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Mitbestimmung: Wo Beschäftigte mitreden

Ausgabe 20/2018

Arbeitnehmer haben in vielen europäischen Konzernen Mitspracherechte in den Leitungsgremien. Davon profitieren nicht nur die Beschäftigten, sondern auch Unternehmen und Gesellschaft insgesamt.

  • Arbeitnehmerbeteiligung in Europa
    Arbeitnehmerbeteiligung ist in vielen europäischen Unternehmen fest verankert. Grafik herunterladen

Auch wenn es innerhalb der EU erhebliche Unterschiede gibt – bei den Mitspracherechten in Aufsichts- oder Verwaltungsräten von Unternehmen steht Europa vergleichsweise gut da. Mittlerweile seien diese Rechte ein „Schlüsselelement des europäischen Wirtschaftsmodells“, heißt es in dem akademischen Abschlussbericht, den Anke Hassel, die wissenschaftliche Leiterin der Expertengruppe „Workers‘ Voice and Good Corporate Governance in Transnational Companies in Europe“, verfasst hat. Die Expertengruppe war 2015 von I.M.U.-Direktor Norbert Kluge initiiert worden. Die Mitglieder: Praktiker aus Unternehmen, Experten mit gewerkschaftlichem und europapolitischem Hintergrund sowie Wissenschaftler aus ganz Europa. Analysiert wurde, wie Arbeitnehmer auch in anderen EU-Ländern Einfluss auf Unternehmensentscheidungen nehmen. Die deutsche Mitbestimmung stellt demnach funktional keinen exotischen Einzelfall in Europa dar.

Im Rahmen der Projektarbeit wurden Informationen zu 855 börsennotierten Konzernen in der EU zusammengestellt, die sich auf die Jahre 2006 bis 2014 beziehen. Neben betriebswirtschaftlichen Kennzahlen enthält der Datensatz umfangreiche Angaben zur Arbeitnehmerbeteiligung. Darunter verstehen die Experten Mechanismen, die strategisch wichtige Entscheidungen in Unternehmen beeinflussen und damit zur Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten beitragen. So haben 18 von 28 EU-Staaten gesetzliche Regelungen, die Beschäftigten Mitsprache in den Aufsichtsräten oder Boards großer Unternehmen garantieren, in Deutschland tun das die Mitbestimmungsgesetze. Zu den weiteren Ausprägungen der „Workers‘ Voice“ gehören Tarifverträge, nationale und Europäische Betriebsräte sowie Unternehmensvereinbarungen, die beispielsweise Standards für die Zusammenarbeit mit Lieferanten in Entwicklungsländern festlegen.

Der Auswertung zufolge ist Arbeitnehmerbeteiligung in vielen europäischen Unternehmen fest verankert. Auch wenn kein einheitliches Modell in Europa auszumachen ist, gebe es in der Praxis  zahlreiche Varianten und Konstellationen, die ähnlich wie die deutsche Mitbestimmung  wirken. Die verschiedenen Formen der Mitsprache scheinen dabei oft zusammenzuhängen: Wenn man die 100 größten Konzerne des Datensatzes betrachtet, fällt auf, dass sämtliche Unternehmen mit Arbeitnehmervertretern auf der Führungsebene auch tarifgebunden sind. Zudem verfügen 91 Prozent von ihnen über Europäische Betriebsräte. Von den Unternehmen ohne mitbestimmte Leitungsgremien haben nur 82 Prozent Tarifverträge und nur 58 Prozent einen Eurobetriebsrat.

Dass es sich lohnt, Beschäftigte mitreden zu lassen, liegt laut dem Abschlussbericht auf der Hand. Mitsprache helfe beim Lösen organisatorischer Probleme, trage insbesondere bei großen Veränderungsprozessen und Umstrukturierungen zur Überwachung und Optimierung von unternehmerischen Entscheidungen bei und erleichtere den Informationsfluss zwischen Management und Belegschaft.

Der Analyse zufolge kann Arbeitnehmerbeteiligung gleichzeitig zur Stabilisierung der Demokratie und zum ökonomischen Erfolg beitragen: In acht der zehn Länder mit der geringsten sozialen Ungleichheit weltweit sitzen Vertreter der Beschäftigten in Leitungsgremien. Das Gleiche gilt für vier der zehn Länder, denen das World Economic Forum die höchste Wettbewerbsfähigkeit bescheinigt. Um Stärken und Nutzen von Workers’ Voice ganz auszuschöpfen, sei es allerdings zwingend erforderlich, Unternehmensmitbestimmung nicht nur auf nationaler Ebene zu bewahren, sondern ihre institutionelle und gesetzliche Basis auch in Europa zu stärken.

  • Workers Voice weit verbreitet
    18 von 28 EU-Staaten haben gesetzliche Regelungen, die Beschäftigten Mitsprache in den Aufsichtsräten oder Boards großer Unternehmen garantieren. Grafik herunterladen

Expert Group “Workers‘ Voice and Good Corporate Governance in Transnational Companies in Europe”: Workers‘ Voice for Better and Sustainable Corporate Governance, I.M.U. Policy Brief Nr. 1, November 2018

Anke Hassel, Sophia von Verschuer, Nicole Helmerich: Workers’ Voice and Good Corporate Governance, WSI, Oktober 2018

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