengetragen.

Die Experten Robert Scholz und Navid Armeli machten 384 Publikationen ausfindig, die sich vornehmlich aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive mit der Unternehmensmitbestimmung beschäftigt haben, und klassifizierten sie nach Themenfeldern und Erscheinungsjahr. „Eine solche Gesamtschau gab es bislang nicht“, sagt Ökonom Scholz. 

4 Prozentpunkte mehr Steuern auf den Gewinn

4 Prozentpunkte mehr Steuern auf den Gewinn zahlen Unternehmen mit starker Mitbestimmung durchschnittlich.

Der Einfluss der Mitbestimmung auf die Ausnutzung von Bilanzierungs- und Steuergestaltungsspielräumen. Marc Eulerich/Benjamin Fligge, Juli 2020

Statistik statt Bauchgefühl

Das Material zeigt einen klaren Paradigmenwechsel in der Wissenschaft. Der Anteil von Arbeiten, die ohne eigene empirische Forschung das Für und Wider des deutschen Mitbestimmungsmodells diskutieren, ging zuletzt deutlich zurück. „Diese Grundsatzdebatte ist abgeflaut“, sagt Scholz. In der Wissenschaft gewännen Arbeiten an Bedeutung, die versuchen, mithilfe von Datensätzen und statistischen Verfahren die wirtschaftlichen Effekte der Unternehmensmitbestimmung zu berechnen. Man könne das als Indiz dafür werten, dass die Mitbestimmung anerkannt sei, sagt Scholz.

Scholz und Armeli stießen am Ende auf 63 Studien, die die Wirkung der Mitbestimmung auf ökonomische Variablen messen. „Bei der großen Mehrheit der Studien werden positive oder neutrale Effekte festgestellt“, sagt Scholz. Besonders positiv wirkt sich die Mitbestimmung demnach aus, wo es um die Zukunft von Unternehmen geht: bei Innovationen oder Investitionen. Aber auch bei Produktivität, Rentabilität oder Profitabilität sieht die Forschung überwiegend positive Effekte.

Nur knapp ein Fünftel der Studien kommt zu dem Ergebnis, dass die Unternehmensmitbestimmung negative Wirkungen hat. „Da geht es vor allem um die Kapitalmarktbewertung“, sagt Scholz. Doch diese Sicht sei einseitig. „Hoch mitbestimmte Firmen wachsen meist langsamer“, sagt der I.M.U.-Experte, der dazu jüngst selbst eine Untersuchung vorgelegt hat. „Damit sind sie vielleicht nicht die Börsenstars, aber dafür gewährleisten sie regelmäßigere und weniger schwankende Dividendenzahlungen.“

Aktionären, die auf schnelles Geld aus sind, ist das weniger wichtig. Denn wenn Mitbestimmung dafür sorgt, dass die Zahl der Beschäftigten trotz Umsatzschwankungen konstant gehalten wird, geht das zulasten des kurzfristigen Gewinns.

18,9 Prozentpunkte mehr als bei nicht mitbestimmten Unternehmen

18,9 Prozentpunkte mehr als bei nicht mitbestimmten Unternehmen beträgt der Nachhaltigkeitsscore von Unternehmen mit starker Mitbestimmung im Aufsichtsrat durchschnittlich.

Unternehmensmitbestimmung und die sozialökologische Transformation. Robert Scholz, Dezember 2023

Langfristige Orientierung statt kurzfristige Ziele – dieses Prinzip spiegelt sich auch bei der Vorstandsvergütung wider, denn der Aufsichtsrat entscheidet darüber. Jochen Bigus, Professor für interne Unternehmensrechnung und Controlling an der FU Berlin, hat die Vergütungen von Vorständen zusammen mit Aline Grahn und Max Kieslich in einer aktuellen Studie untersucht. Für den Wirtschaftswissenschaftler war es das erste Forschungsprojekt zur Unternehmensmitbestimmung. „Was uns überrascht hat: Unternehmen, die eine starke Arbeitnehmervertretung im Aufsichtsrat haben, sind stärker auf eine erfolgsbasierte Vergütung ausgerichtet“, sagt Bigus. Ein weiteres Ergebnis: Starke Arbeitnehmervertretungen setzen durch, dass Boni häufiger an den langfristigen Unternehmenserfolg gekoppelt sind.

Doch wie misst man eigentlich den Grad der Mitbestimmung? Bigus und sein Team nutzten dafür drei Kriterien: Sie prüften, ob der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende von der Arbeitnehmerseite kommt. Und sie ermittelten den Anteil der Arbeitnehmerbank an den Aufsichtsratssitzen und ihren Anteil im Ausschuss für Vorstandsvergütung.

Ein besonders differenziertes Instrument für diese Forschungsfrage ist der Mitbestimmungsindex (MB-ix), der seit 2015 am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) stetig weiterentwickelt wird – in Kooperation mit der Hans-Böckler-Stiftung. Der MB-ix berücksichtigt sechs Einflussgrößen mit jeweils mehreren ­Unterkriterien. Untersucht werden etwa die Besetzungen im Aufsichtsrat mitsamt seinen Ausschüssen, aber auch die Frage, ob es im Unter­nehmen einen europäischen oder SE-Betriebsrat gibt. Entscheidend ist zudem, ob der Vorstand ein eigenständiges Personalressort hat. Viele Studien, die MB-ix-Daten nutzen, zeigen: Mitbestimmung im Aufsichtsrat fördert Demokratie, Nachhaltigkeit und den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen. Sebastian Campagna, Referatsleiter Wirtschaft am I.M.U., hat das Projekt in der Stiftung vorangetrieben. „Ausgangspunkt war die Idee, Mitbestimmung in Verbindung mit wirtschaftlichen Erfolgsfaktoren zu untersuchen“, sagt Campagna.

7,7 Prozent Gewinnmarge erwirtschaften Unternehmen mit starker Mitbestimmung

7,7 Prozent Gewinnmarge erwirtschaften Unternehmen mit starker Mitbestimmung; bei schwach mitbestimmten sind es nur 7,01 Prozent

Entwicklung der Wettbewerbsstrategien in deutschen börsennotierten Unternehmen. Sebastian Campagna/Marc Eulerich/Benjamin Fligge/Robert Scholz/Sigurt Vitols, April 2020

Ein klares Stakeholder-Modell

Marc Eulerich, Professor für interne Revision an der Universität Duisburg-Essen, war an mehreren Forschungsprojekten beteiligt, die den MB-ix verwendeten. Diese Projekte zeigen, dass mitbestimmte Unternehmen bei Fusionen und Übernahmen weniger ins Risiko gehen und seltener Bilanzierungstricks sowie aggressive Steuervermeidungsstrategien nutzen.

      Auch Eulerich ist überzeugt: „Es ist sinnvoll, bei der Überwachung des Vorstands eine Inte­ressenspluralität zu haben.“ Diese funktioniere aber nur, wenn Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter im Aufsichtsrat in der Lage seien, auf Augenhöhe mit dem Vorstand zu sprechen. Vorsichtig ist Eulerich hingegen bei der Bewertung des wirtschaftlichen Erfolgs mitbestimmter Unternehmen. „Es gibt da keine Kausalbeziehung, allenfalls eine Korrelation. Ausgerechnet die an der Börse erfolgreichsten Unternehmen der Welt sind nicht mitbestimmt.“

Allerdings zählen zu den Börsenstars viele US-amerikanische Unternehmen, die das deutsche Mitbestimmungsmodell gar nicht kennen. „Daher sagen die Zahlen nichts darüber aus, wie erfolgreich sie mit einer Unternehmensmitbestimmung wären“, gibt Sebastian Campagna vom I.M.U. zu bedenken. Das ausländische Interesse für das hiesige Modell ist jedenfalls groß – auch das zeigt die Studie von Scholz und Armeli: 40 Prozent der Publikationen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Unternehmensmit­bestimmung stammen nicht aus Deutschland. Rund zwei Drittel der Untersuchungen wurden auf Englisch veröffentlicht, viele erschienen in internationalen Fachzeitschriften. Vor allem US-amerikanische Forscher interessieren sich für die Mitbestimmung. Das deutsche Modell stößt überall dort auf Interesse, wo man nicht mehr nur die Interessen der Anteilseigner, sondern auch Interessen anderer Anspruchsberechtigter, der Stakeholder, in den Fokus nimmt.

„Wie wichtig Stakeholder-Orientierung ist, wird mittlerweile international verstanden“, sagt die Mainzer Managementprofessorin Jana Oehmichen. „Es geht darum, alle Leistungsgruppen an Bord zu haben im Unternehmen. Aber das heißt nicht, alles flauschig zu machen, sondern das ist ein knallhartes strategisches Instrument.“ Um strategisch beraten zu können, brauche ein Aufsichtsrat Informationen aus dem Inneren des Unternehmens. „In den USA funktioniert das nicht, wenn ein CEO nur seine Freunde ins Board beruft.“

Auch ein Corporate Purpose Statement, das den Unternehmenszweck formuliert und einen Werterahmen vorgibt, gehöre in diesem Sinne zu einem überzeugenden Strategieentwicklungsprozess, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin. „Gerade in Krisen- und Transformationssituationen hilft es, dass die Beschäftigten mitziehen, weil sie wissen, wofür sie morgens aufstehen.“

Gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung, will Oehmichen jetzt erstmals systematisch auswerten, inwieweit sich deutsche Unternehmen solche Corporate Purpose Statements gegeben haben, wie sie verankert sind und gelebt werden – und welche Rolle die Unternehmensmitbestimmung dabei spielt. Mit Ergebnissen ist in zwei Jahren zu rechnen. Doch ganz gleich, was bei dem Projekt herauskommt, an einer Grundüberzeugung Oehmichens dürfte sich wohl nichts ändern: „Für mich ist die Mitbestimmung etwas, das mich stolz macht auf den deutschen Wirtschaftsraum.“

3,6 Prozent des Gesamtvermögens wenden stark mitbestimmte Unternehmen jährlich für langfristige Investitionen auf

3,6 Prozent des Gesamtvermögens wenden stark mitbestimmte Unternehmen jährlich für langfristige Investitionen auf; nicht mitbestimmte geben nur 2,6 Prozent aus.

Unternehmensmitbestimmung und langfristige Investitionen in deutschen Unternehmen. Sigurt Vitols/Robert Scholz, 2021

Weitere Informationen

Robert Scholz/Navid Armeli: Ökonomische Effekte der Unternehmensmitbestimmung. Eine Literaturstudie. Mitbestimmungsreport Nr. 88, März 2026

Robert Scholz: Aktionärsinteressen und Beschäftigteninteressen. Dividendenpolitik, Mitbestimmung und stabile Beschäftigung. Mitbestimmungsreport Nr. 86, Januar 2026

Jochen Bigus/Aline Grahn/Max Kieslich: Codetermination and CEO compensation: Evidence from Germany. European Accounting Review, Januar 2026

Informationen zum Mitbestimmungsindex (MB-ix), Forschungsergebnisse sowie ein Onlinerechner, mit dem der MB-ix für ein Unternehmen selbst kalkuliert werden kann, finden sich unter Mitbestimmungsportal

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