Wer das Modell Deutschland demontiert, wird das teuer bezahlen

KULTURKAMPF IM KAPITALISMUS Die Export-Weltmeisterschaft ist nicht ohne die Beteiligung der Arbeitnehmerschaft zu haben - ein Essay über die produktive Notwendigkeit, das Unternehmen als soziales System zu verstehen.


Von Werner Abelshauser, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Bielefeld

Auch Kulturkämpfe folgen der Konjunktur. Das kontinentaleuropäische Modell der korporativen Marktwirtschaft, das in Deutschland besonders tief wurzelt, hat im Aufschwung seine Effizienz bewiesen und im Diskurs über die unter Weltmarktverhältnissen "richtige" Wirtschaftskultur wieder Boden gutgemacht. Wer wollte jetzt noch das duale System der Berufsausbildung zum alten Eisen werfen? Und wer käme vor dem Hintergrund der amerikanischen Kapitalmarktkrise noch auf die Idee, das deutsche Bankensystem zu tadeln, es sei risikoscheu und wenig innovativ?

Und aus der Gegenperspektive: Wer würde es heute noch wagen, dem Kapitalmarkt die alleinige Verantwortung für die Funktionsfähigkeit der Weltwirtschaft zu übertragen, wie es die liberal-konservativen Anhänger des "Marktstaates" verlangen? Gewiss - nichts weist darauf hin, dass die G 7 endlich dem "Monster" der Finanzmärkte Zügel anlegt, wie es die Europäer von Briten und Amerikanern seit Anfang der 80er Jahre fordern. Auch die EU ist in ihrer Wirtschaftskultur gespalten und deshalb handlungsunfähig.

Aber der Wind hat sich gedreht. Der amerikanische Standardkapitalismus, der bisher unangefochten dem Globalisierungsprozess seine Regeln auferlegen konnte, gerät in die Defensive. Wo immer der Souverän in Europa das Recht hatte, selbst zu entscheiden, hat er die "aggressive Liberalisierungspolitik" (Ex-Verfassungsrichter Dieter Grimm) der Brüsseler Technoliberalen in die Schranken gewiesen. Für die Deutschen, die über dieses Recht nicht verfügen, hat wenigstens ihr Bundespräsident gesprochen. Er riet der deutschen und europäischen Politik, den "Finanzsektor strategisch (zu) überprüfen", und empfahl "ein selbstbewusstes Eintreten für die kontinentaleuropäische Finanz- und Bankkultur".

Dies gilt auch für einen weiteren Schauplatz des Kulturkampfes, die Mitbestimmung, über deren Schicksal mitentscheidet, wie der Kampf um die Spielregeln des Kapitalmarktes ausgehen wird. Oder ist es ein Zufall, dass die Siemens AG in einem tiefen Korruptionssumpf steckt und diese Methoden auch auf die Arbeitsbeziehungen übertrug? Wer die eigene, starke Unternehmenskultur aufgibt, um neue, prekäre Märkte zu erobern, kommt rasch in die Versuchung, mit Schmiergeld nachzuhelfen.

Wer sich für die Standardregeln des Kapitalismus entscheidet, mag in der Tat am Sinn der Mitbestimmung zweifeln und nach Wegen suchen, sich über geltendes Recht hinwegzusetzen. Die Rückkehr "wirtschaftsfriedlicher" Pseudogewerkschaften ist ein Resultat dieses Kulturkampfes, ganz gleich ob sie - wie die AUB bei Siemens - vom Unternehmen verdeckt alimentiert wird oder ob andere Korruptionsmechanismen greifen. Das Beispiel Siemens zeigt aber auch, wie fraglich die Entscheidung gegen den Geist der Mitbestimmung sein kann. Überall dort, wo die Übernahme standardkapitalistischer und marktrigoristischer Regeln Sinn machen würde, auf dem Gebiet der standardisierten Produktion nämlich, muss sich der deutsche Elektrokonzern aus dem Markt zurückziehen. Dagegen reüssiert er dort, wo die Stärken des deutschen Modells voll wirksam werden, im Sektor der "maßgeschneiderten" Qualitätsarbeit, deren Anspruch an hoch qualifizierte Mitarbeiter kooperative Arbeitsbeziehungen voraussetzt. Das neue Siemens-Management hat immer noch die Chance, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Mitbestimmung ist von Anfang an Teil des wirtschaftlichen Erfolgsrezeptes gewesen, das die Dynamik und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie begründet hat - und immer noch fördert. Warum ausgerechnet die am meisten "globalisierten" und verwissenschaftlichten Industriezweige die Mitbestimmung einst freiwillig einführten, ist für deren Zukunftsfähigkeit von entscheidender Bedeutung. Die deutsche Wirtschaft hat sich schon früh auf "diversifizierte" Qualitätsprodukte konzentriert. Gemeint ist jene nachindustrielle Maßschneiderei, die Deutschlands Ruf und nachhaltigen Erfolg auf dem Weltmarkt begründet hat: intelligente Maschinen mit individuellem Innenleben, komplexe Industrie- und Infrastrukturanlagen, anwendungstechnisch veredelte Produkte, Verfahrenstechnik auf allen Gebieten und auch hochwertige Fahrzeuge.
 
Diese seit vielen Jahrzehnten unangefochtene Stellung auf den Weltmärkten setzt einiges voraus - einen hohen Stand des wissenschaftlich produzierten Wissens, produktive Ordnungspolitik des Staates, eine kooperative Organisation der regionalen Wirtschaft ("Cluster") und ein breit angelegtes, hoch qualifiziertes Arbeitskräftepotenzial - vom Facharbeiter bis hin zum Unternehmer.

Wissen, das "menschliche Vermögen", ist zum wichtigsten und knappsten Produktionsfaktor geworden. Es zu nutzen bedarf vertrauensvoller Zusammenarbeit im Wirtschaftsprozess. Misstrauen und offene Konflikte wirken wie eine Steuer auf wirtschaftliches Handeln, und die Einführung der Mitbestimmung zielte von Anfang an darauf ab, diese Kosten zu verringern. Für die immaterielle Produktionsweise von heute ist charakteristisch, dass das Wissen in Unternehmen asymmetrisch verteilt ist und seine Träger nicht ohne Weiteres zu ersetzen sind. Gleichzeitig ist die produktive Umsetzung dieses Wissens nicht einfach zu kontrollieren. Denn anders als am Fließband lässt sich die optimale Leistung eines Arbeitnehmers weder exakt vertraglich fassen, noch lassen sich entsprechende Arbeitsverträge zu vertretbaren Kosten überwachen und durchsetzen (Prinzipal-Agent-Problem).

Auch können Arbeitnehmer, wenn sie Träger spezifischen Wissens sind, dem Unternehmen im Konfliktfall mehr Schaden zufügen als der klassische Industriearbeiter, der lediglich über generalisiertes - und damit leicht ersetzbares - Wissen verfügte. Galt im industriellen Kontext die leninsche Maxime "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", so ist unter diesen neuen Bedingungen das Gegenteil richtig und Kontrolle noch dazu der teurere Weg. In der Notwendigkeit, dieses zentrale Problem der nachindustriellen Produktionsweise zu lösen, liegt die wirtschaftliche Wurzel der Mitbestimmung. Heute mehr denn je.

Um sich zu entfalten, braucht sie eine Wirtschaftskultur weithin akzeptierter Denk- und Handlungsweisen, wie Autonomiebewusstsein, Selbstverwaltung, Kooperationsbereitschaft und Soziabilität, also die Fähigkeit zur spontanen, vertrauensvollen Zusammenarbeit. Erst wenn die Tarifvertragsparteien in der Lage sind, die Arbeitsbeziehungen in diesem Rahmen gemeinsam zu gestalten, werden sie, wie es im Jargon heißt, zu "Sozialpartnern" und sichern sich im Wettbewerb auf wichtigen Märkten komparative Vorteile.

Das klingt nicht nur kompliziert, es ist auch so. Ob diese Zusammenarbeit immer funktioniert, lässt sich mit Recht bezweifeln. Es ging auch schon mal besser. Nicht, dass die Bedeutung der nachindustriellen Maßschneiderei abgenommen hätte. Im Gegenteil, sie wächst. Nicht, dass die weltweite Wettbewerbsfähigkeit schwinden würde. Im Gegenteil, sie lässt sich kaum noch steigern.

Ausstieg aus der korporativen Marktwirtschaft? Die Probleme liegen woanders. Das deutsche Modell scheint außerstande, die seit Jahren anhaltende Massenarbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen. Das schadet dem eigenen Selbstvertrauen. Einer der Gründe liegt auf der Hand: Fast ein Drittel der deutschen Erwerbstätigen verfügt über keine oder nur über einfache Qualifikationen und steht deshalb im globalen Verdrängungswettbewerb. Dieser hohe Anteil Niedrigqualifizierter hat historische Gründe und ist uns als Erbe des fordistischen Zwischenspiels in den 50er und 60er Jahre überkommen. Um ihn auf ein der heutigen deutschen Produktionsweise angemessenes "Normalmaß" zu reduzieren, gibt es ein probates Mittel: Qualifizierung. Das braucht seine Zeit, hat aber mit dem deutschen Modell wenig zu tun.

Es gibt noch mehr solcher Sachzwänge. Insbesondere für Unternehmen, die als Global Player am Weltmarkt operieren, bietet sich die Alternative, allein auf Märkte und Hierarchien zu bauen, um flexibler zu agieren und den Gewinn kurzfristig zu maximieren. Die Entscheidung zum Ausstieg aus der korporativen Marktwirtschaft liegt dabei nicht in der Willkür der Unternehmen. Je mehr der internationale Kapitalmarkt von Regeln beherrscht wird, die eine langfristige unternehmerische Perspektive erschweren und tief in die Herrschafts- und Lenkungsverhältnisse der Unternehmen eingreifen, stehen deutsche Unternehmen vor einem Dilemma. Sollen sie die neuen Spielregeln akzeptieren und darüber den Bruch mit der eigenen Unternehmenskultur riskieren? Oder sollen Unternehmen ihre Stärken weiter ausbauen und wo nötig wiederherstellen, - auch wenn sie das Risiko laufen, auf manche Vorzüge, die der internationale Kapitalmarkt bietet, verzichten zu müssen?

Immer mehr Unternehmen - darunter so erfolgreiche wie Bertelsmann oder Porsche - achten auf ihre Unabhängigkeit von Regeln, die ihnen den komparativen Vorteil erfolgreicher nachindustrieller Maßschneiderei nehmen würden. Sie bekennen sich nicht aus demokratietheoretischen Überlegungen zur Sozialpartnerschaft. Sie muss sich auch wirtschaftlich lohnen. Solange die Mitbestimmung mit den Bedürfnissen der wichtigsten Märkte korrespondiert und Werte schöpft, ist sie kein Anachronismus, sondern eine produktive Ressource der deutschen Wirtschaft.

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