Böckler Impuls Ausgabe 11/2017

Arbeitsmarkt

Kaum reguläre Jobs durch Hartz-Reformen

Seit den Hartz-Reformen ist die Zahl der Arbeitslosen deutlich gesunken. Allerdings hat nur eine Minderheit von ihnen einen Normalarbeitsplatz ergattert.

Kaum reguläre Jobs durch Hartz-Reformen

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Der Begriff ist eingängig und mittlerweile weit verbreitet: das „deutsche Jobwunder“. Während es im Februar 2005 noch 5,2 Millionen Arbeitslose gab, waren es drei Jahre später nur noch 3,6 Millionen. Gleichzeitig hat die Zahl der Erwerbstätigen um 1,2 Millionen zugenommen. Häufige Schlussfolgerung: Die Arbeitslosen haben Arbeit gefunden – dank Hartz-Reformen.

Ob das tatsächlich zutrifft, haben Thomas Rothe vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und Klaus Wälde von der Universität Mainz untersucht. Ihr Forschungsansatz: Wenn Personen aus der Arbeitslosenstatistik verschwinden, heißt das nicht zwangsläufig, dass sie einen regulären Job gefunden haben. Denkbar wäre auch, dass sie an einer Beschäftigungsmaßnahme teilnehmen oder komplett aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind und dass von dem Zuwachs bei der Beschäftigung in erster Linie andere Gruppen profitiert haben. Zudem müsse man zwischen Normalarbeit und atypischer Beschäftigung unterscheiden.

Um nachzuvollziehen, was tatsächlich aus den Arbeitslosen geworden ist, haben Rothe und Wälde zwei Datensätze ausgewertet: Die Integrierten Erwerbsbiografien (IEB), eine Statistik des IAB, geben verlässlich Auskunft über Arbeitslosigkeit, Typen von Beschäftigung und Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik. Allerdings enthalten sie wenig Informationen zu Selbständigkeit, Ruhestand und anderen Formen von Nicht-Erwerbstätigkeit. Um diese Lücke zu füllen, wurden zusätzlich Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) berücksichtigt.

Wenn man beide Datensätze zusammenführt und die Netto-Abgänge aus der Arbeitslosigkeit zwischen Januar 2007 und Dezember 2009 berechnet, zeigt sich, dass Wechsel in Normalarbeit nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Lediglich 9 Prozent der Ex-Arbeitslosen haben eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung aufgenommen, 4 Prozent sozialversicherungspflichtige Teilzeit. Viel wichtiger waren Minijobs mit 15 Prozent, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen mit 19 Prozent und Weiterbildung mit 12 Prozent. In den Ruhestand haben sich 28 Prozent verabschiedet.

Gegen diese Befunde ließe sich einwenden, dass sie ein zu pessimistisches Bild zeichnen, geben die Forscher zu. Denn die Netto-Abgänge spiegeln ausschließlich die direkten Übergänge wider. Arbeitslose, die beispielsweise nach einem Umweg über Weiterbildung oder den zweiten Arbeitsmarkt wieder einen Standard-Job finden, fallen unter den Tisch. Um dem Rechnung zu tragen, haben die Autoren in einer weiteren Analyse den Werdegang derjenigen Personen nachgezeichnet, die im Februar 2005 arbeitslos waren.
Den IEB-Daten zufolge war fast ein Drittel dieser Kohorte im Februar 2009 immer noch oder wieder auf Jobsuche. Weitere 30 Prozent hatten dem Arbeitsmarkt den Rücken gekehrt. Sozialversicherungspflichtig vollzeitbeschäftigt war lediglich ein Fünftel. Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man die Entwicklung anhand der SOEP-Daten rekonstruiert: Demnach waren 40 Prozent der Arbeitslosen aus dem Jahr 2005 vier Jahre später nach wie vor arbeitslos, 20 Prozent aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden und nur 25 Prozent in einem Normalarbeitsverhältnis.

Selbst nach vier Jahren habe also nur ein kleiner Teil der Arbeitslosen den Übergang in Normalarbeit geschafft, stellen Rothe und Wälde fest. „Das ,deutsche Jobwunder‘ mag uns lehren, wie man Arbeitslosigkeit reduziert, aber nicht, wie man Normalbeschäftigung aufbaut“, schreiben sie. Mehr Menschen zu stabiler Vollzeitbeschäftigung mit akzeptablen Löhnen zu verhelfen, bleibe eine wichtige politische Aufgabe.

Quelle

Thomas Rothe, Klaus Wälde: Where Did All the Unemployed Go? IAB Discussion Paper 18/2017