Holst, Hajo / Singe, Ingo : Industrieangestellte und die Zukunft hybriden Arbeitens. Die Pandemie als Katalysator neuer Arbeitsansprüche
DOI: 10.5771/0342-300X-2026-4-296
Seiten 296-304
Zusammenfassung
Der Beitrag beschäftigt sich mit einer bislang kaum thematisierten Langzeitfolge der Covid-19-Pandemie. Anhand von qualitativen Interviews mit technischen und administrativen Angestellten aus vier traditionsreichen Industriebetrieben wird gezeigt, dass die aus der Not der pandemischen Ausnahmesituation geborene Ausweitung des Arbeitens von zu Hause ein Katalysator für neue normative Beschäftigtenansprüche an hybrides Arbeiten war. Vor der Pandemie ein nur in Ausnahmefällen gewährtes individuelles Privileg, wird das (teil-)autonome hybride Arbeiten heute insbesondere von qualifizierten Industrieangestellten vermehrt als Anspruch formuliert. Referenzpunkt der neuen Ansprüche ist die aus der Angestelltenforschung bekannte Beitragsorientierung. Vielen hat das nicht zuletzt aufgrund der eigenen Bewältigungsleistungen erfolgreiche pandemiebedingte Homeoffice vor Augen geführt, dass sie zumindest einen Teil ihrer Beiträge zum Erfolg des Unternehmens auch von zu Hause erbringen können. Die Beitragsorientierung stützt jedoch nicht nur die Rechtfertigung des individuellen Anspruchs auf ein auch an den eigenen Flexibilitätsinteressen ausgerichtetes hybrides Arbeiten, sie rahmt auch die Evaluation von Managemententscheidungen. Erleben Angestellte die Rücknahme mobilen Arbeitens als illegitime Verletzung ihrer post-pandemischen Arbeitsansprüche, drohen Motivationsverlust, Entfremdung und im Extremfall sogar Abwanderung.
Schlagworte: Arbeitserleben, Hochqualifizierte, Industrie, mobile Arbeit, Angestellte
Abstract
This article deals with a long-term consequence of the COVID-19 pandemic which has hardly been discussed so far. Based on qualitative interviews with technical and administrative employees from four traditional industrial firms, it shows that the expansion of working from home, born out of necessity during the pandemic, was a catalyst for new normative employee expectations regarding hybrid work arrangements. Before the pandemic, working from home was an individual privilege granted only in exceptional cases. Today, qualified industrial employees in particular are increasingly expressing a normative demand for (partially) autonomous hybrid working. The reference point for these new demands is the contribution orientation (“Beitragsorientierung”) known from the sociology of work. For many, the rapid shift to remote work in the early days of the pandemic showed that at least part of their contribution to the company’s success can be provided from home. However, the contribution orientation does not only support the justification of the individual’s claim to hybrid working. It also directs the evaluation of management decisions. If employees perceive management’s back-to-office policy as an illegitimate violation of their post-pandemic work entitlements, there is a risk of loss of motivation, alienation, and, in extreme cases, quitting.