Böckler Impuls Ausgabe 02/2019

Makroökonomie

Spanien: Trendwende trotz Troika

Seit 2014 erholt sich die spanische Wirtschaft von der Eurokrise. Mainstream-Ökonomen sagen, das sei eine Folge der sogenannten Strukturreformen. Zweifel sind angebracht.

Spanien: Trendwende trotz Troika

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Spanien ist auf dem Weg der Besserung. Und die Ökonomen, die dem Land bittere Medizin verordnet hatten, reklamieren das als ihren Erfolg: Erst Lohnsenkung und Arbeitsmarktderegulierung hätten die Erholung möglich gemacht. Die unter Aufsicht der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) durchgesetzten Veränderungen hätten sich als heilsam erwiesen. Ob Spanien tatsächlich als Musterbeispiel für erfolgreiche „Strukturreformen“ taugt, wie manche Ökonomen behaupten, haben Luis Cárdenas, Paloma Villanueva, Ignacio Álvarez und Jorge Uxó in einem Arbeitspapier der Hans-Böckler-Stiftung empirisch überprüft. Ergebnis: Die tatsächliche Entwicklung wichtiger ökonomischer Indikatoren und die angeblichen Wirkungszusammenhänge passen nicht zusammen.

Von 2009 und 2013 erlebte Spanien eine tiefe Krise: Wirtschaftsleistung und Beschäftigung brachen ein. Der erste Tiefpunkt kam mit der internationalen Finanzkrise, der zweite infolge der anschließenden Eurokrise. Von 2014 bis heute geht es wieder aufwärts. In den Jahren 2015 und 2017 stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) jährlich um 3,3 Prozent – deutlich mehr als der Euroraum-Durchschnitt von 2 Prozent. Noch schneller als das BIP stiegen die Exporte. Auch die Beschäftigung nahm wieder zu.

Wie kam es dazu? Hier die offizielle Version: Die Einschnitte ins Arbeitsrecht hätten zu niedrigeren Löhnen geführt, niedrigere Löhne zu niedrigeren Preisen und niedrigere Preise hätten die Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Deshalb hätten die Exporte zugenommen und in der Exportindustrie seien neue Jobs entstanden. Gesunkene Arbeitskosten hätten außerdem die Gewinne der Unternehmen erhöht, was Letztere zu neuen Investitionen angeregt habe, was wiederum der Beschäftigung zugutegekommen sei. Schließlich hätte die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, so wird argumentiert, grundsätzlich das Jobwachstum begünstigt, so dass unter den neuen Bedingungen je Prozentpunkt Wirtschaftswachstum mehr neue Arbeitsplätze entstehen als früher.

Cárdenas und seine Forscherkollegen haben zunächst untersucht, inwieweit der Aufschwung exportgetrieben war. Gegen eine allzu große Bedeutung der Ausfuhren spricht schon, dass die Wachstumsrate der Exporte nach der Krise nicht höher war als vorher. Von 2000 bis 2008 und von 2011 bis 2017 lag sie jeweils bei real rund vier Prozent. Aber das ist nicht alles: Tatsächlich haben sich die gesunkenen Arbeitskosten nur zum Teil in den Preisen niedergeschlagen und der statistisch ermittelbare Zusammenhang zwischen Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit und dem Exportvolumen ist den Wissenschaftlern zufolge „sehr schwach“. Er besitze nur geringes Erklärungspotenzial für die Entwicklung der Exporte. Als entscheidender Faktor erweise sich vielmehr die starke Nachfrage aus dem Ausland – die Konjunktur boomte weltweit.

Ähnlich verhält es sich mit der Erklärung der seit Mitte 2013 wieder anziehenden Investitionen: Eine statistische Analyse zeigt, dass diese vor allem von der Güternachfrage abhängen und kaum mit den Profiten der Unternehmen korrelieren – investiert wird nicht, wenn die Gewinne hoch sind, sondern wenn die Auftragsbücher voll sind.

Bleibt noch die Frage nach dem Jobwachstum. Haben die Arbeitsmarktreformen dafür gesorgt, dass im Aufschwung mehr Stellen entstehen? Aus einem Vergleich der Perioden von 1996 bis 2008 und 2014 bis 2017 ergibt sich, dass die sogenannte Beschäftigungselastizität gleich geblieben ist. „Es gab keine strukturelle Veränderung.“

Die Autoren konstatieren: Die von vielen Ökonomen vorgetragene Erklärung für Spaniens wirtschaftliche Genesung hält der empirischen Überprüfung nicht stand. Es waren nicht die Rezepte der Troika, die Spanien wieder auf die Beine geholfen haben, sondern andere Faktoren – vor allem das Ende der Sparpolitik 2014 und die langsam wieder in Gang gekommene Inlandsnachfrage. Folgen der Troika-Politik wie gestiegene Ungleichheit und Armut sowie weniger sichere und schlechter bezahlte Jobs waren laut Cárdenas und Kollegen keine „Kollateralschäden“, die in Kauf genommen werden mussten, um die Wirtschaft anzukurbeln, sondern komplett überflüssig.

Quelle

Luis Cárdenas, Paloma Villanueva, Ignacio Álvarez, Jorge Uxó: Peripheral Europe beyond the Troika. Assessing the 'Success' of Structural Reforms in Driving the Spanish Recovery (pdf), FMM Working Paper Nr. 40, Dezember 2018
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