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Arbeitskosten: Mit guten Löhnen durch die Krise

Ausgabe 10/2020

Deutschland muss den Pfad stabilitätsorientierter Lohnerhöhungen fortsetzen, wenn es die Coronakrise meistern will. Das zeigt eine Analyse des IMK.

In den zurückliegenden Jahren ist Deutschland die Rückkehr zu einer stabilitätsorientierten Entwicklung der Löhne gelungen. Zwischen 2010 und 2019 haben die Löhne dem IMK zufolge im Einklang mit dem gesamtwirtschaftlichen Verteilungsspielraum zugenommen, der sich aus der Trendrate des Produktivitätsfortschritts und dem Inflationsziel der EZB zusammensetzt, nachdem der Zuwachs in den 2000er-Jahren weit darunter gelegen hatte. Diese „Normalisierung“ war ein wichtiger Beitrag zum längsten Wirtschaftsaufschwung seit den 1960er-Jahren, analysiert das IMK. International sei die deutsche Wirtschaft sehr konkurrenzfähig, was sich auch am immensen und nur langsam sinkenden Leistungsbilanzüberschuss von zuletzt sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts ablesen lasse, so die IMK-Forscher Alexander Herzog-Stein, Patrick Nüß, Ulrike Stein sowie Nora Albu vom Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR. Die Coronakrise sei für Deutschland zu meistern: „Vor dem Hintergrund der guten wirtschaftlichen Entwicklung und der stärkeren Bedeutung der binnenwirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre ist Deutschland gut gerüstet, diese Krise zu meistern.“ 

Von entscheidender Bedeutung sei, dass der im letzten Jahrzehnt eingeschlagene Weg fortgesetzt werde. Die Wissenschaftler warnen: „Es wäre verheerend für die zukünftige Entwicklung, wenn mit einer nicht gerechtfertigten Bezugnahme auf eine scheinbare Gefährdung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit und dem Appell des Maßhaltens der Weg in die Austerität und Lohnzurückhaltung gewählt würde.“ 

Bei den Arbeitskosten für die private Wirtschaft rangiert die Bundesrepublik im oberen Mittelfeld Westeuropas, auf Position sechs im EU-Vergleich. Der durchschnittliche jährliche Anstieg der Lohnstückkosten, welche die Arbeitskosten ins Verhältnis zu den geschaffenen Werten setzen, lag in Deutschland nach 2010 bei 1,9 Prozent. Im gesamten Zeitraum zwischen 2000 und 2019 waren es allerdings nur 1,2 Prozent – spürbar weniger als der Durchschnitt des Euroraums, der 1,4 Prozent betrug. Der geringe Anstieg sei nicht mit dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von knapp 2 Prozent vereinbar, betonen die Wissenschaftler. Denn eine zu schwache Entwicklung der Kosten bremse das Preiswachstum und schaffe permanent die Gefahr der Deflation, das heißt eines gesamtwirtschaftlich schädlichen Preisverfalls.

2019 sind die Arbeitnehmerentgelte in Deutschland nominal um 3,3 Prozent gestiegen. Damit lag der Zuwachs erstmals seit 2012 etwas über dem gesamtwirtschaftlichen Verteilungsspielraum. Das waren im vergangenen Jahr 2,6 Prozent. Damit seien die Effekte der langen Schwächephase in den 2000er-Jahren aber längst noch nicht ausgeglichen, so das IMK.

Insofern sei es auch unproblematisch, dass die Arbeitskosten pro Stunde im laufenden Jahr infolge der Kurzarbeit vorübergehend merklich ansteigen dürften. Damit rechnen die Ökonomen, weil den gesunkenen Arbeitnehmerentgelten im Fall der Kurzarbeit eine überproportionale Verringerung der Arbeitszeit gegenübersteht. Auch der Anteil der sogenannten Lohnnebenkosten, also der Sozialversicherungsbeiträge, an den Arbeitskosten dürfte vorübergehend zunehmen. 

Es gelte, schreiben die IMK-Forscher, im „größten Wirtschaftseinbruch seit der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre“, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Der Versuch sich durch Lohnzurückhaltung und Steigerung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit aus der Misere zu befreien, sei zweimal gescheitert: einmal mit Deutschlands angebotsorientierter Wirtschaftspolitik und Deregulierung des Arbeitsmarkts zu Anfang des Jahrtausends und ein zweites Mal, als die EU den südeuropäischen Ländern nach der Finanzkrise ein ganz ähnliches Programm verordnete. Die „Rückkehr auf einen stabilen und nachhaltigen Pfad der Prosperität“ werde nur gelingen, wenn „die Binnennachfrage im Euroraum durch ein Investitions- und Wachstumsprogramm sowie eine Normalisierung der Lohnentwicklung im gesamten Euroraum im Sinne einer makroökonomisch orientierten Lohnpolitik sowohl kurz- als auch langfristig gestärkt wird“.

Alexander Herzog-Stein, Patrick Nüß, Ulrike Stein, Nora Albu: Arbeits- und Lohnstück­kostenentwicklung: Ein gespaltenes Jahrzehnt geht zu Ende, IMK-Report Nr. 158, Juni 2020

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