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Arbeitskämpfe: Zersplitterung der Tariflandschaft verursacht mehr Streiks

Ausgabe 06/2012

2011 haben mehr Beschäftigte gestreikt als 2010, und es fielen dabei mehr Arbeitstage aus. Im Mehrjahresvergleich blieb das Arbeitskampfgeschehen in Deutschland aber auf einem relativ niedrigen Niveau.

Etwa 180.000 Beschäftigte haben sich nach der aktuellen WSI-Arbeitskampfbilanz im vergangenen Jahr an Streiks und Warnstreiks beteiligt. 2010 waren es rund 120.000 gewesen. Die Anzahl der Streiktage summierte sich Ende 2011 auf 304.000 und lag damit ebenfalls deutlich über der des Vorjahres. „Dieser Anstieg relativiert sich vor dem Hintergrund der ausgesprochen niedrigen Arbeitskampfzahlen des Jahres 2010“, sagt WSI-Arbeitskampfforscher Heiner Dribbusch. „Insgesamt blieb das Arbeitskampfvolumen trotz der Zunahme vergleichsweise niedrig und lag deutlich unter dem der Jahre 2006 bis 2009“, so der Experte. Die Arbeitskampfbilanz des WSI ist eine Schätzung, die auf Statistiken der Gewerkschaften, Pressemeldungen und eigenen Recherchen basiert.

Schwerpunkt Dienstleistungssektor. Auch im Jahr 2011 hat sich ein Trend fortgesetzt, den Dribbusch schon länger beobachtet: Das Arbeitskampfgeschehen verlagerte sich hin zu den Dienstleistungsbranchen. Rund 40 Prozent aller Streikenden waren 2011 an den Warnstreiks beteiligt, die zu Beginn des vergangenen Jahres die Tarifrunde im öffentlichen Dienst der Länder begleiteten. In den klassischen Industriebranchen war lediglich die Tarifrunde der Stahlindustrie von größeren Warnstreiks begleitet. In der mitgliederstarken Metall- und Elektroindustrie standen 2011 keine Entgeltverhandlungen an.

Zerklüftete Tariflandschaft. Nach einem deutlichen Rückgang im Jahr 2010 gab es 2011 wieder mehr Tarifkonflikte, die zu Streiks führten. Auch hier stand nach Dribbuschs Analyse der Dienstleistungssektor mit seiner zerklüfteten Tariflandschaft im Mittelpunkt. Als Indikator zieht der Forscher die Streikbilanz der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di heran. Im Jahr 2011 lagen dem ver.di-Bundesvorstand 160 Anträge auf Arbeitskampfmaßnahmen vor, im Vergleich zu gut 100 im Jahr zuvor. Relativ häufig streikten auch wieder Mitglieder der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.

Viele Auseinandersetzungen in kleinen Betrieben. Die meisten dieser Arbeitskämpfe wurden nach Dribbuschs Untersuchung um Haus- und Firmentarifverträge ausgetragen. „Diese Auseinandersetzungen sind Ergebnis einer anhaltenden Zersplitterung der Tariflandschaft“, erklärt der Forscher. Hauptauslöser der Streiks sei die Weigerung von Unternehmen, Tarifverträge anzuerkennen oder überhaupt abzuschließen. Viele dieser überregional selten beachteten Streiks wurden in mittleren und kleinen Betrieben geführt.

Die Streikaktivitäten der Berufsgewerkschaften blieben 2011 insgesamt relativ überschaubar, so die WSI-Bilanz. Neben Warnstreiks des Marburger Bundes an den Universitätskliniken waren vor allem kleinere Streiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) bei mehreren regionalen Privatbahnen zu registrieren.

Das laufende Jahr ist nach Dribbuschs Analyse geprägt durch mehrere große Tarifrunden, so dass es grundsätzlich zu Arbeitskämpfen mit vielen Streikenden kommen könnte. Die breite Beteiligung an den Warnstreiks im öffentlichen Dienst bei Kommunen und Bund zeige das Konfliktpotenzial dieser Tarifrunde, so Dribbusch. Sollte es hier zu weiteren Warnstreikwellen oder gar zu Flächenstreiks kommen, würde das Arbeitskampfvolumen im Jahr 2012 sicherlich das des Vorjahres übertreffen. Ob die anlaufende Metalltarifrunde von größeren Arbeitskampfmaßnahmen begleitet sein wird, lasse sich derzeit noch schwer einschätzen.

  • Streiks: Zunahme nach starkem Rückgang
    2011 haben mehr Beschäftigte gestreikt als 2010, und es fielen dabei mehr Arbeitstage aus. Im Mehrjahresvergleich blieb das Arbeitskampfgeschehen in Deutschland aber auf einem relativ niedrigen Niveau. Grafik herunterladen

Quelle

Heiner Dribbusch ist Experte für Tarif- und Gewerkschaftspolitik im WSI

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