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Fotomontage, Ein altes Ortschild mit der Aufschrift 'Kaufzurückhaltung' Pressemitteilungen

Neue Studie des IMK: Debatte über Sozialreformen: 81 Prozent der Erwachsenen sorgen sich um ihre Absicherung, 42 Prozent schränken Konsum ein

28.08.2026

Die Debatte über Sozialreformen, die von Seiten vieler Politiker*innen oder Wirtschaftsvertreter*innen vor allem als Debatte über Einschnitte bei gesetzlicher Kranken- und Pflegeversicherung, bei der Rente oder der Bezahlung im Krankheitsfall geführt wird, hat die große Mehrheit der Menschen in Deutschland verunsichert. Rund 81 Prozent machen sich deshalb einige oder sogar große Sorgen um ihre finanzielle Absicherung – längst mit konkreten Folgen: Als Konsequenz dieser Debatte schränken rund 42 Prozent ihre Konsumausgaben ein, was der Konjunktur in Deutschland wichtige Impulse entzieht. Zudem belastet die Debatte das Vertrauen der Menschen in die Regierung, insbesondere bei jenen mit großen Sorgen um ihre finanzielle Absicherung. Das ergibt eine neue Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung auf Basis einer repräsentativen Befragung.

Die Umfrage zeigt auch, dass eine große Mehrheit der Bevölkerung die diskutierten Maßnahmen ablehnt: 76 Prozent der Befragten lehnen sie ab, 55 Prozent äußern sich sogar stark ablehnend. Mehrheitliche Ablehnung zeigt sich über alle Parteipräferenzen hinweg – auch unter Anhänger*innen von Parteien, die entsprechende Reformen fordern. Differenziert nach Altersgruppen, Einkommen oder beruflicher Tätigkeit unterscheidet sich der Anteil der Ablehnenden unter den Befragten zwar etwas, sie sind aber überall deutlich in der Mehrheit mit Anteilen zwischen gut 60 und mehr als 80 Prozent. „Dies deutet darauf hin, dass die Bevölkerung dem bestehenden Niveau der sozialen Absicherung einen hohen Stellenwert beimisst“, schreiben die Studienautoren Dr. Jan Behringer, Prof. Dr. Sebastian Dullien und Dr. Lukas Endres. Fazit der Ökonomen: „Insgesamt zeigen die Umfrageergebnisse, dass die aktuelle Debatte um Reformen des Sozialstaats an sich zu einem Wachstumsrisiko für die deutsche Wirtschaft und zugleich zu einem politischen Risiko für die Bundesregierung geworden ist.“ 

Für die Untersuchung wurden im Juni und Juli 2026 rund 4000 Personen zwischen 18 und 75 Jahren online befragt. Um Repräsentativität herzustellen, wurde die Stichprobe nach Alter, Geschlecht, Region und Haushaltseinkommen quotiert. Den Befragten wurden vier prominent diskutierte Reformmaßnahmen zur Bewertung vorgelegt: 1. Erhöhung des Renteneintrittsalters, 2. Leistungskürzungen bei der gesetzlichen Krankenversicherung, 3. Leistungskürzungen bei der Pflegeversicherung, 4. Streichung der Entgeltfortzahlung am ersten Krankheitstag.

Wie werden die Reformvorschläge bewertet?

Starke Ablehnung über politische Präferenzen hinweg: Unter allen Befragten lehnen 76 Prozent die genannten Reformen insgesamt „stark“ oder „eher“ ab. Dem stehen 16 Prozent gegenüber, die „stark“ oder „eher“ zustimmen, die restlichen acht Prozent äußerten sich unentschieden (siehe auch Abbildung 1 in der Studie; Link unten). Besonders ausgeprägt ist die Ablehnung von Leistungskürzungen bei der gesetzlichen Kranken- und der Pflegeversicherung mit rund 83 bzw. 85 Prozent aller Befragten. Eine Streichung der Entgeltfortzahlung am ersten Krankheitstag wird von rund 76 Prozent abgelehnt, eine Erhöhung des Renteneintrittsalters von rund 73 Prozent.  

Die diskutierten Einschnitte bei der sozialen Sicherung werden von Anhänger*innen aller Parteien überwiegend abgelehnt, allerdings mit unterschiedlichen Mehrheiten. Sie reichen von rund 51 bzw. 62 Prozent bei Anhänger*innen der Union bzw. der FDP bis zu rund 89, 88 bzw. 84 Prozent unter Befragten, die Der Linken, dem BSW oder der AfD zuneigen. Unter den Befragten mit einer Präferenz für Bündnis 90/Die Grünen oder die SPD liegt die Ablehnung bei rund 76 bzw. 75 Prozent, unter Nichtwähler*innen bei 80 Prozent (Abb. 2 in der Studie). Der Anteil der Befürworter*innen liegt lediglich bei den Befragten über einem Viertel, die Union (36 Prozent Befürworter*innen) oder FDP (29 Prozent) zuneigen.

Auch Junge, Selbständige und Menschen mit höheren Einkommen kritisch: Die Ablehnung dominiert in allen Einkommensgruppen. Sie reicht von rund 82 Prozent unter Menschen mit einem Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 2000 Euro monatlich bis rund 71 Prozent bei Befragten mit mehr als 4500 Euro monatlich. Schaut man auf den Berufsstand, liegen Arbeiter*innen und Angestellte mit rund 80 bzw. 78 Prozent Ablehnung vorn. Auch unter Beamt*innen oder Selbständigen, die von vielen diskutierten Einschnitten weniger betroffen wären, äußern sich rund 65 Prozent bzw. 61 Prozent ablehnend. Differenziert nach dem Alter äußern sich Menschen zwischen 50 und 64 Jahren besonders kritisch (rund 80 Prozent Ablehnung), dicht gefolgt von 30- bis 49-Jährigen (79 Prozent). Auch in der jüngsten Altersgruppe unter 30 ist die Ablehnung mit knapp 71 Prozent dominant – und noch größer als unter den Befragten über 65 (rund 70 Prozent; Abbildung 3).

Wer sorgt sich um seine finanzielle Absicherung?

Über 90 Prozent der Jungen äußern Sorgen: Rund 34 Prozent der Befragten geben an, die Debatte über Sozialreformen bereite ihnen „große Sorgen“ um ihre finanzielle Absicherung. Weitere rund 47 Prozent äußern „einige Sorgen“. Demgegenüber sagen lediglich 19 Prozent, sie machten sich keine Sorgen.

Erneut zeigen sich überwiegend ähnliche Muster wie bei der Ablehnung der diskutierten Maßnahmen: In allen Einkommens-, Berufs- und Altersgruppen äußert eine deutliche Mehrheit der Befragten Sorgen (Abbildung 5). Dabei machen sich Befragte mit niedrigeren Einkommen noch häufiger Sorgen als Befragte mit höheren Einkommen: Die Bandbreite reicht in den vier Einkommensklassen von rund 90 Prozent bis rund 72 Prozent, deutlicher sind die Unterscheide bei den „großen“ Sorgen. Unter Arbeiter*innen (rund 89 Prozent) und Angestellten (rund 84 Prozent) sind Sorgen verbreiteter als unter Beamt*innen (rund 70 Prozent) und Selbständigen (69 Prozent). Differenziert man nach Alter, äußern die unter 30-Jährigen am häufigsten Sorgen (92 Prozent) – also die Altersgruppe, auf deren Interessen sich Befürworter*innen von Kürzungen bei sozialen Leistungen häufig berufen.  

Mit welchen Folgen?

Konsumzurückhaltung ist schon Realität: Die weit verbreiteten Sorgen haben nach Aussage vieler Befragter schon ganz konkrete Auswirkungen: Ein erheblicher Teil hält sich aufgrund der Reformdebatte derzeit bei den eigenen Konsumausgaben zurück. Insgesamt geben rund 42 Prozent der Befragten an, ihre Ausgaben deshalb einzuschränken. Von den Befragten mit „großen“ Sorgen um ihre finanzielle Absicherung sagen rund 71 Prozent, sie würden ihren Konsum zurückfahren, in der Gruppe mit „einigen“ sind es 35 Prozent, bei denen, die keine direkten Sorgen äußern, lediglich knapp neun Prozent (Abbildung 8). 

„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Debatte über den Sozialstaat viele Menschen verunsichert, was bereits zu Konsumeinschränkungen führte. Hält die Unsicherheit über einen möglichen Abbau des Sozialstaats an, könnte dies Haushalte dazu veranlassen, ihre Ausgaben auch künftig vorsichtiger zu planen, um privat vorzusorgen“, schreiben die IMK-Forscher Behringer, Dullien und Endres. „Wenn sich die Konsumzurückhaltung in weiten Teilen der Bevölkerung verfestigt, könnte dies die private Nachfrage auch in den kommenden Monaten dämpfen und damit die konjunkturelle Erholung schwächen.“ 

Auch auf das Vertrauen in die Bundesregierung hat das Ausmaß der Sorgen um die eigene finanzielle Absicherung einen deutlichen Einfluss: Überhaupt kein Vertrauen in die Bundesregierung äußern rund 57 Prozent der Befragten mit „großen“ Sorgen, in den beiden anderen Gruppen liegt dieser Anteil bei 27 bzw. 16 Prozent.

Kontakt

Prof. Dr. Sebastian Dullien
Wissenschaftlicher Direktor IMK

Rainer Jung
Leiter Pressestelle

Quelle

Jan Behringer, Sebastian Dullien, Lukas Endres: Sozialstaatsdebatte belastet privaten Konsum und Vertrauen in die Regierung. Erkenntnisse aus einer Online-Umfrage. IMK Policy Brief Nr. 223, August 2026.
Zum Download (pdf)

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