Von JEANNETTE GODDAR

Die Spitzen-Betriebsrätin

Portrait Bertina Murkovic ist die erste Betriebsratsvorsitzende im VW-Konzern. Die Hans-Böckler-Stiftung förderte ihr Studium der Soziologie und Germanistik.

Von JEANNETTE GODDAR

Im Rückblick auf ihren Weg von der Jugendvertreterin zur obersten Betriebsrätin packt Bertina Murkovic Erinnerungen aus. Eine, die ihr an einem Frühlingsnachmittag im zweiten Stock des VW-Werks in Hannover-Stöcken das größte Vergnügen bereitet, katapultiert sie auf eine Bühne. Ohne zu stocken trägt sie einen Rap vor, mit dem eine gewerkschaftliche Frauenband in den 1980er-Jahren für die 35-Stunden-Woche kämpfte: „Mein Mann kommt heut Abend ganz geschafft nach Haus. Und ich denke: Das ist doch zum Kotzen, jeden Abend in die Röhre zu glotzen.“ „Auch mit Kabarett und Musik lassen sich politische Ziele verfolgen“, sagt Murkovic, die über unverkennbares Bühnentalent verfügt – und sich in Chanson und Gesang hat ausbilden lassen.

Inzwischen findet das Leben der heute 60-Jährigen auf einer anderen Bühne statt. Seit dem 17. Januar ist sie im Volkswagen-Konzern die erste Frau an der Spitze eines Betriebsrats, ein historischer Tag. Sie ist Betriebsratsvorsitzende der Geschäftssparte Volkswagen Nutzfahrzeuge, am Stadtrand Hannovers produzieren 16.000 Mitarbeiter Kleintransportern,Lieferwagen und Komponenten.

Kennengelernt hat sie Arbeitnehmeranliegen von der Pike auf – als Fachreferentin des Betriebsrats, Betriebsrätin und schließlich als stellvertretende Vorsitzende; seit 2017 ist sie zudem Mitglied im Aufsichtsrat. In Kontakt mit VW kam Murkovic in den 90er-Jahren während ihres von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Germanistik- und Soziologie-Studiums an der Uni Hannover: „Als studentische Tutorin habe ich einen VW-Betriebsrat zum Thema Arbeitszeiten in die Uni eingeladen“ erinnert sie sich. Als der sich von der Studentin verabschiedet, fragt er: „Wann bist du fertig? Könntest du dir vorstellen, dann zu uns zu kommen?“

Kann man eine Frau in dieser Rolle treffen, ohne die 1000-Euro-Frage nach der gläsernen Decke zu stellen? Eigentlich nicht. „Folgerichtig“ sei im Betriebsratsgremium die Wahl einer Frau an die Spitze gewesen, erwidert Murkovic: „Nach Jahren als Stellvertreterin war es keine Frage, wer den Posten nach dem Rücktritt des bisherigen Betriebsratsvorsitzenden übernehmen würde.“ Dass männlich dominierte Gremien häufig immer noch eher den soundsovielten Mann nominieren als eine wie hoch auch immer qualifizierte Frau, führt die unter anderem bei Oskar Negt studierte Soziologin auf das Prinzip der „homosozialen Reproduktion“ zurück: „Traditionell wird immer noch zu gern nach Ähnlichkeit eingestellt. Das bringt uns nicht weiter: Wir brauchen Diversity; Durchmischung ist ein Erfolgsrezept“.

Mit dem Betriebsratsvorsitz erreicht eine Gewerkschafter-Laufbahn einen Höhepunkt, wie es sie nicht mehr häufig gibt. Mit 15 Jahren trat Bertina Murkovic in die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherung ein; das war, als sie bei der Thyssen AG in Duisburg ihre Ausbildung zur Bürokauffrau begann. Für ihre Eltern, er Bergmann, sie Kantinenmitarbeiterin, beide aus dem damaligen Jugoslawien, sei die Gewerkschaftsmitgliedschaft selbstverständlich gewesen, sagt sie – und damit dann auch für alle fünf Kinder. Das Studium, das sie im Alter von knapp 30 Jahren dranhängte, änderte daran nichts. Vor letzterem stand ein zweiter Bildungsweg, der viel Disziplin, Engagement und Neugier auf Neues erforderte. All das hat sie sich bis heute bewahrt: „Um meine Aufgabe als Betriebsratsvorsitzende gut zu erfüllen, braucht es eine hohe Motivation. Die habe ich: Nicht zuletzt, weil ich mich immer noch freue, immer wieder dazuzulernen.“

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