Neue Denkräume eröffnen

Die Hans-Böckler-Stiftung beschreitet neue Wege: Eine Kunstausstellung in Brüssel soll helfen, die Idee der Arbeitnehmerbeteiligung in Europa zu befördern. Norbert Kluge, Direktor des Instituts für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Stiftung, erklärt im Interview, wie das gehen soll.
Die Fragen stellte Joachim F. Tornau, Journalist in Hamburg und Kassel


Herr Kluge, am 4. April 2019 findet in Brüssel die nächste Veranstaltung zum Workers’-Voice-Projekt der Hans-Böckler-Stiftung statt. Der Titel lautet „Dynamics of Interstices“, eingeladen ist der Kasseler Künstler Dieter Haist. Das klingt spannend. Aber was hat Kunst mit Arbeitnehmerbeteiligung zu tun?

Wir erwarten von dem Künstler keine gesellschaftspolitischen Antworten. Aber wir glauben, dass sein Konzept, seine Arbeitsweise für die Diskussion um ein soziales Europa inspirierend sein kann. Dieter Haist sagt: Bevor ich den Dingen eine Form geben kann, muss ich mich mit dem leeren Raum auseinandersetzen – und erst durch diese Auseinandersetzung entwickele ich eine Serie von Bildern, die dem leeren Raum Form geben. Die Bilder von Dieter Haist sind Ergebnis eines intensiven Arbeitsprozesses. Wenn wir als Gewerkschafter diesen Ansatz aufnehmen, stehen wir selbst vor der Frage: Müssen wir, bevor wir allzu schnelle Antworten geben, nicht auch den – metaphorisch gesprochen – vollkommen zugestellten Raum „Europa“ erst einmal entrümpeln, um die schöpferische Kraft zu gewinnen, neue Gedanken zu fassen oder alte wieder zu entdecken, um dem leeren Raum wieder unsere eigene Form zu geben?

Können Sie das konkretisieren?

Nehmen wir das Beispiel Brexit. Der gesamte europäische Diskurs ist derzeit ja davon geprägt, aber es wird diskutiert, als wäre Europa nur ein Europa der Regierungen, von denen eine nicht richtig tickt und die anderen nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Das beherrscht den Raum. Um da nicht ohnmächtig zu bleiben, muss man eine andere Perspektive finden. Für uns als Gewerkschaften und Arbeitnehmer geht es beim Brexit doch eigentlich vor allem darum, wie wir mit unseren Kolleginnen und Kollegen in Großbritannien weiter zusammenarbeiten und gemeinsam unsere Interessen vertreten können, egal, wie sich diese Regierung letztlich entscheidet. Vielleicht heißt der leere Raum hier ja Solidarität. Wie wollen wir sie unter diesen Bedingungen praktisch herstellen?

Das passt in der Tat zum Ansatz der „funktionalen Äquivalente“, den Sie mit der internationalen Expertengruppe „Workers’ Voice“ entwickelt haben: Arbeitnehmerbeteiligung in Europa entsteht aus dem Zusammenwirken verschiedener Elemente, von Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat über Betriebsräte bis zu Kollektivverträgen, und kann ganz verschieden organisiert sein. Aus der Funktion, in transnationalen Unternehmen die Mitsprache der Beschäftigten auf Vorstandsebene sicherzustellen, können sich also unterschiedliche Formen ergeben.

Genau. Das ist sozusagen das Grundrauschen der Veranstaltung, aber wir werden uns nicht explizit mit den verschiedenen Varianten von Workers’ Voice beschäftigen. Die Botschaft ist vielmehr: Wenn man Europa politisch ausgestalten will, muss man sich der Anstrengung unterziehen, erst einmal nicht zu wissen, wo es hingeht. Um dann im zweiten Schritt sagen zu können: Es gibt unterschiedliche Formen und Konstellationen, aus denen spannende Handlungs- und Gestaltungsoptionen entstehen.

Wie sind Sie auf Dieter Haist gekommen?

Wir haben schon einmal mit ihm zusammengearbeitet, als wir als Mitbestimmungsexperten in der Hans-Böckler-Stiftung unsere Szenarien „Mitbestimmung 2035“ entwickelt haben. Auch damals ging es darum, dass wir uns daran gewöhnen müssen, in Alternativen und verschiedenen Zukünften zu denken. Wenn man sich die Arbeitswelt der Zukunft als leeren Raum vorstellt, dann gilt es sich zu erarbeiten, wie man ihn unterschiedlich formatieren kann. Kennengelernt habe ich Dieter Haist an der Kunsthochschule in Kassel, wo er bis zu seiner Pensionierung 2008 gelehrt hat und auch gewerkschaftlich aktiv war. Seit dem Jahr 2000 ist er Gastprofessor an der chinesischen Nanjing University of Arts. Er ist übrigens gelernter Malermeister – er weiß also, was praktisches Arbeiten heißt. Seine Kunst versteht er deshalb auch nicht als L’art pour l’art, sondern als etwas, was man sich erarbeiten muss.

Was erwartet die Besucher der Veranstaltung?

Zunächst einmal eine Keynote von Dieter Haist, in der er über seine Arbeitsweise sprechen wird, und dann natürlich die Chance, seine Bilder zu sehen. Über Kunst nur zu sprechen, ohne sie zu zeigen, wäre ja unsinnig. Welche Inspiration darin stecken kann für die Gestaltung des sozialen Europas, das wollen wir aus verschiedenen europäischen Perspektiven in einem Gespräch klären, das von der Deutsche-Welle-Journalistin Melinda Crane geleitet wird. Vor allem der profilierte europäische Gewerkschafter und DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann wird sagen können, inwieweit ihn das Arbeitsprinzip des Künstlers Haist auf neue Gedanken bringt, Europa stärker als heute zum sozialen Zuhause von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu machen. Darüber wird sich auch Peter Scherrer, stellvertretender Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbunds, mit drei Stipendiatinnen und Stipendiaten von Hans-Böckler-Stiftung und Friedrich-Ebert-Stiftung unterhalten.

Dreimal haben Sie schon Workers’-Voice-Breakfasts in Brüssel veranstaltet, bei denen Praktiker der Mitbestimmung aus ihrem Alltag berichteten, jetzt folgt ein künstlerischer Input. Was kommt als nächstes?

Wir werden diese Veranstaltungsserie auf jeden Fall fortsetzen. Damit wollen wir die Bedeutung des Themas Workers’ Voice stärker ins Bewusstsein der Politikvorbereiter in EU-Kommission und EU-Parlament und weiterer Entscheider auf dem Brüsseler Parkett heben. Die Kunst könnte uns dabei helfen, denn ihre Sprache ist ja universell und wird in Palermo genauso verstanden wie in Spitzbergen. Wir wollen erreichen, dass unser Thema Eingang findet in die nächsten Arbeitsprogramme des politischen Brüssel. Wir wollen endlich eine europäische Richtlinie, die Mindeststandards nicht nur für Unterrichtung und Anhörung in grenzüberschreitenden Unternehmen festlegt, sondern auch für die Mitbestimmung. Europas Wirtschaft besteht nicht nur aus Top-Managern und Aktionären, deren Rechte besonders geschützt werden müssten. Unternehmen müssen der Gesellschaft dienen und nicht umgekehrt. Sonst werden sich immer mehr Menschen mit Grausen von dieser EU abwenden.



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