Veranstaltungsbericht

Rente braucht radikales Umsteuern

„Neustart in der Rentenpolitik – vom Menschen her denken“ lautete der ambitionierte Titel des Kongresses, zu dem der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung am 5. Juni nach Berlin eingeladen hatten. Und tatsächlich waren viele kämpferische Töne zu vernehmen.

Von Annette Jensen


„Millionen Erwerbstätige steuerten auf eine Rente unter Grundsicherungsniveau zu. Was da tickt ist eine soziale Zeitbombe. Die muss entschärft werden“, beschrieb der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske die Situation. Annelie Buntenbach vom DGB-Bundesvorstand bezeichnete es als „komplett ungerecht“, dass Menschen mit niedrigen Einkommen und Altersbezügen auch noch eine deutlich niedrigere Lebenserwartung haben als Besserverdienende und die Anhebung des Rentenalters sie deshalb doppelt hart trifft.

Florian Blank vom WSI zeichnete zunächst die rentenpolitischen Entwicklung der vergangenen beiden Jahrzehnte nach: Systematisch wurde die gesetzliche Versicherung geschwächt und das Rentenniveau abgesenkt. Der demografische Wandel war Kern der Erzählung, dass eine auf Umlage basierende Alterssicherung nicht mehr bezahlbar sei. Die hohe Arbeitslosigkeit lieferte die Begründung, warum die Unternehmen in Deutschland entlastet werden müssten. „Die Debatte war fokussiert auf die Finanzierbarkeit“, fasste Ute Klammer vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen zusammen.

Dabei nutzten die Treiber dieser Entwicklung „statistische Tricks“, wie Gerd Bosbach, Professor an der Hochschule Koblenz, ebenso unterhaltsam wie überzeugend nachwies. So wurde beispielsweise suggeriert, dass gegenwärtig alle 20 bis 65-Jährigen arbeiten und vier von ihnen einen alten Menschen mitversorgen, während sich künftig nur noch zwei diese Last teilen könnten. Tatsächlich aber ist das Verhältnis der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zu den Senioren schon heute viel niedriger. Außerdem gibt es im System viele Stellschrauben: Eine deutlich höhere Erwerbsquote von Frauen, die Abschaffung von Minijobs, die Erhöhung der Produktivität und die Aufnahme von Beamten und Selbständigen in die gesetzliche Rentenversicherung. Zwar hätten neue Mitglieder später selbst Ansprüche auf Zahlungen. Doch weil es im Grunde nur darum ginge, die 10 bis 15 Jahre zu überbrücken, in denen die Babyboomer Rentner sind, wäre eine solche Erweiterung zum richtigen Zeitpunkt eine gute Lösung, so Bosbach.

Spätestens nach der Finanzkrise 2008 war in breiten Gesellschaftskreisen angekommen, dass eine recht umfassende Altersarmut droht. Langsam veränderte sich der Diskurs, die Bundesregierung beschloss einige Leistungsverbesserungen. Dazu zählen die Anrechnung von Erziehungszeiten, die Rente mit 63 nach 45 Arbeitsjahren oder bessere Bedingungen für Personen, die durch Krankheit erwerbsgemindert sind. Ein Paradigmenwechsel war das aber noch nicht. Den fordern die Gewerkschaften nun ein und stellen Gerechtigkeit und Fairness ins Zentrum der Debatte: Nach jahrzehntelanger Arbeit muss die Rente reichen, um im Alter würdig leben zu können, brachte es Bsirske auf den Punkt.

Dass das geht, ohne dass die Wirtschaft Schaden nimmt, zeigte Josef Wöss von der Kammer für Arbeiter und Angestellte in Wien. In Österreich zahlen so gut wie alle Erwerbstätigen in die öffentliche Pensionskasse ein und bekommen nach 45 Arbeitsjahren 80 Prozent ihres Lohndurchschnitts. In der Regel gehen sie mit 65 in Rente, aber für Menschen mit besonders harten Arbeitsbedingungen gibt es auch Möglichkeiten, früher aufzuhören. Die Beiträge liegen seit 1988 stabil bei 22,8 Prozent, wobei die Arbeitgeber 2,3 Prozent mehr aufbringen müssen als die Beschäftigten. Die Unterschiede sind immens: Ein 2016 verrenteter Durchschnittsmann bekommt in Österreich 2000 Euro, sein Kollege in Deutschland lediglich 1120 Euro. Zugleich stieg das Bruttoinlandsprodukt in Österreich seit dem Jahr 2000 deutlich stärker als hierzulande. „Ich hoffe, dass der DGB eine erfolgreiche Renten-Kampagne fährt“, schloss Wöss seinen Vortrag.


zurück

X

Hinweis zur Nutzung von Cookies auf dieser Website

Diese Website benutzt Cookies. Indem Sie die Website und ihre Angebote nutzen und weiter navigieren, akzeptieren Sie diese Cookies. Die Nutzung der Cookies können Sie in Ihren Browser-Einstellungen ändern. Wir benutzen außerdem Tracking-Cookies der Tracking-Tools Matomo und Webtrekk. Diese werden nur gesetzt, wenn Sie auf den „Einverstanden“-Button klicken. Solange Sie dies nicht tun, nutzen Sie die Website und Ihre Angebote, ohne dass die genannten Tracking-Tools aktiviert werden. Durch die Betätigung des Einverstanden-Buttons willigen Sie auch in das durch Facebook Insights getätigte Tracking auf der Facebook Fanpage der Hans-Böckler-Stiftung ein. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.


Einverstanden