Projektbeschreibung
Kontext
Kritik an einer unterentwickelten sozialen Dimension der EU und einer Wirtschaftspolitik, die lange Jahre vorwiegend auf Deregulierung und Liberalisierung setzte, mündete unter dem Eindruck der Finanzkrise zunehmend in einer generellen Skepsis auch vieler Arbeitnehmer/-innen gegenüber dem Projekt der Europäischen Integration. Dass diese Einigung von weiten Teilen der Gewerkschaften gerade in ihrer Frühphase von großen Hoffnungen begleitet war und sich zahlreiche gewerkschaftliche Führungspersönlichkeiten intensiv am Aufbau der Europäischen Gemeinschaften beteiligten, ist im kollektiven Gedächtnis der Gewerkschaften nur noch wenig verankert. Gleichzeitig thematisierte die Fachhistoriographie die europabezogenen Aktivitäten der Gewerkschaften bis in die allerjüngste Vergangenheit allenfalls am Rande.
Fragestellung
Im Kern konzentriert sich die vorliegende Darstellung auf die Frage nach Ausbildung und Entwicklung der grundsätzlichen europapolitischen Zielvorstellungen (der verschiedenen Flügel) der Gewerkschaftsbewegung in den (späteren) sechs EWG-Ländern. Gab es dabei überhaupt eine übernationale Leitvorstellung, wie Europa organisiert werden solle und wie kann diese charakterisiert werden? Wie verfestigt waren derartige Kernvorstellungen und änderten sie sich im Zeitverlauf? Und modifizierten die Erfahrungen der Arbeitnehmerorganisationen mit den europäischen Institutionen und dem politischen "output" der Europäischen Gemeinschaften ihre europapolitischen Leitvorstellungen? Welche Rolle spielten die verschiedenen europäischen Verbände der Gewerkschaften bei der Ausformulierung gewerkschaftlicher Europapolitik und wie wirkten die Gewerkschaften/gewerkschaftlichen Repräsentanten in den verschiedenen Zweigen der Europabewegung?
Untersuchungsmethoden
Den konzeptionellen Angelpunkt der Untersuchung bildet die Frage nach den europapolitischen „Leitbildern“ der Gewerkschaftsbewegung in den verschiedenen europäischen Ländern, ihrer Genese und Entwicklung. Leitbilder werden dabei in Anschluss an Heinrich Schneider nicht nur als Zielvorstellungen, sondern auch Wahrnehmungs- und Deutungsmuster der jeweils gegebenen Situation verstanden. Die Darstellung fußt auf einem umfangreichen Konvolut zeitgenössischer und neuerer wissenschaftlicher Literatur. Sie stützt sich zudem auf ausgewählte Quellen verschiedener Herkunft.
Darstellung der Ergebnisse
Die europapolitischen Ideen und Leitbilder der freien wie auch der christlichen Gewerkschaftsbewegung der Nachkriegszeit konnten an in der Zwischenkriegszeit gebildete Vorstellungen über eine wünschenswerte innereuropäische Ordnung anknüpfen. Die „idealistische“ Komponente der gewerkschaftlichen Europa-Idee bestand in der Überzeugung, dass allein ein zunehmend integriertes und von einer supranationalen Instanz gesteuertes Europa Garant für einen dauerhaften Frieden und damit die notwendige Antwort auf die Verheerungen zweier Weltkriege sei. Hinzu kam die grundsätzliche Leitvorstellung, dass ohne ökonomische Einigung der wirtschaftliche Wiederaufbau Europas eine durchgreifende wirtschaftliche und soziale Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft nicht zu erreichen sei. Der mit der Gründung der EGKS real einsetzende europäische Einigungsprozess wurde von den nichtkommunistischen Gewerkschaften der ursprünglich sechs EGKS bzw. EWG-Staaten mitinitiiert und von Beginn an intensiv gefördert. Insbesondere der Schuman-Plan griff Ideen der Gewerkschaften auf. Die positiven Erfahrungen mit der EGKS und deren Sozialpolitik bestärkten die Gewerkschaften in ihrem proeuropäischen Engagement.