Forschungsprojekt: Hohe Krankenstände in Transformationsprozessen

Projektziel

Hohe Krankenstände sind zu einem Politikum geworden. Bundesregierung und Arbeitgeberverbände sehen darin eine die Wirtschaft überfordernde Belastung, Gewerkschaften kritisieren hochgradig belastende Arbeitsbedingungen in Transformationsprozessen. Welche Ursachen sehen Beschäftigte für den aktuellen Krankenstand? Welche Rolle spielen dabei Restrukturierungsprozesse im Zuge der Transformation?

Veröffentlichungen

Detje, Richard, Selma Kleinau und Dieter Sauer, 2026. Krankenstände in der Transformation. Gesundheitsstandards unter Druck, In: Hans-Jürgen Urban (Hrsg.), Gute Arbeit vor dem Aus?. Gute Arbeit vor dem Aus?, Hamburg: VSA Verlag, S. 100-130.

Sauer, Dieter, 2026. Endbericht: Hohe Krankenstände. Die Wahrnehmung von Beschäftigten, München, 12 Seiten.

Projektbeschreibung

Kontext

Aus zahlreichen Betrieben gibt es Rückmeldungen über deutlich gestiegene Krankenstände. Nach Atemwegs- handelt es sich vor allem um Muskel-/Skelett- sowie psychische Erkrankungen. Die Tatsache ist unbestritten, doch hinsichtlich der Ursachen liegen die Auffassungen weit auseinander. Im Organisationsbereich der IG Metall erhärten Betriebsrätebefragungen, dass transformationsbedingte Restrukturierungsprozesse einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Krankenstände haben. Organisatorisch-technische Umstellungen begleitet von Dekarbonisierungs-, Digitalisierungs- und Verlagerungsprozessen gehen oft mit neuen fachlichen Anforderungen, Stress und erhöhter Arbeitsintensität einher. Routinen gehen teilweise verloren. Insgesamt nehmen die psychischen Belastungen zu. Daraus resultierende gesundheitliche Gefährdungen werden durch ein einseitig an Kostenersparnis orientiertes Gesundheitsmanagement sowie Personalbedarfsplanungen mit systematischer Überlastung noch verstärkt.

Fragestellung

Auch wenn Untersuchungen der Krankenkassen und arbeitswissenschaftliche Forschung zentrale Befunde bereitstellen, bleiben doch Fragen offen, die möglicherweise auch auf einen veränderten Umgang mit Gesundheitsrisiken, Krankheit, Resilienz und Stressbewältigung hinweisen. Das Projekt konzentrierte sich auf die Wahrnehmung der Beschäftigten: um die Einschätzung betrieblicher Ursachen, ebenso wie um veränderte Verhaltensweisen im Umgang mit neuen Anforderungen, Belastungen und Erkrankungen. Welche Rolle spielen der »Präsentismus«, der sich nach Corona verstärkt hat und der »Absentismus« als Rückzugsmodell bei beruflicher Überforderung? Inwieweit wird das Thema Krankenstand zum Gegenstand betrieblicher Auseinandersetzungen. Mit der Befragung von Beschäftigten wurde die Handlungsperspektive der Beschäftigten stärker einbezogen. Die Beschäftigten wurden selbst motiviert, sich an der Ausarbeitung von Maßnahmen und Instrumenten zu beteiligen und deren Durchsetzung zu unterstützen.

Untersuchungsmethoden

In die explorative Befragung wurden drei Betriebe aus der Luftfahrt und der automobilen Zulieferindustrie einbezogen, die jeweils über große Fertigungs- sowie indirekte Bereiche verfügen mit jeweils unterschiedlichen Belastungsszenarien. Neben Experteninterviews u.a. mit im Arbeits- und Gesundheitsschutz aktiven Betriebsräten, Werksärzten und Führungskräften lag der Schwerpunkt des Projekts vor allem auf Gruppengesprächen und vertiefenden Einzelinterviews mit Beschäftigten verschiedener Arbeitsbereiche. Bei den Expertengesprächen ging es vorrangig um Informationen zur jeweiligen betrieblichen Situation. Im Zentrum standen Gruppengespräche als Mix aus Gruppendiskussion und Interview. Sie sind deswegen zentral, weil wir in den Diskussionen den »Tenor« der betrieblichen Debatte über den erhöhten Krankenstand einfangen wollten.

Darstellung der Ergebnisse

Hohe Krankenstände können nicht auf die bloße Arbeitsverweigerung von Beschäftigten zurückgeführt werden. In der Produktionsarbeit sind körperliche Schwere, Einseitigkeit, Taktungen, Wechselschichten u.ä. weiterhin vorherrschend. Die daraus resultierende physische und psychische Belastungssituation bleibt die wesentliche Ursache hoher Krankenstände. Die bei ständiger Optimierung der Produktion- und Logistiksysteme auftretenden Störungen und Produktionsstillstände kommen als eigenen Faktor der Krankheitsentwicklung hinzu. Wenn dann noch die geleistete Arbeit seitens des Managements nicht wertgeschätzt wird, entsteht ein toxisches Gemisch, das die langjährigen Loyalitätsbeziehungen zum Unternehmen in Frage stellt. Dann schwinden die traditionellen Formen eines Präsentismus, bei denen die Beschäftigten bei leichteren Erkrankungen weiter zur Arbeit gehen. In dieselbe Richtung wirkt ein sorgsamerer Umgang mit Gesundheitsrisiken bei jüngeren Beschäftigen. Verbesserungen des Gesundheitsmanagements werden von den Beschäftigten zwar positiv gesehen, damit die Ursachen steigender Fehlzeiten, die in den Arbeitsbedingungen liegen, verändern zu können, wird jedoch nicht erwartet.

Projektleitung und -bearbeitung

Projektleitung

Dieter Sauer
ISF München

Bearbeitung

Richard Detje

Selma Kleinau
ISF München

Kooperationspartner

Dirk Neumann
IG Metall IG Metall Frankfurt
FB Sozialpolitik

Kontakt

Dr. Manuela Maschke
Hans-Böckler-Stiftung
Forschungsförderung