"Ein regelmäßiger Wechsel von Arbeits- und Ruhephasen ist zentral für die Regeneration"

Der Arbeits- und Sozialpsychologe Prof. Dr. Friedhelm Nachreiner (Gesellschaft für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologische Forschung e.V., GAWO) beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Arbeitszeit und Arbeitsschutz. Am Dienstag spricht er auf der Fachtagung „Faire Arbeit! Wie begrenzt der Betriebsrat Arbeit und Arbeitszeit?“ in Köln. Die Veranstaltung richtet die Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit der IG Bauen-Agrar-Umwelt und der Offensive Mitbestimmung des DGB aus.


HBS: Die Digitalisierung führt nicht nur zu Mobilarbeit und ständiger Erreichbarkeit. Sondern auch zu Begehrlichkeiten der Arbeitgeber, etwa der BDA, die tägliche Höchstarbeitszeit zu Gunsten einer Wochenarbeitszeit zu kippen. Was hält der Arbeitsschützer davon?

Friedhelm Nachreiner: Nichts. Rechnerisch würden damit Schichten von 12 Stunden und 15 Minuten möglich: Mit 45 Minuten Pause wären das 13 Stunden, zusammen mit der von der EU-Arbeitszeitrichtlinie vorgeschriebenen elfstündigen Ruhezeit 24. Mehr geht nicht. Das ist aber schon zu lang, weil bei derart langen Schichten das Risiko für Fehlhandlungen massiv steigt, und zwar nicht linear, sondern exponentiell. Das kann zu mehr Unfällen führen. In jedem Fall sinkt die Konzentration so, dass Fehler passieren. Damit ist auch bereits gesagt: Nicht einmal unter Leistungsgesichtspunkten ist sinnvoll, die Arbeitszeit dermaßen zu massieren. So lange kann niemand effektiv und effizient arbeiten.

HBS: Laut Untersuchungen wünschen sich allerdings auch viele Arbeitnehmer flexible Arbeitszeiten: also etwa an drei Tagen richtig ranzuklotzen, um dafür ein längeres Wochenende zu haben.

Nachreiner: Oft geht die Rechnung nicht auf: Ein regelmäßiger Wechsel von Arbeits- und Ruhephasen ist zentral für die Regeneration; die elf Stunden Ruhe sind unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten das Minimum. Und auch Pausen während der Arbeit sind wichtig; modellhaft kehrt der Körper immer dann zurück in seine Ausgangslage, wenn auf eine relativ kurze Arbeitsperiode eine angemessene Pause folgt. Also: Wenn Sie von Montagfrüh bis Mittwochnacht durcharbeiten, hängen Sie bis Freitag in den Seilen und haben als Arbeitnehmer draufgezahlt. Außerdem führt Flexibilisierung meines Wissens nie dazu, dass ein Arbeitnehmer sagen kann: Morgen haben wir Familienfeier, da komme ich nicht. Sondern immer dazu, dass der Arbeitgeber spontan erklärt: Wir brauchen dich morgen aus betrieblichen Gründen. So wird Arbeitszeit unplanbar. Das hat gesundheitliche und soziale Folgen.

HBS: In einigen großen Unternehmen, etwa bei BMW, wurden in den vergangenen Jahren mitbestimmte Betriebsvereinbarungen zur Mobilarbeit abgeschlossen. Sie sehen etwa vor, dass auch das Telefonat im Zug oder das Mails-Checken zuhause Arbeitszeit ist. Eine gute Idee?

Nachreiner: Dass das Arbeitszeit ist, ist doch eigentlich selbstverständlich. Dennoch: In Sachen Arbeitszeit mögen die Regelungen vordergründig vernünftig sein. Aber: Aus Sicht des Arbeitsschutzes fehlt meist jede Kontrolle, etwa des Arbeitsplatzes zuhause: Ist dieser vernünftig ausgestattet; wird etwa die Bildschirmarbeitsverordnung eingehalten? Wichtig ist zudem: So eine Regelung ist immer nur auf einen Teil der Belegschaft anwendbar; bei BMW etwa auf Ingenieure oder Designer. In der Produktion geht das nicht, die Montage können sie nicht zuhause erledigen.

HBS: Ist auch die Bau-, Agrar- und Umweltbranche, deren Betriebsräte Sie am Dienstag in Köln vor sich haben, betroffen?

Nachreiner: Unbedingt. Bau und Landwirtschaft sind extrem wetter- und saisonabhängig; da haben Arbeitgeber ein ganz besonderes Interesse an Flexibilisierung. Zugespitzt gesagt wäre ihnen wahrscheinlich am liebsten, wenn im Sommer immer gearbeitet und im Winter die Ruhezeiten genommen werden könnten. Und, auch wenn das wohl nie eintreten wird, gilt auch dort: Jede Desynchronisierung durch die Arbeitszeit schafft Probleme, Ruhe, Erholung und soziale Kontakte in Einklang zu bringen.



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