Dorothee Spannagel, 09.10.2019

„Fluchtmigration ist nicht der Grund für den Höchststand der Ungleichheit“

 
Der kürzlich veröffentliche Verteilungsbericht des WSI kommt zu dem Ergebnis, dass die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht hat. In Politik, Presse und sozialen Medien hat das für Diskussionsstoff gesorgt. Autorin Dorothee Spannagel beantwortet die wichtigsten Fragen.

Einkommen in Deutschland so ungerecht verteilt wie nie – so haben manche Medien über den Verteilungsbericht getitelt. Trifft es das?

Das ist natürlich zugespitzt, wobei die meisten Medien die Ergebnisse insgesamt differenziert dargestellt haben. Richtig ist, dass sich die Einkommen der Haushalte im unteren Bereich der Einkommensverteilung auch während der Jahre mit gutem wirtschaftlichem Wachstum vergleichsweise schwach entwickelt haben. Das betrifft am stärksten das einkommensmäßig „unterste“ Zehntel, das zwischen 2010 und 2016 nach Abzug der Inflation sogar mit sinkenden Einkommen zurechtkommen musste. Haushalte im zweiten bis vierten Zehntel haben zwar real an Einkommen gewonnen, aber auch sie sind gegenüber den Einkommensgruppen weiter oben in der Verteilung zurück geblieben: gegenüber jenen, die von starken Börsen und boomenden Immobilienpreisen profitiert haben. Aber auch gegenüber Haushalten mit mittleren Einkommen, die ebenfalls ordentlich zugelegt haben.

Der Mitte geht es also gar nicht so schlecht?

Das ist ja ein positiver Aspekt, über den wir ebenfalls berichtet haben: Wer eine feste, reguläre Arbeitsstelle hat, etwa als tariflich bezahlte Facharbeiterin, hat auch nach Abzug der Inflation spürbar mehr Einkommen zur Verfügung. Die gute Wirtschaftsentwicklung ist diesmal also auch in der Mitte angekommen. Aber immerhin 40 Prozent der Haushalte haben davon nur relativ wenig oder gar nichts gespürt. Und auch das hat die Ungleichheit der Einkommen weiter wachsen lassen.

Einige Experten sagen, das liege vor allem an der Fluchtmigration, durch die viele Menschen ins untere Spektrum der Einkommensverteilung gerückt seien. Ist dieser Einwand berechtigt?

Nach meinem Verständnis ist unter sozialer Ungleichheit zunächst einmal die Verteilung der Ausstattung mit materiellen und immateriellen Ressourcen zwischen allen Mitgliedern einer Gesellschaft zu einem gegebenen Zeitpunkt zu verstehen. Einkommen spielt dabei eine zentrale Rolle. Es ist in meinen Augen nicht sinnvoll, hiervon bestimmte Bevölkerungsgruppen auszunehmen. Die Daten unsere Studie umfassen natürlich auch Geflüchtete. Die Rolle der Fluchtmigration haben wir bei unseren Berechnungen aber durchaus explizit berücksichtigt. Als Test für unsere Ergebnisse haben wir uns angesehen, wie diese aussehen, wenn man die letzte große Welle der Fluchtmigration nicht berücksichtigt. Das sozio-oekonomische Panel (SOEP), das wir genutzt haben, bietet ab dem Jahr 2016 die Möglichkeit Geflüchtete, die zwischen Januar 2013 und Dezember 2015 eingereist sind und einen Asylantrag gestellt haben, statistisch zu isolieren.

Und was haben die Berechnungen ergeben?

Wir haben festgestellt, dass sich für 2016, das aktuellste verfügbare Jahr im SOEP, leichte Unterschiede ergeben (siehe Abbildungen). Das bedeutet, dass die Zuwanderung von Flüchtlingen den Trend zu größerer Ungleichheit offenbar verstärkt hat. Aber sie ist nur ein Faktor unter mehreren. Und am Gesamtbild ändert sich nichts Wesentliches, wenn man die Migration künstlich ausklammert: Auch ohne Fluchtmigration wären wir auf einem historischen Höchststand der Einkommensungleichheit. Der Anstieg wäre etwas geringer ausgefallen, aber am Trend würde sich nichts ändern. Die Armutsquote läge ohne die Geflüchteten im Jahr 2016 leicht unter dem Wert von 2015, aber trotzdem im Zeitvergleich auf sehr hohem Niveau. Bei der strengen Armut wäre auch ohne die Fluchtzuwanderung auf etwas geringerem Niveau eine neue Höchstmarke erreicht. Der langfristige Trend hin zu einer größeren Ungleichheit ist also ganz wesentlich gewissermaßen „hausgemacht“.

Sie haben hervorgehoben, dass auch mittlere Einkommensschichten in den vergangenen Jahren beim Einkommen zugelegt haben. Braucht es dann wirklich die verschiedenen Reformen, die Sie vorgeschlagen haben: Unter anderem mehr Tarifbindung, aber auch höhere Steuern für Vermögende und Spitzenverdiener?

Man kann den Trend zu steigender Ungleichheit nur dann wirksam unterbrechen, wenn man am unteren und am oberen Ende ansetzt. Man muss Armut bekämpfen und verhindern und gleichzeitig die Bezieher von Top-Einkommen stärker an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligen. Will man Armut nachhaltig bekämpfen, muss man den Niedriglohnsektor austrocknen. Wer nur für einen Niedriglohn arbeitet, läuft Gefahr arm zu sein, obwohl er oder sie arbeitet. Die Tarifbindung zu stärken, etwa über vereinfachte Allgemeinverbindlichkeitserklärungen von Tarifverträgen, ist ein wichtiger Schritt, um solchen Menschen zu helfen.

Die wachsende Ungleichheit muss zudem durch eine stärkere Umverteilung von oben nach unten bekämpft werden. Wichtige Ansatzpunkte sind hier etwa der Abbau von Ausnahmen bei der Erbschaftsteuer, die vor allem sehr Vermögenden zugute kommen. Außerdem die Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Dieser ist seit den 1990er Jahren deutlich gesenkt wurden, wovon nur Haushalte an der Spitze der Verteilung profitiert haben. Und eines sollte man bei der ganzen Diskussion um großen Reichtum nicht vergessen: Da wir keine Vermögensteuer mehr haben und die Teilnahme am SOEP freiwillig ist, sind die Superreichen in den Statistiken, mit denen wir arbeiten können, stark unterrepräsentiert. Multimillionäre kommen in den SOEP-Daten deutlich seltener vor als in der deutschen Realität. Milliardäre überhaupt nicht.


Autorin

Dr. Dorothee Spannagel ist Expertin für Verteilungsanalyse und Verteilungspolitik. Sie forscht zu Armut und Reichtum, sozialer Ungleichheit und Sozialpolitik.

Kontakt: Dorothee-Spannagel (at) boeckler.de

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