WSI-Mitteilungen Ausgabe 08/2017

Jörg Wiedemuth

Tarifverhandlungen – ein überflüssiges Ritual? Zur Innenansicht eines gesellschaftlichen Konfliktes


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WSI-Mitteilungen 8/2017, Seiten 614–620

Zusammenfassung

Tarifverhandlungen, zumindest deren die in der Öffentlich wahrnehmbaren Teile, werden oftmals als leere und überlebte Rituale betrachtet. Hinter den Kulissen jedoch erweisen sich diese Rituale als ein Geflecht von determinierten Verhaltensmustern, die beiden Tarifvertragsparteien ein hohes Maß an Verhaltenssicherheit und Kalkulierbarkeit gewähren. Mehr noch: Die externen wie auch internen Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen von Tarifauseinandersetzungen konfigurieren die Austragung eines grundlegenden sozialen und ökonomischen Konfliktes zwischen den Protagonisten von Lohnarbeit und Kapital.
Sie fußen auf bestimmten rechtlichen, sozialen und ökonomischen Grundlagen, die nicht ohne Folgen ignoriert werden können. Der Beitrag beschreibt wesentliche organisatorische und soziale Abläufe von Tarifauseinandersetzungen und arbeitet ihren Stellenwert als Formen demokratischer Willensbildung und Kompromissfindung heraus. Deutlich wird, dass das vielfach als „Tarifritual“ abschätzig titulierte Procedere von Tarifverhandlungen für die kooperative Struktur des Tarifsystems und der Tarifautonomie, wie sie sich in Deutschland herausgebildet hat, hochgradig funktional und keinesfalls sinnlos.

Abstract

Collective bargaining negotiations, at least those of which the general public are aware, are often viewed as surviving but empty rituals. Behind the scenes, however, these rituals prove to be a network of pre-determined forms of behaviour which are observed by both parties to the collective bargaining and which ensure both behavioural safety and predictability. In addition, the external and internal communication and decision-making structures of collective bargaining configure the basis for the social and economic conflict between the protagonists of wage earners and capital. They are based on fixed legal, social and economic frameworks which cannot be ignored without consequences. The article describes central essential organisational and social processes of collective bargaining and analyses their importance in shaping the democratic development of public opinion and compromise. It becomes clear that what is often dismissively described as ‘collective bargaining ritual’ is in fact highly functional and in no way pointless for the cooperative structure of collective bargaining autonomy.

 


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