Energiearmut als neues soziales Risiko?

Eine empirische Analyse als Basis für existenzsichernde Sozialpolitik


Forschungsschwerpunkt: Wohlfahrtsstaat

Status: Abgeschlossen

Projektende: 31.08.2015

Projektnummer: 2013-654-4

Projektziel:

Energiearmut spielte bis vor einigen Jahren keine Rolle in der deutschen Armutsdiskussion. Doch Energiepreise und Energiewende haben die Bedeutung des Basisgutes Energie wieder ins Bewusstsein gerückt. Auf der Basis von Sekundäranalysen bietet das Projekt einen Querschnittsblick auf deutsche Haushalte: Haben armutsgefährdete Haushalte zu hohe Energiekosten? Wie viele leiden unter Energiearmut?

Projektbeschreibung:

1. Kontext

Die Energiewende hat erneut die Frage aufgeworfen, ob die Belastung durch Energiekosten sozial ungleich verteilt ist. Es ist wenig überraschend, dass Energiepreissteigerungen die armen Haushalte am stärksten treffen. Inflation schlägt dann am stärksten zu Buche, wenn ein Großteil des Haushaltseinkommens für lebensnotwendige Güter ausgegeben werden muss. Doch seit einigen Jahren gewinnt das spezifische Phänomen der "Energiearmut" an Bedeutung. Aus der Europäischen Kommission kommen Forderungen, verletzliche Verbraucherinnen und Verbraucher im Bereich der Energieversorgung zu identifizieren und besser zu schützen. Die Verbraucherzentrale NRW ermittelte zum Beispiel für 2010 rund 600.000 Stromsperren. Passiert ist in Deutschland bislang wenig: Weder gibt es spezifische gesetzliche Instrumente, noch sind Ursachen und Ausmaß der Energiearmut wirklich bekannt. Das Projekt möchte einen Beitrag dazu leisten, dieses Defizit zu verringern.

2. Fragestellung

Ist Energiearmut etwas anderes als Einkommensarmut? Dies ist die zentrale Frage, der wir im Projekt nachgehen. Drei mögliche Hauptursachen von Energiearmut werden häufig in der Literatur genannt: geringe Einkommen, geringe Energieeffizienz, hohe Energiepreise. Es scheint sich daher um ein mehrdimensionales Phänomen zu handeln. Diese Einschätzungen nehmen wir zum Anlass, vier zentrale Fragestellungen in unserer Studie zu verfolgen:

1. Wie lässt sich Energiearmut sinnvoll definieren und was wäre ein ausgereifter und praktikabler Indikator?

2. Welche Personen und Haushalte sind besonders von Energiearmut betroffen?

3. Was sind mögliche Ursachen von Energiearmut?

4. Welche Politikinstrumente können Energiearmut wirksam verringern oder verhindern?

3. Untersuchungsmethoden

Zur Beantwortung der Fragestellungen haben wir Sekundärdatenanalysen durchgeführt. Außerdem haben wir Interviews mit Expertinnen und Experten geführt. Hier ging es darum, Ursachen und Ausmaß von Energiearmut sowie die Wirksamkeit von Politik-Instrumenten einzuschätzen. Wir stützen uns auf die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Befragungsjahres 2008. Die Einzeldatensätze werden gewichtet, so dass repräsentative Aussagen über die 39.408.894 Haushalte in der Bundesrepublik möglich sind. Die EVS für 2013 lag bei Projektende nicht vor, so dass Aussagen zu Entwicklungstrends noch nicht möglich sind.

Für die Auswertung haben wir einen leicht operationalisierbaren und aussagefähigen Indikator entwickelt, mit dem Energiearmut gemessen werden kann: Ein Haushalt gilt als energiearm, wenn dessen (OECD-gewichtetes) Haushalts-Nettoeinkommen nach dem Abzug der (OECD-gewichteten) Energiekosten unter der 60-Prozent Armutsgefährdungsschwelle liegt.

4. Darstellung der Ergebnisse

Im Bezugsjahr 2008 waren rund 21,5 Prozent aller Haushalte in Deutschland energiearm, das sind 8,5 Mio. Haushalte. Unser Ergebnis liegt damit deutlich über der Quote von 13,8 Prozent, auf welche u.a. die Bundesregierung verweist. Energiearmut ist in erster Linie ein Einkommensproblem. Obwohl Strom- und Heizkosten in "angemessener Höhe" für Personen in der Grundsicherung übernommen werden, leiden rund 93 Prozent dieser Haushalte dennoch an Energiearmut.

Auch Erwerbsarbeit schützt nicht automatisch vor Energiearmut. Unter Haushalten mit Erwerbseinkommen beträgt die Quote der Energiearmen immerhin 14,7 Prozent. Von den Wohngeld-Haushalten sind fast 73 Prozent energiearm. Die Befunde deuten darauf hin, dass die Grundsicherungsleistungen nicht mit den Energiekosten Schritt halten. Auch scheint der Anspruch auf den Bezug von Wohngeld zu eng gefasst zu sein.

Armutsgefährdete Haushalte leiden allerdings nicht unter überproportional hohen Energieausgaben. Maßnahmen wie die Förderung von energetischer Effizienz scheinen daher kein probates Mittel zu sein, um Energiearmut gezielt zu bekämpfen.

Projektleitung und Bearbeiter/in:

Projektleitung:

Prof. Dr. Christoph Strünck

Universität Siegen Fakultät 1 - Politikwissenschaft

christoph.struenck@uni-siegen.de

Bearbeiter/in:

Frank Luschei

Kontakt:

Dr. Dorothea Voss

Hans-Böckler-Stiftung

Forschungsförderung

dorothea-voss@boeckler.de

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