Bericht zur Engineering- und IT-Tagung

Gute Arbeit und Digitalisierung – wie geht das?

Rund 280 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten auf der 9. Engineering- und IT-Tagung aktuelle Themen rund um Digitalisierung, Mitbestimmung und Arbeitswelt.


Weder Flexibilität noch Kreativität seien Einbahnstraßen – „die Digitalisierung ist es schon dreimal nicht“. So läutete Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, am Freitag auf dem Gelände des Technologieparks in Berlin-Adlershof ihren Vortrag ein. Und schlug den Bogen zur aktuellen Tarifrunde. Eine „Arbeitszeitverkürzung mit verbrieftem Rückkehrrecht“ sei unerlässlich. Die IG Metall fordert 6 Prozent mehr Entgelt sowie das Recht auf Reduzierung der Wochen-Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden für bis zu 24 Monate. Wer flexible und agile Arbeitsformen wolle – zu denen sich die IG Metall bekenne – müsse diese „auf Augenhöhe mit den Beschäftigten gestalten“; unter denen sei das Bedürfnis nach selbstbestimmten flexiblen Arbeitszeiten groß. „Es werden harte Verhandlungen werden“, kündigte Benner an; die IG Metall stehe bereit, „mit Herz und Hirn die Zukunft zu gestalten. Zu lange ist Flexibilität nur in Richtung der Arbeitgeber gegangen.“

Zweieinhalb Tage lang brachten sich die Teilnehmenden der inzwischen 9. Engineering- und IT-Tagung, die die Hans-Böckler-Stiftung Böckler-Stiftung in Kooperation mit der IG Metall veranstaltete, auf den neuesten Stand zu Digitalisierung, Arbeitswelt und Mitbestimmung. Sie debattierten agiles Arbeiten und Crowdwork, Big Data und Künstliche Intelligenz, loteten aus, was es für E-Learning braucht, warfen einen kritischen Blick auf Shared Services – die Zentralisierung von Dienstleistungs-Prozessen – und debattierten aktuelle Herausforderungen an Vertrauensleute und Betriebsräte, Tarifverträge und Mitbestimmung. Für letztere gelte, so der Workshop-Titel: „Auch wenn sich alles ändert – Mitbestimmung muss bleiben.“

Der Tagungs-Titel „Plattformökonomie – Basis für gute Arbeit?“ hob auf eine Arbeitsform ab, zu der DBG-Chef Reiner Hoffmann wenige Tage zuvor auf der Böckler-vor-Ort-Konferenz „Vision Ingolstadt 2030“ prägnante Worte gefunden hatte: „Wie gelingt es uns, die Plattformen in die Pflicht zu nehmen, sich als Arbeitgeber zu verstehen – anstatt mit tausenden Solo-Selbstständigen zu arbeiten, ohne Verantwortung zu übernehmen, nach dem Motto "Sharing ist schick, und hier arbeiten alle freiwillig".“ In Wahrheit handle es sich um Arbeitnehmer: „Die Menschen, die dort arbeiten, dürfen nicht die Sklavenarbeiter oder Tagelöhner von morgen sein.“

Deutlich wurde aber auch: Gewerkschaften sind weder machtlos noch untätig. Mit Vanessa Barth (Funktionsbereichsleiterin Zielgruppenarbeit und Gleichstellung, IG-Metall-Vorstand), Michael Fischer, (Leiter Politik und Planung, ver.di-Bundesverband) und Ulrike Laux (Bundesvorstand Agrar-Bauen-Umwelt) beleuchteten Vertreter von drei DGB-Gewerkschaften ihr Engagement: Sowohl ver.di (ich-bin-mehr-wert.de) als auch die IG Metall (faircrowdwork.org) stehen Crowdworkern mit Beratungs- und Info-Plattformen zur Seite; beide sind zudem seit mehreren Jahren in Gesprächen mit Plattformbetreibern. Barth berichtete, es gäbe seit kurzem für den Code of Conduct, den acht Plattformen unterzeichnet und an dem ver.di und IG Metall mitgearbeitet haben, eine Ombudsstelle, in der Streitigkeiten zwischen Crowdworkern, Auftraggebern und Plattformen geklärt würden. Barth: „Wir haben den Verhaltenskodex mit einem Regelungsmechanismus flankiert.“

Für den Gebäudereinigungs-Bereich berichtete Ulrike Laux von Gesprächen mit Plattformen, die haushaltsnahe Dienstleistungen vermitteln. Laux kündigte zudem eine Vereinbarung mit dem Ferienwohnungsvermittler Airbnb über den Umgang mit privaten Reinigungskräften an: „Wir finden nicht gut, was Airbnb macht. Aber wir glauben, dass wir diesen Weg gehen müssen, wenn wir Einfluss nehmen wollen. Anders ist Kontrolle nicht möglich.“

Gewerkschaftlicher Austausch sei wichtig, sagte ver.di-Mann Fischer: „Branchen werden unterschiedlich durcheinandergewirbelt. Wir brauchen den Dialog.“ Für ver.di erklärte er, das weite Feld Smart City spiele eine immer größere Rolle: „Wenn alle Datenströme in einer Stadt zusammenfließen – wem gehört dann die Plattform?“ Wichtig sei: Es brauche offene Standards – „Open Data für Big Data“ –; und: Sensible Daten gehörten in die öffentliche Hand. Zum Auftakt der Berliner Tagung hatte der Potsdamer Digitalexperte Key Pousstchi deutlich gemacht: In einer Welt, in der Uber kein einziges Taxi, Airbnb keine einzige Wohnung und Facebook keinen einzigen Inhalt besitzt, gehe es statt um Teilen vor allem um Sammeln – möglichst vieler und mit steigender Anzahl immer wertvollerer Daten.

Angeregt wurde im Fishbowl mit den drei Gewerkschaftern, den Blick nicht nur auf Deutschland zu richten. „Auch auf EU-Ebene brauchen wir den Mut, zu regulieren“, forderte Laurent Zibell vom Industriegewerkschaftsverband IndustriAll Europe. Das Engagement von Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager, die Google jüngst eine Strafe von 4,2 Milliarden Euro bescherte, sei ein Mut machender Schritt. Six Silberman, US-amerikanischer Digitalexperte bei der IG Metall, riet, auch die Ansprache der Plattformen auszuweiten: „Vor allem hochqualifizierte Tätigkeiten werden auf Plattformen vermittelt, die allesamt in den USA sitzen.“

Von Jeannette Goddar



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