Forschungsprojekt: Sozialtransfersysteme in der erweiterten EU

. Eine theoretische und empirische Analyse der Ausgestaltung und Verteilungswirkungen von Sozialtransfers unter besonderer Berücksichtigung der osteuropäischen EU-Staaten

Projektziel

Die Zielsetzung des Projekts ist es, den Zusammenhang zwischen der Ausgestaltung und den eingesetzten Instrumenten sozialer Sicherungssysteme und deren Auswirkungen auf die Einkommensarmut und -ungleichheit in den EU-Staaten einer detaillierten empirisch gestützten Untersuchung zu unterziehen.

Projektbeschreibung

Kontext

Infolge der wachsenden Ausgaben für soziale Sicherheit und des daraus resultierenden Drucks auf die öffentlichen Haushalte in den Industrieländern ist in den letzten Jahren häufig eine Überprüfung der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen gefordert worden. Ein Großteil der Diskussion fokussierte hierbei auf möglicherweise nachteilige Wirkungen sozialer Sicherungssysteme für die produktive Effizienz, die Schaffung von Arbeitsplätzen und das Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft. Entsprechend wird von Anhängern einer reinen Marktwirtschaft eine massive Reduzierung der staatlichen Sozialleistungen und die Beschränkung der Staatstätigkeit gefordert.

Ungeachtet dessen ist jedoch zu beobachten, dass in vielen Ländern die wichtigsten Kennziffern für Armut seit den 1970er Jahren tendenziell gestiegen sind. Es wurde deshalb von anderer Seite argumentiert, dass die Sicherung der Existenzgrundlagen und die Förderung des sozialen Zusammenhalts von großer Bedeutung seien.

Fragestellung

Im Spannungsfeld zwischen knappen Kassen der öffentlichen Haushalte, möglichen nachteiligen ökonomischen Effekten bestimmter Formen von Sozialleistungen und der Bedeutung des sozialen Zusammenhalts einer Gesellschaft ist die Frage nach der Leistungsfähigkeit der Sozialsysteme bei der Erreichung ihrer eigentlichen Ziele, nämlich der Verminderung von Armut, Ungleichheit und existenzieller Unsicherheit, von zentraler Bedeutung. Diesbezüglich stehen vier Fragen im Zentrum des Projekts:

1. Wie lassen sich die zentralen Eigenschaften der sozialen Sicherungssysteme in den EU-Ländern klassifizieren?

2. Welche Umverteilungswirkungen haben die Sozialtransfersysteme?

3. Wie lassen sich Zielsetzungen und Leistungsfähigkeit der untersuchten Systeme vor dem Hintergrund der ermittelten Systemgruppen und ihrer Umverteilungswirkungen evaluieren?

4. Welche sozial- und wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen ergeben sich aus der Analyse?

Untersuchungsmethoden

Im ersten Projektteil wurden unter Einsatz multivariater statistischer Verfahren wie der Clusteranalyse die untersuchten Sozialtransfersysteme in Ländergruppen mit ähnlichem Strategien-Mix klassifiziert.

Im zweiten Projektteil wurde eine detaillierte empirisch gestützte Analyse der Verteilungswirkungen von Sozialtransfersystemen in der erweiterten EU durchgeführt. Diese wurde mit Hilfe von Haushaltsdaten der Luxembourg Income Study (LIS) durchgeführt. Um ein differenziertes Bild der Umverteilungseffekte zu erhalten, wurden Analysen der Zahlgewinne differenziert nach Bevölkerungsgruppen (z.B. Geschlecht des Haushaltsvorstandes, Einkommensperzentil, Alter, Kinderzahl) vorgenommen.

Schließlich wurden die Ergebnisse der Verteilungsanalyse mit den aus der Wohlfahrtsökonomie bekannten Eigenschaften verschiedener Armuts- und Ungleichheitsmaße gegenübergestellt, um Aussagen über Zielsetzungen und Leistungsfähigkeit der untersuchten Systeme treffen zu können.

Darstellung der Ergebnisse

- Die Ergebnisse stützen die Aussagen neuerer Studien, nach denen man nicht mehr von drei mehr oder weniger homogenen Gruppen ausgehen kann, sondern Untergruppen mit deutlichen Unterschieden existieren. Die Existenz einer südeuropäischen Untergruppe und die uneinheitliche Entwicklung der osteuropäischen Länder werden gestützt. Es sind wenig Anzeichen für eine Konvergenz der Systeme erkennbar.

- Die mit Abstand höchsten Zahlgewinne verursachen die Renten. Haushalte mit weiblichen Hauptverdienern und kinderreiche Familien profitieren meist stärker von Sozialtransferleistungen. Es bestehen erhebliche Unterschiede in Effektivität und Effizienz der Systeme bei der Reduzierung von Einkommensungleichheit und Armut.

- Renten sind im Vergleich zu Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe von überragender Bedeutung. Sofern v.a. in Osteuropa die Erwerbsbiographien durch zeitweilig hohe Arbeitslosigkeit nach der Transformationsphase beeinträchtigt werden, wird sich die Effektivität der Sozialtransfers zukünftig verringern.

- Nach wie vor bestehende große Unterschiede zwischen den Sozialstaaten der EU sprechen für eine "weiche" Koordinierung der europäischen Sozialpolitik.

Projektleitung und -bearbeitung

Projektleitung

Dr. Friedrich Heinemann
Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW)
Leiter Forschungsbereich Unternehmensbesteuerung

Kooperationspartner

Dr. Margit Kraus
Calculus Consult

Kontakt

Dr. Eike Windscheid-Profeta
Hans-Böckler-Stiftung
Forschungsförderung