Tarifrunde 1993

Vier-Tage-Woche bei Volkswagen

Am 26. Oktober 1993 informierte der Vorstand der Volkswagen AG den Gesamtbetriebsrat und zwei Tage später die Öffentlichkeit über Pläne, angesichts der akuten (Absatz)Probleme des Unternehmens vorübergehend eine Vier-Tage-Woche bei entsprechend reduzierter Bezahlung einzuführen.


Die ersten gewerkschaftlichen Reaktionen waren zunächst vorsichtig positiv. Bereits am 11. November kam es zu einem ersten Tarifgespräch über dieses Vorhaben. Streitpunkt war vor allem die Frage, in welchem Umfang die Beschäftigten bei der Arbeitszeitverkürzung um 20 vH auf 28,8 Stunden/Woche auf Einkommen verzichten müßten. Nach 5 Verhandlungsrunden erreichten die Tarifparteien am 25.11. eine grundsätzliche Einigung, der die VW-Tarifkommission der IG Metall mit breiter Mehrheit bei nur sieben Gegenstimmen zustimmte. Sie sieht vor:

  • Verzicht des Unternehmens auf betriebsbedingte Kündigungen für die Laufzeit des Vertrages von 2 Jahren,
  • Einführung der Vier-Tage-Woche mit einer Wochenarbeitszeit von 28,8 Stunden für alle Beschäftigten,
  • Reduzierung der Löhne und Gehälter um 20 vH, jedoch Absicherung der bisherigen Monatseinkommen.
    Diese Absicherung wurde durch folgende Maßnahmen erreicht:
  • Die 35-Stunden-Woche wird mit vollem Lohnausgleich von 2,8 vH vom Oktober 1995 auf den 1.1.1994 vorgezogen.
  • Die zum 1.11.1993 fällige Lohnerhöhung von 3,5 vH wird auf den 1.1.1994 verschoben, der Lohnausgleich für die 35-Stunden-Woche wird darauf angerechnet.
  • Im Vorgriff auf die Tariferhöhung zum 1.8.1994 wird eine Entgelterhöhung von 1 vH gezahlt.
  • Der bei VW übliche Sonderurlaub ("Erholungsfreizeit") fällt weg, er wird mit einem Teil des Lohnausgleichs der 35-Stunden-Woche verrechnet.
  • Die Jahressonderzahlung (93 vH eines Monatseinkommens) und etwa drei Viertel des Urlaubsgeldes werden ab 1.1.1994 in monatliche Zahlungen umgewandelt [1] und füllen so das reduzierte Monatsentgelt weiter auf.

Am Beispiel des Entgeltniveaus F sieht diese Rechnung folgendermaßen aus:

Monatsentgelt des Entgeltniveaus F bei Vier-Tage-Woche

4099 DM   

  Monatsentgelt F bei 36 Stunden

3279 DM   

  bei 28,8 Stunden

820 DM   

  20 % Einsparung

+143 DM   

  3,5 % Tariferhöhung vom 1.11.1993

+41 DM   

  1 % vorgezogene Tariferhöhung

+ 204 DM   

  Vorziehen der 35-Stunden-Woche + VW-Beitrag  

+274 DM   

  Umverteilung Jahressonderzahlung

+158 DM   

  Umwandlung Urlaubsgeld

4099 DM   

  Monatslohn ab 1.1.1994

Quelle: IG Metall

Nach Angaben von VW ergibt dieser Abschluß eine Kostenersparnis von 20 vH (2,2 Mrd. DM), die IG Metall geht von einer Minderung des Jahreseinkommens um 10 vH aus. Die auf den ersten Blick unerklärliche Differenz kommt dadurch zustande, daß VW neben den unmittelbaren Personalkosteneinsparungen auch die vermiedenen Kosten der Abbauplanung mit Kurzarbeit, Abfindungen und Sozialplanaustritten einrechnet, während die IG Metall sich ausschließlich auf die Tarifeinkommen bezieht.

Beide Tarifparteien, so ist es im Verhandlungsergebnis festgehalten, sind sich darüber einig, daß zur Beschäftigungssicherung weitere Maßnahmen erforderlich sind. Dies können z.B. arbeitsfreie Blockzeiten zur Qualifizierung und ein sogenanntes Stafettenmodell für jüngere und ältere Beschäftigte sein. 


[1] Der restliche Teil des Urlaubsgeldes wird als einheitlicher Betrag für alle in gleicher Höhe von 764 DM pro Jahr 1994 und 1995 ausbezahlt.

Auszug aus: WSI-Tarifbericht 1993


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