Woher rühren diese Unterschiede? Welchen Einfluss hat der Ausländeranteil
auf die regionale Verbreitung von Kinderarmut?

Mit Hilfe der drei Modelle in Tabelle 1 soll diesen Fragen nachgegangen werden. Ausgangspunkt ist die Vorstellung, dass sich die regionalen Unterschiede hinsichtlich der Verbreitung relativer Einkommensarmut bei Kindern einerseits auf das durchschnittliche Einkommensniveau  des Regierungsbezirks und andererseits auf die Verbreitung sozialer Risiken zurückführen lassen.


Tabelle 1: Ursachen regionaler Unterschiede, 2014
Abhängige Variable: Armutsquote von Personen unter 18 Jahren


Quellen: Statistisches Bundesamt (Regionaldatenbank),(Statistisches Bundesamt 2015b), eigene Berechnungen; [robuste] Standardfehler in Klammern

 

Hypothesen und Daten

Je höher das Einkommensniveau in einem Regierungsbezirk, desto niedriger sollte die Armutsquote der Kinder ausfallen. Analog zur Armutsmessung wird in der Analyse auf das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte zurückgegriffen, welches  auf der Ebene von Kreisen in Pro-Kopf-Beträgen vorliegt. Aus der Literatur geht hervor, dass Kinder mit Migrationshintergrund und insbesondere Einwanderer ein hohes Armutsrisiko tragen (Statistisches Bundesamt 2015a, S. 343; Fuhr 2012). Auf der Basis amtlicher Daten kann diese Risikogruppe über den Anteil von Personen mit nichtdeutscher Staatsbürgerschaft an der Bevölkerung in der Altersgruppe unter 18 Jahren operationalisiert werden.

Ein weiterer, in Studien belegter Faktor ist das Zerbrechen von Familien: Alleinerziehende und deren Kinder sind besonders armutsgefährdet (Tophoven et al. 2016, S. 18-20). Zum Anteil von Alleinerziehenden liegen in der amtlichen Statistik jedoch keine ausreichend regional gegliederten Statistiken vor. Aus diesem Grunde wird ein Indikator verwendet, der die Instabilität von Ehen durch die Relation von Scheidungen zu Eheschließungen im jeweiligen Regierungsbezirk misst.

Schließlich soll die Rolle des Arbeitsmarktes beleuchtet werden. Die Arbeitslosenquote basiert auf Daten der Bundesagentur für Arbeit und setzt die Zahl der Arbeitslosen in Relation zur Summe aus sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und Arbeitslosen. [1]

Ergebnisse

Das Modell 1 zeigt, dass regionale Wohlstandsunterschiede der privaten Haushalte einen substantiellen Anteil der Varianz bei der Verbreitung von Kinderarmut aufklären können. Im zweiten Modell werden zusätzlich die Wirkungen sozialer Risiken untersucht. Erwartungsgemäß zeigt sich, dass instabilere Ehen und ein größerer Bevölkerungsanteil ausländischer Kinder mit einem höheren Armutsrisiko von Minderjährigen einhergehen.

Das Modell 3 bezieht schließlich die Lage am Arbeitsmarkt in die Analyse ein. Nach Berücksichtigung der Arbeitslosenquote werden alle übrigen Koeffizienten deutlich kleiner und der Anteil der Ausländerkinder verliert seine Signifikanz sogar gänzlich. Diese Resultate legen nahe, dass die Wirkung der ausländischen Staatsbürgerschaft und der privaten Haushaltseinkommen über den Arbeitsmarkt vermittelt sind. Ein Großteil des privaten Haushaltseinkommens insbesondere in den unteren Schichten ist Arbeitseinkommen. Je höher die Arbeitslosigkeit, desto schwerer fällt es gerade den Ausländern, ein Einkommen oberhalb der Armutsgrenze zu erwirtschaften.

Fazit

Die große Einwanderung des Jahres 2015 hat einen deutlichen Anstieg der Kinderarmut mit sich gebracht. Dieser setzte sich in Abhängigkeit von der konjunkturellen Situation und der Arbeitsmarktlage in zahlreichen Regionen fort. Während sich die Situation in Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen gebessert hat, sind in den Regionen Gießen, Berlin und Thüringen steigende Armutsquoten zu verzeichnen. Bei alledem ist das Armutsrisiko der einheimischen Kinder jedoch praktisch unverändert geblieben, während die Einwandererkinder derzeit oft in Armut leben müssen. Zunächst einmal sollte im Vordergrund stehen, dass diese Kinder nun in Sicherheit sind. Mittelfristig ist es jedoch erforderlich, die Flüchtlinge zu Löhnen und Bedingungen in Arbeit zu bringen, die ihnen ein Leben oberhalb der Armutsgrenze ermöglicht. Dies erfordert weiterhin große Anstrengungen bei der Qualifizierung.



[1]    Der übliche Bezug auf die zivile Erwerbsbevölkerung ist nicht möglich, weil diese Kennziffern auf der Kreisebene nicht vorliegen. Letzteres ist aber erforderlich, weil die Daten für Brandenburg Nordost und Südwest aus Kreisdaten konstruiert werden müssen.



Literatur


Amt für Statistik Berlin-Brandenburg. 2014. Regionaler Sozialbericht Berlin und Brandenburg 2013. Berlin.

Bundesagentur für Arbeit. 2016. Kinder in Bedarfsgemeinschaften. Juni 2016. Nürnberg: Bundesagentur für Arbeit.

Fuhr, Gabriela. 2012. Armutsgefährdung von Menschen mit Migrationshintergrund. Wirtschaft und Statistik 2012:549–563.

Seils, Eric. 2016. Einwanderung – Der Beitrag der Erwerbstätigkeit zur Integration. WSI Verteilungsmonitor. Düsseldorf: WSI der Hans-Böckler-Stiftung.

Seils, Eric, und Jutta Höhne. 2016b. Wie wirkt sich die Einwanderung auf die Armut aus? http://www.boeckler.de/pdf/wsi_vm_armut_migrationshintergrund.pdf

Statistisches Bundesamt. 2015a. Bevölkerung mit Migrationshintergrund - Ergebnisse des Mikrozensus. Fachserie 1 Reihe 2.2-2014. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

Tophoven, Silke, Claudia Wenzig, und Torsten Lietzmann. 2016. Kinder in Armutslagen. Konzepte, aktuelle Zahlen und Forschungsstand. IAB Forschungsbericht 11/2016. Nürnberg.

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