Altstipendiaten

Der Abgeordnete

Seit 2011 sitzt der junge SPD-Politiker Julian Barlen, einer der Gründer des Modelabels Storch Heinar, im Schweriner Landtag. Von Susanne Kailitz


Im Plenum darf Julian Barlen wegen der gebotenen Neutralität der Abgeordneten das Kleidungsstück nicht tragen, aber im Park rund um das Schweriner Schloss, den Sitz des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern, zieht er sein liebstes Stück gern an: das T-Shirt mit dem Storch. Der heißt Heinar, trägt ein Hitlerbärtchen und ist als Führer-Storch unterwegs, um Nazis einen Vogel zu zeigen. Gern sorgt der SPD-Landtagsabgeordnete Barlen dafür, dass Heinars Kampf um die Weltherrschaft noch ein bisschen bekannter wird. Gerade hat er der neugeborenen Tochter einer Freundin einen Storch-Heinar-Body geschickt. Damit, sagt er, sei sie von Anfang an perfekt eingekleidet.

Julian Barlen bezeichnet sich als Privatsekretär von Storch Heinar – und stapelt damit tief. Denn der 33-Jährige gehört zu den Gründern des Juso-Modelabels, das aus den Reihen des Online-Projekts „Endstation Rechts“ gegründet wurde und betrieben wird. Klamotten, Tassen und Schirme mit dem Führer-Storch als Parodie auf die bei Rechtsextremisten beliebte Modemarke Thor Steinar: Damit haben Barlen und seine Kollegen eine Art der Auseinandersetzung gefunden, die nicht moralinsauer daherkommt. Inzwischen nimmt das Label nicht nur Thor Steinar aufs Korn, sondern auch andere Symbole und Zeichen der Naziszene. Wer will, kann eine „GröTaz“, die größte Tasse aller Zeiten, Schutzschirme mit „Motiv nationaler Viehbestand“ ordern oder Shirts mit der Aufschrift „Der Führer hatte nur ein Ei“.

Barlen ist überzeugt davon, dass man im Kampf gegen Rechtsextremismus auch auf Humor setzen muss. „Das ist ein entkrampfter Ansatz, der einen auch ins Gespräch mit Menschen bringt, die nicht nur darüber belehrt werden wollen, wie schlimm das rechte Denken ist. Leute andauernd damit agitieren zu wollen, wie segensreich die parlamentarische Demokratie doch ist, bringt nicht viel. Gerade die Jungen muss man anders ansprechen. Ironie ist da ein gutes Mittel – zumal die rechte Szene selbst ja ausgesprochen humorlos ist.“ Und so spielt Barlen in der Band „Storchkraft“, wenn der Storch auf Propagandatour geht, und schrieb auch am – natürlich 88-seitigen – Buch „Mein Krampf. 18 Episoden aus dem selbst gefälschten Tagebuch des F. H.“ mit. Doch bei allem Spaß an der Satire: Es schmerzt den Vollblutdemokraten Barlen, dass die NPD nach 2006 auch 2011, wenn auch mit Stimmverlusten, wieder in den Landtag eingezogen ist.

Dass vor allem junge Menschen im Osten eine Partei wählen, die demokratische Grundrechte und Prinzipien missachtet, ist für ihn nur schwer auszuhalten. Es war etwas sehr Neues für den gebürtigen Bielefelder, der nach einer Lehre zum Hotelkaufmann vor zehn Jahren zum Studium nach Rostock ging. „In vielen Gebieten Deutschlands spielt Rechtsextremismus eine untergeordnete Rolle. Ich habe in Frankfurt gelernt, das ist so multikulturell, wie man es sich nur denken kann. Einigen erschien mein Umzug nach Rostock, das durch die Ausschreitungen von Lichtenhagen leider einen einschlägigen Ruf hatte, komplett absurd. Vor allem Freunde aus der jüdischen Gemeinde hatten damit erst mal zu kämpfen.“ Doch Barlen ließ sich nicht abschrecken, fand in Mecklenburg schnell Anschluss und bei den Jusos eine politische Heimat.

Dass er sein VWL-Studium mithilfe der Hans-Böckler-Stiftung finanzieren konnte, war dann schon fast eine Zwangsläufigkeit: Durch viele gemeinsame Aktionen von Jusos und Gewerkschaftern sei er in gutem Kontakt zu einer DGB-Jugendreferentin gewesen, erinnert Barlen sich, und habe dann sogar eine Gewerkschaftsempfehlung für das Stipendium bekommen. Und anders als nach dem Abi gedacht, machte er nicht Karriere im Hotel, sondern im Landtag: erst als Referent für Sozialpolitik bei der SPD-Fraktion, seit 2011 als Abgeordneter. Hier ist der zweifache Vater Sprecher seiner Fraktion für Gesundheitspolitik und für Strategien gegen Rechtsextremismus. Er ist überzeugter Anhänger des „Schweriner Wegs“, einer Vereinbarung aller demokratischen Fraktionen, die NPD konsequent auszugrenzen. Konkret heißt das, dass Anträge der NPD geschlossen abgelehnt werden und auf Anträge der rechtsextremen Partei immer nur ein einziger Vertreter des demokratischen Spektrums antwortet.

Um die Rechtsextremisten nicht zu üppig mit Steuergeldern zu versorgen, beschlossen die anderen Parteien zudem eine Begrenzung der Zuschüsse an alle Fraktionen. Nicht immer sei dieser entschlossene Kurs leicht zu vermitteln, sagt Barlen. Aber gerade hier in Mecklenburg, wo die NPD stärker als irgendwo sonst in den gewalttätigen Kameradschaften verwurzelt sei, müsse man deutlich Haltung zeigen. Dass das nicht überall so entschlossen geschieht wie in Schwerin, missfällt Barlen. Das Problem so niedrig zu hängen, „dass es irgendwann unter den Teppich gekehrt werden kann“, ist für ihn der falsche Weg. Sich wegducken, einer Diskussion aus dem Weg gehen ist nicht seine Sache. Barlen setzt auf deutliche Zeichen – gern auch mit dem richtigen T-Shirt.

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