Wir bestimmen mit: 24/7 für die Belegschaft
Hasan Allak sitzt im Aufsichtsrat bei Continental. Wenn es sein muss, erledigt er seinen Job auch im Fußballstadion bei Hannover 96. Von Andreas Schulte
Auf der Straße, beim Einkaufen und selbst im Urlaub: Hasan Allak kennt das gut, von Conti-Beschäftigten zu Unzeiten und an ungewöhnlichen Orten angesprochen zu werden. Dann steht der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende des Hannoveraner Konzerns Continental bereitwillig Rede und Antwort. Das geht nicht anders. „Als Funktionär musst du jederzeit bereit und mit Leidenschaft bei der Sache sein“, sagt Allak, in Personalunion, Konzernbetriebsratsvorsitzender und im Hauptvorstand der IGBCE. Erst kürzlich sprach ihn ein Kollege in der Freizeit ausgerechnet zum Thema Arbeitszeiten an. Da fieberte Allak auf der Tribüne bei Hannover 96 beim Fußballspiel mit.
Allak hat sich seiner Sache verschrieben. Als er sich 2002 in den Betriebsrat wählen ließ, trieb ihn die fehlende Chancengleichheit und Transparenz im Personalwesen an. Im Unternehmen und in der Gesellschaft gab es auf Managementebene nur wenige Menschen mit Migrationshintergrund. „Die Entscheider waren immer die Gleichen. Das war für mich ein Grund, mich zu engagieren. Ich bin stolz darauf, dass wir heute bei der Diversität insgesamt besser dastehen und ich immer an diesem Thema drangeblieben bin.“
Die Wahl zum Betriebsrat hat dem gelernten Schlosser die Richtung für seine persönliche Laufbahn vorgegeben. „Zuvor habe ich mich noch gefragt, ob die Anstellung in der Instandsetzung alles im Berufsleben sein soll. Aber mit der Amtsübernahme wurde mir klar, dass dies mein Weg sein würde.“
Die Mitbestimmung hat ihm eine steile Karriere ermöglicht. Seit 2010 ist er Mitglied des Aufsichtsrats, seit 2018 Konzernbetriebsratsvorsitzender und seit dem vergangenen Jahr stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. In diese Zeit fällt der Verkauf der Kunststofftechniksparte Contitech. „Diesen Entschluss konnten wir auf der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat nicht nachvollziehen. Das war aus unserer Sicht wirtschaftlich nicht notwendig, und uns fehlte auch die industrielle Logik für diesen Schritt“, sagt Allak. Den Verkauf der Konzerntochter konnte er nicht verhindern. „Im Extremfall hätte die Arbeitgeberseite ihre Mehrheit mit der gesetzlichen Doppelstimme des Aufsichtsratsvorsitzenden durchgesetzt. Wir haben als Kompromiss Jobgarantien bis zum Jahr 2030 und Investitionszusagen ausgehandelt“, sagt er ohne Aufregung und mit viel Freundlichkeit.
Gute Miene zu ernstem Spiel? Ist das ein Leitmotiv? Er könne auch emotional werden, sagt Allak. Auch dazu gab der Contitech-Verkauf Anlass, denn ein Großteil des Erlöses soll an Aktionäre fließen. „Das bringt mich auf die Palme“, sagt Allak, „wenn Kapital aus Unternehmen herausfließt. Wir brauchen es hier für Investitionen und Qualifikationen.“
Aufsichtsrat, Konzernbetriebsrat, gewerkschaftlicher Hauptvorstand – auf 50 Wochenstunden taxiert Allak seine Arbeitszeit. Dennoch findet er Zeit, um auch andernorts für Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu sorgen: Er ist ehrenamtlicher Richter am Landesarbeitsgericht. Oft geht es dort um Kündigungen.
Fällt es ihm schwer, die Arbeitnehmerbrille abzusetzen, um ein möglichst objektives Urteil zu fällen? „Es zerreißt mich“, sagt er, hat aber eine Methode entwickelt, die seinen Gewissenskonflikt weitgehend auflöst. „In meine Argumentation fließt die Sichtweise der Arbeitnehmerseite ein, bei der Urteilsfindung bin ich möglichst objektiv.“ Am Gericht kommt das gut an. „Richter haben mir bereits vermittelt, dass ich so Perspektiven eingebracht habe, die sonst nicht berücksichtigt worden wären.“