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Böckler Impuls

Arbeitsmarkt: Befristung schadet Geringqualifizierten

Ausgabe 11/2016

Wird der Abschluss befristeter Arbeitsverträge erleichtert, müssen Geringqualifizierte längerfristig mit Einbußen bei Lohn und Beschäftigung rechnen.

Ein vermeintliches Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit besteht darin, Entlassungen zu erleichtern, beispielsweise durch befristete Arbeitsverträge. Die Theorie dahinter: Unternehmen riskieren eher, Arbeitslose anzuheuern, wenn sie sie ohne bürokratischen Aufwand wieder feuern können. Insbesondere Geringqualifizierte – so die Annahme – profitieren davon, indem sie Berufserfahrung erwerben und Kontakte knüpfen und so den Übergang in eine Festanstellung schaffen können. Ob das tatsächlich funktioniert, haben Ignacio García-Pérez von der Universität Pablo De Olavide, Ioana Marinescu von der Universität Chicago und Judit Vall Castello von der Universität Pompeu Fabra untersucht. Ihren Ergebnissen zufolge ist Deregulierung, die Befristungen erleichtert, eher kontraproduktiv.

Die Ökonomen haben analysiert, wie sich eine Reform des spanischen Arbeitsrechts im Jahr 1984 langfristig ausgewirkt hat. Bis dahin galt jedes Arbeitsverhältnis grundsätzlich als unbefristet, Ausnahmen waren nur für Jobs mit eindeutig temporärem Charakter wie Saisonarbeit oder Mutterschaftsvertretungen vorgesehen. Diese Einschränkung fiel durch die Neuregelung weg. Die Folge: Der Anteil der befristet Beschäftigten, der vor 1984 außerhalb der Landwirtschaft unter drei Prozent lag, betrug bereits 1987 zehn Prozent und stieg bis auf 35 Prozent Mitte der 1990er-Jahre. Das war die höchste Quote in Europa.

Um die Konsequenzen dieser Entwicklung für Geringqualifizierte abzuschätzen, haben die Forscher Daten der spanischen Sozialversicherung zu männlichen Schulabbrechern der Geburtsjahrgänge 1965 bis 1972 ausgewertet. Für die Analyse wurde das berufliche Schicksal derjenigen, die vor der Deregulierung auf den Arbeitsmarkt gelangt sind, mit dem Werdegang der später Geborenen verglichen. Dabei zeigt sich: Die kurzfristige Wahrscheinlichkeit, bis 19 eine Anstellung zu finden, ist infolge der Reform tatsächlich gestiegen. Über einen Zeitraum von zehn Jahren betrachtet waren die Auswirkungen allerdings eindeutig ungünstig: Im Vergleich zu den älteren Jahrgängen sank die Zahl der Tage in Beschäftigung um 4,5 Prozent oder 9,8 Tage pro Jahr. Das Einkommen ging um neun Prozent zurück. Statt als „Sprungbrett“ in eine Festanstellung seien Befristungen eher als „Hemmschuh“ für Geringqualifizierte zu betrachten, so das Fazit der Wissenschaftler.

  • Unsicheres Spanien
    In Spanien ist jeder fünfte Arbeitnehmer befristet beschäftigt. Zur Grafik

J. Ignacio García-Pérez, Ioana Marinescu, Judit Vall Castello: Can Fixed-Term Contracts Put Low Skilled Youth on a Better Career Path? Evidence from Spain (pdf), IZA Discussion Paper Nr. 9777, Februar 2016

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