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14.11.2017

Neuer WSI-Verteilungsbericht

Zwischen wenigen Wochen und mehreren Jahrzehnten – so lange können Haushalte sich mit ihrem Vermögen über Wasser halten

Vermögen verleiht Haushalten unter anderem die Autonomie, zur Not ohne laufende Einkommen ihren Konsum bestreiten zu können. Die Möglichkeiten dazu sind höchst unterschiedlich verteilt: Während rund ein Drittel der Haushalte in Deutschland maximal Rücklagen für einige Wochen oder wenige Monate hat, könnten Haushalte am oberen Ende der Skala mindestens zwei Jahrzehnte durchhalten. Dabei handelt es sich ganz überwiegend um Haushalte mit höherem Vermögen. Das zeigt der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, der heute auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt wird. Ostdeutsche Haushalte würden mit ihrem Vermögen nur halb so weit kommen wie westdeutsche. Ältere haben zwar im Mittel mehr Polster, aber auch bei ihnen ist jeder fünfte Haushalt unbedingt aufs laufende Einkommen angewiesen. Alleinerziehende haben besonders geringe Möglichkeiten, Einkommensausfälle über Vermögen auszugleichen.

Die Vermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt. Trotz eines leichten Rückgangs im Vergleich zur Mitte der 2000er Jahre beträgt der Gini-Koeffizient nach den neusten verfügbaren Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus dem Jahr 2012 immer noch 0,731 – bezogen auf Haushaltsvermögen pro Kopf, bezogen auf Einzelpersonen ist er noch höher. Zum Vergleich: Würde nur einem Menschen das gesamte Privatvermögen in Deutschland gehören, läge der Wert des bekanntesten Verteilungsmaßes bei 1. Damit ist die Ungleichheit bei den Vermögen deutlich größer als bei den verfügbaren Haushalts-Einkommen (Gini-Wert von 0,29) – und höher als in fast allen anderen Euro-Ländern.

Welche Konsequenzen die Vermögenskonzentration für die wirtschaftliche Freiheit von Menschen hat, untersucht der neue WSI-Verteilungsbericht. Eine wichtige Funktion von Vermögen ist es, Lebensstandard und Konsumniveau in Zeiten zu sichern, in denen das laufende Einkommen reduziert ist, etwa bei Arbeitslosigkeit oder längerer Krankheit. Wie lange Haushalte im hypothetischen Extremfall eines vollständigen Einkommensausfalls ihre Ausgaben für Waren und Dienstleistungen inklusive Wohnkosten aus ihrem Vermögen bestreiten könnten, hat WSI-Verteilungsexpertin Dr. Anita Tiefensee untersucht. Ihr Experiment kalkuliert, was passiert, wenn Haushalte vollständig auf jedes Einkommen aus Erwerbstätigkeit, Renten oder Sozialtransfers verzichten müssten und stattdessen ihr komplettes Vermögen aufzehren würden. Basis ist das SOEP, für das jährlich rund 10.000 Haushalte befragt werden. Dabei legte die Forscherin für ihre Hauptberechnung die realen Konsumausgaben der untersuchten Haushalte zugrunde, die im Mittel von 1250 bis 2600 Euro im Monat reichen.

Kernergebnis: 30 Prozent der Haushalte in Deutschland könnten trotz in der Regel vergleichsweise geringer Konsumausgaben maximal wenige Wochen oder Monate überbrücken, weil sie kein nennenswertes Vermögen besitzen oder unter dem Strich sogar verschuldet sind. Weitere 20 Prozent können sich maximal knapp zwei Jahre über Wasser halten, wenn sie ihre Habe vollständig liquidieren und für den täglichen Bedarf aufzehren. 1 Jahr und 11 Monate stellt auch den Mittelwert für alle Haushalte dar. Weitere 30 Prozent können maximal knapp acht Jahre ihr Konsumniveau halten, das im Übrigen meist spürbar höher ist als für alle anderen Gruppen. Bei zehn Prozent reicht das Vermögen dafür, den – in der Regel ebenfalls hohen – Lebensstil mindestens 13 Jahre aufrecht zu erhalten, fünf Prozent gelingt das sogar mindestens mehr als 21 Jahre lang.

Lange durchhalten mit großem Vermögen

Bei der Analyse zeigt sich ein enger Zusammenhang zur Vermögenshöhe: Haushalte, die nur kurze Zeiträume überbrücken können, besitzen wenig oder nichts. Dagegen verfügen die zehn Prozent der Haushalte, die am längsten ohne Einkommen leben können, nach Abzug von Verbindlichkeiten über ein mittleres Haushaltsvermögen von knapp 500.000 Euro.

Zwar gibt es Ausnahmen: Einige im SOEP geführte wohlhabende Haushalte geben so viel für ihren Konsum aus, dass ihr hohes Vermögen nicht besonders lange reichen würde. Gleichzeitig gibt es Mittelklasse-Haushalte, die so wenig konsumieren, dass sie lange Zeit mit ihrem Vermögen über die Runden kommen würden. Unter dem Strich ist das Muster aber eindeutig: „Wer viel Vermögen hat, steht wirtschaftlich weitaus unabhängiger da. Das macht die Umrechnung in Zeit sehr deutlich: Während bei einem erheblichen Teil der Menschen die finanzielle Autonomie auch bei sparsamer Lebensführung nur einige Wochen reichen würde, haben andere über ein Jahrzehnt und manche sogar mehr als zwei Jahrzehnte zur Verfügung und können gleichzeitig weitaus mehr ausgeben“, sagt Prof. Dr. Anke Hassel, die wissenschaftliche Direktorin des WSI. Eine Variante der Berechnung, die die zeitliche „Durchhaltefähigkeit“ der Haushalte direkt ihrem Vermögen zuordnet, bestätigt das.

Dabei ist das Ergebnis für vermögende Haushalte eher als untere Grenze zu verstehen. Denn erstens sind in der freiwilligen Befragung zum SOEP „einfache“ und Multi-Millionäre stark unterrepräsentiert, Milliardäre kommen gar nicht vor. Da es in Deutschland keine Vermögensteuer gibt, liegen für Superreiche aber keine besseren Daten vor. Zweitens setzen die bisher genannten Kalkulationen voraus, dass Haushalte, deren Einkommen komplett wegbricht, ihren Konsum nicht einschränken – was meistens unwahrscheinlich sein dürfte.

In einer weiteren Variante ihrer Berechnung hat WSI-Forscherin Tiefensee deshalb untersucht, was passiert, wenn die unterschiedlichen Haushalte gleich viel ausgeben würden, um festzustellen, wie groß die Abweichungen zum jeweils aktuellen Konsumniveau sind. Bei einem allgemeinen monatlichen Mittelwert von 1.110 Euro pro Kopf würde sich für die unteren 60 Prozent wenig ändern, weil ihre realen Ausgaben nahe an oder unter diesem Niveau liegen, zum Teil deutlich. Haushalte in der oberen Hälfte der Verteilung könnten dagegen länger von ihren Vermögen zehren, was bedeutet, dass ihr tatsächliches Konsumniveau höher ist.

Ostdeutsche Haushalte noch deutlich zurück

Die WSI-Analyse offenbart auch deutliche Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Im Mittel können Haushalte in den neuen Ländern lediglich halb so lange Zeiträume durch Vermögensverzehr überbrücken wie in den alten: Nicht einmal ein Jahr statt über zwei. Dabei können 40 Prozent (im Westen 30 Prozent) höchstens Wochen oder wenige Monate ihren Konsum aus dem Vermögen finanzieren. Im Westen können 10 Prozent der Haushalte 22 Jahre „durchhalten“ die Vergleichsgruppe im Osten dagegen nur 11 Jahre. Allerdings gibt es auch im Osten einige Haushalte, die so reich und/oder so sparsam sind, dass sie theoretisch ihr ganzes weiteres Leben lang von ihrem Vermögen zehren können.

Ältere und Alleinerziehende

Wenn Haushalte die Möglichkeit haben, Vermögen zu bilden, wächst es in den meisten Fällen über die Zeit. Daher können die Haushalte mit älteren Haushaltsvorständen im Untersuchungssample durch Vermögensverzehr längere Zeiträume überbrücken als jüngere. So beträgt der Mittelwert für Haushalte mit Haushaltsvorständen über 65 knapp vier Jahre statt knapp zwei. „Allerdings gibt es auch unter den Älteren mehr als 20 Prozent, die höchstens wenige Wochen von ihrem Vermögen leben könnten“, betont WSI-Forscherin Tiefensee. Schaut man auf Haushaltstypen, reicht das Vermögen in Paarhaushalten länger als bei Singles. „Besonders problematisch ist die Situation von Alleinerziehenden und deren Kinder.“ so Tiefensee. „Rund 40 Prozent von ihnen verfügt über kein Vermögen.“

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Mehrzahl der Haushalte über keine oder nur über eine sehr eingeschränkte private Absicherung durch Vermögen verfügt“, fasst WSI-Direktorin Anke Hassel die Befunde zusammen. „Erwerbseinkommen aus ordentlich bezahlter Arbeit und eine wirkungsvolle soziale Sicherung sind für die meisten Menschen in Deutschland absolut unerlässlich. Deshalb ist es ein massives Problem, wenn der Niedriglohnsektor bei uns weiterhin größer ist als in vielen anderen europäischen Ländern, wenn das Rentenniveau zu stark sinkt und wichtige Risiken im Erwerbsleben weder staatlich noch privat abzusichern sind.“ Das trifft nach der WSI-Analyse etwa für den Fall eines Arbeitsplatzverlustes durch längere Krankheit zu: Das staatliche System ist mittlerweile sehr lückenhaft und kann schnell in den ALG-II-Bezug führen – nachdem der Großteil des eigenen Vermögens liquidiert wurde. Private Berufsunfähigkeitsversicherungen wiederum sind teuer für Menschen, die einen risikoreichen Beruf haben, die älter sind oder bereits eine Vorerkrankung hatten.

Die Zugangsvoraussetzungen für die öffentliche Erwerbsminderungsrente sollten daher unbedingt erleichtert werden, empfiehlt das WSI. Zudem gelte es, das Schonvermögen bei Hartz-IV-Bezug auszubauen und ein existenzsicherndes Niveau von Lohnersatzleistungen sicherzustellen. Damit mehr Menschen ein ausreichendes Arbeitseinkommen erzielen können und so überhaupt in die Lage versetzt werden zu sparen, sei eine Stärkung der Tarifbindung wichtig und ein ausreichendes und kostenloses Betreuungsangebot für Kinder. Da Vermögensaufbau auch durch Tilgung eines (Immobilien-)Kredits erfolgen kann, würde eine auf untere und mittlere Einkommensgruppen zugeschnittene staatliche Förderung in diesem Bereich mehr Menschen eine eigene Immobilie ermöglichen. Zudem empfiehlt das WSI, in Ballungsgebieten stärker in den öffentlichen Wohnungsbau zu investieren.

Weitere Informationen:

Anita Tiefensee: Wie lange reicht das Vermögen bei Einkommensausfall? WSI-Verteilungsbericht 2017, WSI Report 37, November 2017.

Kontakt:

Prof. Dr. Anke Hassel
Wissenschaftliche Direktorin WSI

Dr. Anita Tiefensee
WSI, Verteilungsexpertin

Rainer Jung
Leiter Pressestelle


Die Pressemitteilung mit Tabellen und Grafiken (pdf)

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