Interview

„Gute Argumente für eine dauerhafte Anerkennung“

Philip Anderson, Migrationsforscher in Regensburg und Vertrauensdozent der Hans-Böckler-Stiftung, über das Modellprojekt zur beruf­lichen Bildung für junge Flüchtlinge, das er evaluiert. Die Fragen stellte Jeanette Goddar


Wie viele unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge leben in Deutschland?

Offiziell sind es 2100, inoffiziell ist von 10 000 die Rede. Allein in München gehen wir von rund 1500 Jugendlichen unter 21 aus, bei steigender Tendenz. Vor allem aus den Krisenländern des Nahen Ostens, Syrien zum Beispiel, kommen immer mehr.

 

Haben diese Jugendlichen außer ihrem Alter etwas gemeinsam?

Ja. Auch wenn die meisten aus Bürgerkriegs- oder Kriegsregionen flüchten, gilt doch: Die dafür das Geld zusammenbekommen, sind die, denen zugetraut wird, sich in Europa eine Existenz aufzubauen. Dazu kommt, dass eine häufig jahrelange Reise enorme Lebensfähigkeit mit sich bringt. Etwas zynisch könnte man sagen: Auf dem Weg nach Deutschland findet eine positive Auslese statt.

Das heißt, die kommen, bringen viel Bidlung mit?

Nicht unbedingt. Einige haben viele Vorkenntnisse. Ich habe aber auch schon einen Hirtenjungen erlebt, der sich nach dem Tod des Vaters auf den Weg machte und nicht einmal lesen und schreiben konnte. Als er hier war, hat er es auf schnellstem Weg zum mittleren Schulabschluss und in eine Elektrikerlehre geschafft.

Was gehört von deutscher Seite dazu?

Vor allem die Ressourcen der Jugendlichen zu erkennen und Flüchtlingsarbeit nicht nur aus einer Abwehr- oder Mitleidshaltung zu betreiben. München ist eine der ersten Städte, die fragt: Wie können wir professionell mit diesen Menschen umgehen? Und auch das Land Bayern hat 2011 mit der Ausdehnung der Berufsschulpflicht für Flüchtlinge auf 21 Jahre einen großen Schritt gemacht. Das gibt Jugendlichen trotz ihres unsicheren Aufenthaltsstatus eine echte Chance. Nicht zuletzt gibt ihnen schulischer Erfolg auch ein Argument für eine dauerhafte Anerkennung in die Hand.

 

Sie evaluieren die Schule in München. Sie soll Modell für ganz Bayern werden und wird im Kleinen bereits an 30 Standorten umgesetzt. Was wissen Sie bereits?

Erstens: Mit Schule ist es nicht getan. Der neuralgische Punkt ist die Unterbringung, vor allem die Betreuung. Immer noch werden Jugendliche, wenn auch zum Glück meist nicht lange, in einer Kaserne untergebracht und dort zu sehr sich selbst überlassen. Im besseren Fall leben sie in Jugendwohngemeinschaften mit ständigen Ansprechpartnern. Die Vernetzung ist das A und O. Das Leben auf Basis des Ausländer- und Asylrechts führt zu enormem Koordinierungsbedarf. Von der Schule über das Amt für Wohnen, den Flüchtlingsrat und das Kreisverwaltungsreferat bis zum Kultusministerium braucht es ständige Kontakte. Denn die Verhandlungsspielräume werden größer, wenn man im Gespräch ist.

Und an der Schule?

Die Rolle der Lehrer ist nicht zu überschätzen. Um wirksam zu arbeiten, müssen sie wissen, woher die Schüler kommen, ihre Situation kennen, ihre kulturellen Hintergründe. Mit einem normalen Lehrerdasein hat das nicht viel zu tun. In München hat man offensichtlich die Richtigen dafür gefunden.

Der Erfolg steht und fällt damit, ob die Jugendlichen auf dem Ausbildungsmarkt unterkommen. Wird das klappen?

Entscheidend sind Praktika. Wenn sie einmal im Betrieb sind, können sie mit ihrer hohen Motivation viele Arbeitgeber überzeugen, die nicht nur nach den Noten schauen. Auch die noch nicht perfekten Deutschkenntnisse werden zum überwindbaren Hindernis, wenn man merkt: Der oder die will wirklich im Beruf Fuß fassen.

Was können die Gewerkschaften tun?

Wenn sie durch Öffentlichkeitsarbeit und Schulungen für Betriebsräte über die Hintergründe und die Situation der jungen Flüchtlinge aufklären und sich in einschlägigen lokalen Netzwerken engagieren, hilft das sehr.

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