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Stipendien Magazin Mitbestimmung

Altstipendiat: Der Mahner

Ausgabe 11/2011

Der Duisburger Künstler Gerhard Losemann hat das Mahnmal zur Katastrophe der Loveparade entworfen. Dass viele Medien sein Schaffen seitdem auf dieses Werk reduzieren, stört den 73-Jährigen.

Von Jan-Martin Altgeld

Wer den Flur von Gerhard Losemanns Haus in der Duisburger Innenstadt betritt, sieht eines sofort: Hier wohnt ein Künstler. In seiner dreistöckigen Wohnung gibt es nicht einen Raum ohne Bilder an den Wänden. „Seit 33 Jahren wohne ich jetzt hier“, sagt er und steigt die knarzige Treppe hinauf. Der Gang ins Arbeitszimmer gleicht einer Galerieführung. Dabei war der Maler lange Zeit anderes gewöhnt als großzügigen Wohnraum. Viele Jahre lang lebte er mit seiner Mutter zusammen in nur einem Zimmer. „Da fühlt man sich hier wie ein König.“ In Duisburg ist Losemann bekannt wie ein bunter Hund. Zahlreiche Ausstellungen hat er bestritten, zudem ist er Mitgründer der Interessengemeinschaft Duisburger Künstler. Seinen ersten Berührungspunkt mit Kunst, die „Initialzündung“, hatte er im Alter von 15 Jahren. Während seines ersten Lehrjahrs zur Ausbildung als technischer Zeichner bei der Demag AG, einem Maschinenbauer, erfuhr er von einer Ausschreibung für das Titelbild einer Zeitschrift. Herausgeber waren die Wandervögel, bei denen er Mitglied war. Losemann dachte sich: „Warum nicht?“ Er malte einen Gitarrenspieler – und gewann.

Später malte er in der Volkshochschule bei Wilhelm Wiacker, einem akademischen Maler. Erste Ausstellungen folgten. Schließlich bekam er ein Stipendium der Stiftung Mitbestimmung, einer Vorgängerorganisation der Hans-Böckler-Stiftung. Damit studierte er drei Jahre lang an der Kunstschule Düsseldorf-Niederkassel Grafik und Malerei bei Jo Strahn. Dass er mit einem „brotlosen“ Fach wie Kunst bereits 1960 die Förderung einer gewerkschaftsnahen Stiftung erhielt, hält Losemann rückblickend für äußerst ungewöhnlich. „Ich war der Einzige“, sagt er. In die Förderung aufgenommen zu werden gestaltete sich für Losemann jedoch einfacher als angenommen. „Ich bin von Günter Schluckebier, dem damaligen DGB-Vorsitzenden in Duisburg, vorgeschlagen worden.“ Auf sich aufmerksam gemacht hatte er mit seinem ehrenamtlichen Engagement. Losemann: „Ich war im Ortsjugendausschuss der IG Metall aktiv wie auch im Landesausschuss für Laienspiel und Kabarett.“ Die Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Gewerkschaften, sagt Losemann, sei in Duisburg auch damals recht gut gewesen. So gestaltete er schon früh Gewerkschaftsplakate. „Einmal hat mich der DGB sogar nach Wien geschickt, wo ich an einer Ausstellung in der dortigen Kunsthalle beteiligt war.“

Mittlerweile kann Losemann von seiner Kunst leben. Doch hat er auch allerhand anderes ausprobiert. „So habe ich mal an einer Hauptschule Kunst unterrichtet. Das hat mir großen Spaß gemacht.“ Allerdings nahm sein Lehrerdasein ein abruptes Ende. „Ich habe mit den Kindern Roboter gebaut. Die Ergebnisse waren toll. Aber irgendwann waren sie alle futsch.“ Der Hausmeister hatte sie weggeschmissen. Dieser respektlose Umgang mit Kunst war für Losemann Grund genug, die Sache zu beenden.

Als seine Ehe zu Bruch ging, war die Folge eine Schaffenspause. Aber auch die war irgendwann überwunden. „Danach habe ich ganz wild gemalt“, sagt er und verschränkt seine Arme. Ablehnung signalisiert er damit nicht – diese Köperhaltung scheint einfach die gemütlichste zu sein. Die Inspiration für seine Werke zieht Losemann aus dem Handeln der Menschen, auf das er als Künstler Einfluss nehmen will. In seinen Gemälden taucht ein Element immer wieder auf: die schwarz-gelbe Warnbarke. „Das ist ein Appell an den Menschen, seinen Eingriff in die Natur nicht zu übertreiben.“ Immer wieder beschäftigt er sich mit Katastrophen – die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wird in Losemanns Kunst zu dunklen Schraffuren; der Einsturz des World Trade Centers nach dem Terrorangriff von 2001 wird ein wildes Farbgemisch. Dann, am 24. Juli 2010 kam die Katastrophe nach Duisburg.

Die tödliche Massenpanik auf der Loveparade verfolgte Losemann am Fernseher. „Diese Schreie, das Gewirr. Es war einfach entsetzlich.“ Als er später die Ausschreibung für ein Denkmal las, machte er sich Gedanken – und ging danach zum Einkaufen in den Baumarkt, um ein Modell im Maßstab 1:10 zu bauen. Die Jury entschied sich am Ende für seinen Entwurf. Seit Ende Juni steht Losemanns Mahnmal, gut zehn Tonnen schwer, an der Ostseite des Tunnels an der Duisburger Karl-Lehr-Straße: eine fast quadratische, drei Meter hohe Stahlplatte, auf der das Datum der Katastrophe zu lesen ist. Auf einer Glastafel sind zusätzlich die Namen der 21 Todesopfer verzeichnet. Wirklich zu erkennen gibt sich das Denkmal erst auf der Rückseite der Platte. Hier befinden sich chaotisch angeordnete Vierkant-Stahlträger, wie riesige Streichhölzer, die jemand ausgeschüttet hat. Es sind ebenfalls 21. „Ein Symbol für das Fallen und wieder Aufrichten“, sagt Losemann. Und eine Erinnerung an alle, die nicht wieder aufgestanden sind.

Foto: Jan-Martin Altgeld

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