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HBS Böckler Impuls

Arbeitsmarkt: Reformen drosseln Arbeitsmarktdynamik

Ausgabe 19/2011

Die Flexibilisierungspolitik hat nur einen Teil des Arbeitsmarkts in Bewegung gebracht: Bezieher von Arbeitslosengeld I nehmen schneller neue Stellen an. Bereits Beschäftigte sind jedoch verunsichert und wechseln seltener den Job als in früheren Zeiten.

In den vergangenen Jahren ist es einer zunehmenden Zahl von Erwerbslosen gelungen, eine neue Stelle zu finden. Insgesamt hat die Fluktuation auf dem Arbeitsmarkt aber nicht das gleiche Niveau erreicht wie in früheren Aufschwüngen. Dies sei ein erstaunliches Phänomen, stellt Professor Matthias Knuth vom Duisburger Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) fest. Früher hätten in Phasen des Beschäftigungswachstums die Betriebswechsel von bereits Beschäftigten stärker zugenommen.

Der Arbeitsmarktforscher hat die verschiedenen Segmente des deutschen Arbeitsmarktes untersucht und findet in der Zusammenschau eine Erklärung für die scheinbar widersprüchliche Entwicklung: Während kurzzeitig Arbeitslose durch die Reformen des vergangenen Jahrzehnts rascher wieder in eine neue Tätigkeit gelangen, scheuen Beschäftigte das Risiko eines Jobwechsels – auch wegen der Reformen. Schließlich wären sie materiell schlechter abgesichert als früher, „falls auf dem Weg über den Arbeitsmarkt etwas schief geht“, so Knuth. Gleichzeitig haben sich die Beschäftigungschancen von Langzeitarbeitslosen nur wenig verbessert. Fazit des Wissenschaftlers: Der Rückbau der Arbeitslosenversicherung scheine sich „auf den Arbeitsmarkt insgesamt lähmend“ ausgewirkt zu haben.

Beschäftigte: Festhalten am aktuellen Job. „Die zunehmende Zähflüssigkeit des Arbeitsmarkts“ lässt sich Knuth zufolge an einer steigenden durchschnittlichen Betriebszugehörigkeit ablesen. Im Mittel waren westdeutsche Beschäftigte Ende der 1990er-Jahre rund 9,5 Jahre bei ihrem aktuellen Arbeitgeber, bis zum Jahr 2008 erhöhte sich dieser Wert auf über 10 Jahre. Ein weiterer Indikator: Im Jahr 2000 hatten durchschnittlich 36 Prozent aller westdeutschen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten eine neue Stelle angetreten, während auf dem Höhepunkt des folgenden Aufschwungs 2007 nur noch 28 Prozent erreicht wurden.

Kurzzeitarbeitslose: Schneller wieder beschäftigt. Die kurzzeitig Arbeitslosen, die nach einigen Monaten mit Arbeitslosengeld I wieder eine neue Stelle finden, haben in den vergangenen Jahren für eine tendenziell sinkende Arbeitslosenquote gesorgt. Auf diese Gruppe entfällt nach Knuths Analyse ein Großteil der zunehmenden „Abgänge aus der Arbeitslosigkeit in die Erwerbstätigkeit“. Dass sie im Schnitt schneller wieder eine neue Stelle haben, erklärt sich Knuth zufolge durch die gewachsene Konzessionsbereitschaft infolge der Hartz-Reformen: Empirische Untersuchungen belegen, das Arbeitslose heute eher bereit sind, zu ungünstigeren Konditionen zu arbeiten. Das schließt die Annahme von Arbeitsplätzen unterhalb des eigenen Qualifikationsniveaus ein.

Langzeitarbeitslose: Weiter schlechte Karten. Hartz-IVBezieher haben an der gesunkenen Arbeitslosigkeit nur einen vergleichsweise geringen Anteil, so der Forscher. Seit ihrem Höchststand im April 2006 sei die Zahl der als erwerbsfähig eingestuften Leistungsberechtigten nur um 13 Prozent gesunken, während die Arbeitslosigkeit um 36 Prozent abnahm. Knuth folgert: Das verstärkte Fordern und Fördern wirke weniger auf diejenigen, auf die die neu ausgerichtete Arbeitsmarktpolitik eigentlich zugeschnitten sei. Der stärkste Effekt sei bei den anderen Gruppen zu beobachten – die das Risiko, ins Hartz-IV-Regime zu rutschen, vermeiden wollen. Das gelte „auch und gerade“ für den „stabil beschäftigten Kern“.

Durch die Reformen sei eine „Drohkulisse“ entstanden, die es Unternehmen erleichtert habe, interne Flexibilisierungen durchzusetzen, schreibt Knuth. Vor diesem Hintergrund erschienen die „Anpassungsleistungen der Unternehmen, die das Durchschlagen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf den Arbeitsmarkt verhindert haben, durchaus ambivalent“. Der umfassende Zugriff der Betriebe auf ihre – als Gegenleistung für Arbeitsplatzsicherheit äußerst konzessionsbereiten – Mitarbeiter führe zu sinkender Arbeitszufriedenheit und könne ein Grund für die Zunahme psychischer Erkrankungen sein.

Zudem weist Knuth auf ein bisher kaum beachtetes Problem hin: Die „Verengung der Arbeitsmarktpolitik“ auf die Vermittlung Arbeitsloser und Hilfebedürftiger habe im Endeffekt die soziale Mobilität am Arbeitsmarkt reduziert. Weil Arbeitnehmer in relativ sicheren Positionen seltener den Job wechseln, gebe es auch weniger Gelegenheiten für die Beschäftigten am Rand, in die Kernbelegschaften aufzusteigen. Der Wissenschaftler rät daher zu einer aktiven Arbeitsmarktpolitik, die durch Qualifizierung Beschäftigter wie Arbeitsloser „Mobilitätsketten in höherwertige Beschäftigung auslöst“.

  • Verunsicherte Beschäftigte wechseln seltener den Job. Damit sinkt die soziale Mobilität, weil es weniger Chancen gibt, in bessere Positionen aufzurücken. Zur Grafik

Matthias Knuth: Widersprüchliche Dynamiken im deutschen Arbeitsmarkt, in: WSI-Mitteilungen 11/2011

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