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Arbeitskämpfe: Haustarife sorgen für Konflikte

Ausgabe 07/2010

Im vergangenen Jahr haben weniger Beschäftigte gestreikt als 2008. Deutschland ist im internationalen Vergleich weiterhin streikarm. Doch Konflikte um Haustarifverträge eskalieren häufiger als früher. 

Im vergangenen Jahr haben weniger Beschäftigte gestreikt als 2008. Deutschland ist im internationalen Vergleich weiterhin streikarm. Doch Konflikte um Haustarifverträge eskalieren häufiger als früher. 

Etwa 420.000 Beschäftigte haben sich 2009 an Arbeitskämpfen beteiligt. Das sind etwa eine Million Streikende weniger als im Jahr 2008, in dem es große Warnstreiks in der Metallindustrie gab. Auch die Zahl der Ausfalltage durch Streiks war 2009 niedriger als im Vorjahr. WSI-Arbeitskampfexperte Heiner Dribbusch rechnet mit knapp 400.000 Tagen - nach rund 540.000 Tagen 2008. Trotz dieses Rückgangs hat sich der seit einigen Jahren zu beobachtende Trend zu konfliktreichen Tarifrunden auch im Wirtschaftskrisenjahr 2009 fortgesetzt - die Zahl der Streiks blieb auf dem Niveau des Vorjahres. Das lag vor allem an etlichen Konflikten um Haustarifverträge, resümiert Dribbusch. "Diese Form von heftigen Arbeitskämpfen entsteht häufig, wenn Arbeitgeber versuchen, aus dem Tarifsystem auszusteigen", hat der Experte beobachtet.

Die WSI-Schätzung bestätigt vom Trend her die offizielle Statistik der Bundesagentur für Arbeit, weicht jedoch bei den Werten erheblich nach oben ab. "Die offizielle Streikstatistik ist eine wichtige Orientierungsmarke. Aber sie leidet darunter, dass sehr viele Arbeitskämpfe nicht von den Arbeitgebern gemeldet werden. Deshalb bildet sie das Arbeitskampfgeschehen nur lückenhaft ab", sagt Dribbusch.

Schwerpunkt Dienstleistungsbereich. Auffallend ist nach der WSI-Analyse, dass die größten Arbeitskämpfe 2009 im Dienstleistungsbereich stattfanden, der lediglich indirekt von der Wirtschaftskrise erfasst war. Dies gilt für die Tarifauseinandersetzung im öffentlichen Dienst der Länder wie auch für die umfangreichen Streiks bei den Kitas und den Ausstand in der Gebäudereinigungsbranche.

Die Anzahl der Streiks wird von der amtlichen Statistik nicht erfasst. Doch sieht Dribbusch Anzeichen dafür, dass auch im Krisenjahr 2009 die Zahl der Arbeitskonflikte auf hohem Niveau blieb. Allein die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di musste 2009 über 163 Anträge auf Arbeitskampfmaßnahmen entscheiden. 2008 waren es 149, im Jahr 2007 lediglich 82. Der Großteil aller Arbeitskämpfe seien Konflikte um Firmen- und Haustarifverträge, bilanziert Dribbusch. Die zunehmende Zersplitterung der Tariflandschaft, Tarifflucht und die Weigerung vieler Unternehmen, überhaupt einen Tarifvertrag abzuschließen, seien die wesentlichen Gründe für die Zunahme der Konflikte um Haustarife, erklärt der Wissenschaftler.

Deutschland im internationalen Vergleich weiter relativ streikarm. Ein aktueller internationaler Vergleich der Streikhäufigkeit ist nur eingeschränkt möglich, da selbst die letzten derzeit verfügbaren Vergleichsdaten aus dem Jahr 2008 nur für einige Länder vorliegen. Deutlich wird aber: Auch auf Basis der höheren WSI-Werte lag Deutschland 2008 beim relativen Streikvolumen weit hinter Ländern wie Kanada, Spanien oder der Türkei und deutlich hinter Großbritannien. Das relative Streikvolumen wird in arbeitskampfbedingten Ausfalltagen pro 1.000 Beschäftigte gemessen.

Mit 15 Ausfalltagen pro tausend Beschäftigte rangierte die Bundesrepublik nach den WSI-Zahlen auf gleichem Niveau wie die Niederlande. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass auch die offiziellen Statistiken anderer Länder teilweise große Lücken aufweisen. Legt man die offiziellen Zahlen der Bundesagentur zugrunde, lag Deutschland 2008 mit 3,7 Ausfalltagen am unteren Ende der Streikstatistik, kurz vor der Schweiz.

2010 weniger Streiks erwartet. Das Tarifjahr 2010 ist in der öffentlichen Wahrnehmung bislang geprägt durch die Tarifrunden in der Metallindustrie und im öffentlichen Dienst des Bundes und der Kommunen. In der Metallbranche wurde nicht gestreikt, auch im öffentlichen Dienst blieben die Arbeitskämpfe begrenzt. Insgesamt ist deshalb für 2010 ein geringeres Arbeitskampfvolumen als im abgelaufenen Jahr zu erwarten, schätzt Dribbusch. Das schließe aber nicht aus, dass es auch in diesem Jahr zum Teil zu intensiv geführten Tarifauseinandersetzungen in anderen Branchen kommen kann und dass wiederum zahlreiche betriebliche Arbeitskämpfe möglich sind.

  • Viele Streiks fehlen in der offiziellen Streikstatistik
    Für 2009 rechnet WSI-Experte Heiner Dribbusch mit knapp 400.000 Arbeitstagen, die in Deutschland durch Arbeitskämpfe ausgefallen sind. Die offizielle Streikstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) verzeichnet lediglich 64.000 Tage. Hintergrund: Die BA-Statistik ist eine wichtige Orientierungsmarke für Forscher. Doch viele kleinere Arbeitskämpfe fehlen, weil sie von den Arbeitgebern nicht gemeldet werden. Grafik herunterladen
  • Deutschland: Auch in der Krise ruhig
    Deutschland ist traditionell ein eher streikarmes Land. Ein aktueller internationaler Vergleich der Streikhäufigkeit ist nur eingeschränkt möglich. So liegen im Mai 2010 selbst für das Jahr 2008 nur für einige Länger Vergleichsdaten vor. Deutlich wird aber: Legt man die offiziellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zugrunde, liegt Deutschland am unteren Ende der Streikstatistik, kurz vor der Schweiz. Nimmt man die höheren Werte des WSI, ist die Rate der durch Arbeitskämpfe ausgefallenen Tage ähnlich hoch wie in den Niederlanden – und weitaus geringer als in Spanien, Kanada, der Türkei oder Großbritannien. Grafik herunterladen

Heiner Dribbusch ist Experte für Tarif- und Gewerkschaftspolitik im WSI.

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